Europa
© Stuart Pearce

Als Kapitän durch Burgund

Wer einfach mal abschalten und lokale Kulinarik und Kultur genießen möchte, ist als Kapitän auf dem eigenen Hausboot genau richtig. Hier entscheidet jeder selbst, wo angehalten wird und wohin es einen an Land verschlägt.

Text: Michael Liebe

Ankommen, auspacken, ablegen: Schon bin ich mittendrin im Hausboot-Urlaub. Mein Trip führt mich in die Region Bourgogne-Franche-Comté, südlich der Senf-Metropole Dijon. Das Hausboot übernehme ich in Saint-Jean-de-Losne, einer Kleinstadt an der Saône. Hier hat Le Boat einen Hafen für seine Flotte. Überwältigend, wie viele unterschiedliche Kategorien und Größen an Booten da versammelt sind. 

Alles fließt

Um den Alltagsstress hinter sich zu lassen, gibt es heute viele Möglichkeiten. Einige träumen unter Palmen, andere schwören auf Yoga unter Olivenbäumen oder glauben, auf dem Jakobsweg ihr Glück zu finden. Ich gehe aufs Wasser, um den Seelenballast für eine Woche über Bord zu werfen. Mit mir kommen drei Erwachsene und zwei Schäferhunde.

Platz gibt es für alle auf dem Hausboot genug. Es verfügt über zwei Kabinen, einen großen Salon und eine komfortabel ausgestattete Küche. Eine Probefahrt mit den Profis von Le Boat bei der Übergabe reicht aus, und sie erklären mich zum Freizeitkapitän. Denn für unser geräumiges Hausboot braucht man -keinen Führerschein. Der ist erst ab 15 Metern Bootslänge nötig. Anders als beim Auto gibt es keine Bremse. Das Boot kommt mithilfe des Rückwärtsgangs zum Stehen.

Ich bekomme noch die Gewässerkarte in die Hand gedrückt, die alle Brücken, Untiefen und Schleusen zeigt. Und schon heißt es: „Leinen los!“ Der Fluss schlängelt sich durch die hügelige Landschaft. Die Strömung ist sanft. Wenn die Landschaft im Schneckentempo vorbeizieht und das Surren des Motors wie ein hypnotisches Mantra erklingt, dann setzt auf dem Hausboot Tiefenentspannung ein. Als uns zum ersten Mal ein anderes Boot entgegenkommt, ist es damit aber sofort vorbei. 

Mit klopfendem Herzen steuere ich das schwerfällige Hausboot langsam vorbei. Zu meiner Überraschung stelle ich fest: Es war ganz einfach. Bald macht sich wieder ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit breit. Ich genieße die Natur und die Ruhe auf dem Wasser. Eine Gruppe majestätisch anmutender Schwäne begleitet das Boot ein Stück, einige Eisvögel sind vom Sonnendeck aus zu erspähen.

Auch meine vierbeinigen Freunde, Feline und Baghira, fühlen sich wohl an Bord. Sie dösen entspannt im Schatten. Ein Sprung ins kühle Wasser und ihre Lebensgeister sind wieder geweckt. Und damit auch ihr Appetit. 

 

 

© Anette Ebeling

Ich steuere das Hausboot flussaufwärts Richtung Gray, wo die Saône meist in einem Kanalbett fließt. Der Weg ist das Ziel. Die Gedanken sind frei, und ich könnte ewig so dahinträumen, wenn nicht die untergehende Sonne daran erinnern würde, dass für die Nacht noch ein Anleger zu suchen ist.

Lagerfeuer am Fluß

Das Schöne an einem Hausboot-Urlaub in Frankreich ist, dass man nicht an feste Liegeplätze gebunden ist und frei in der Natur einen geeigneten Schlafplatz suchen kann. Wir finden nach einiger Zeit eine kleine -romantische Stelle. Das Boot wird mit Seilen festgemacht.

Hier haben schon andere Boot-Crews übernachtet. Eine erkaltete Feuerstelle und ausreichend Holz für ein neues Lagerfeuer sind vorhanden. Sonst gibt es hier nichts außer Bäume, Wiesen, Wasser und Natur pur. Die beiden Schäferhunde freut das. Gleich nach dem Anlegen können wir mit ihnen die menschenleeren Weiten erkunden und ohne Leine spielen. Wir lassen den Tag gemütlich am Lagerfeuer ausklingen und fühlen uns ein bisschen wie Gott in Frankreich. 

Schleusen-Drama

Tags darauf wartet eine besondere Herausforderung, um die wirklich niemand herumkommt: das kleine Schleusen-Drama. Als Hausboot-Neulinge haben wir großen Respekt davor. Unruhe macht sich breit, als die Lichter am Schleusentor endlich grün werden.

Die Einzigen, die dem hektischen Treiben mit stoischer Ruhe begegnen, sind die Schäferhunde. Doch wir haben Glück. Mit uns fährt ein weiteres Boot in die Schleuse. Und sie sind Profis, die uns wertvolle Tipps und Hinweise geben, sodass wir die erste Schleuse mit Bravour meistern. Darauf stoßen wir mit einem edlen Burgunder an.

So langsam wir uns mit dem Hausboot auch fortbewegen, die Zeit hier an Bord vergeht trotzdem viel zu schnell. Vielleicht liegt es auch an den wunderbaren Ausflügen zu den Weingütern? Burgund ist ein Paradies für den edlen Tropfen. 

Jedem von uns hat dieses Abenteuer auf dem Wasser der Saône Spaß gemacht. Eine Reise auf dem Hausboot, da sind wir uns alle einig, ist ein herrlicher Weg zur Entspannung. 

bourgognefranchecomte.comleboat.at 

INSIDERTIPPS:

Le Boat

In Frankreich betreibt der Hausboot-Vermieter 23 Abfahrtsbasen. Neun unterschiedliche Fahrgebiete stehen zur Auswahl. Alle mit eigenem Reiz und Charakter. Basisstationen von Le Boat gibt es an der Saône und ihren Nebengewässern, in Saint-Jean-de-Losne, in Fontenoy-le-Château und in Branges. leboat.at

Ausflug

In Burgund ist eine Weinbergtour mit Weinprobe sowie ein Abendessen in einem der zahlreichen Michelin-Sterne-Restaurants Pflicht. Geschichtsinteressierte finden in den mittelalterlichen Dörfern und alten römischen Städten Einblick in die Vergangenheit. burgund-tourismus.com