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Das kann man nur am toten Meer: im warmen Salzwasser schweben. © Itamar Grinberg

Am tiefsten Punkt

Eingebettet in eine rotbraune Wüstenlandschaft liegt das Tote Meer. Diese biblische Region ist gesegnet mit uralten Natur- und Kulturschätzen.

Bereits die kurze Fahrt von Jerusalem ans Tote Meer ist ein Erlebnis. Denn die Fahrweise der Israelis ist etwas gewöhnungsbedürftig. Motto: Wer bremst, verliert. "In Israel sind alle ständig in Eile", bestätigt David die Mentalität seiner Landsleute. "Außerdem haben wir ein ganz eigenes Verhältnis zum Risiko." David ist in einem Kibbuz in En Gedi am Toten Meer aufgewachsen und erlernte das Lenken eines Fahrzeugs mit dem Traktor. Heute ist er Fremdenführer. Er spricht fließend Englisch und beherrscht wie viele Menschen in Israel auch Arabisch. Sein Fahrstil ist eher sportlich. Und wie im Nahen Osten üblich, versteht auch er viele Verkehrszeichen als durchaus interessante, doch vernachlässigbare Empfehlungen.

Die Reise führt durch die karge Hügellandschaft von Samaria. Immer wieder sind Ziegenherden zu sehen. Gelegentlich steht ein Beduine auch mit einem Kamel am Straßenrand. "Touristen lieben dieses Fotomotiv, für ein wenig Kleingeld ist ein gemeinsamer Schnappschuss möglich", erzählt David. Das Besondere an der Straße von Jerusalem ans Tote Meer sticht nicht sofort ins Auge, doch die rund 35 Kilometer lange Strecke führt 1.200 Höhenmeter bergab. Jerusalem liegt auf 810 Metern über dem Meeresspiegel, also 50 Meter höher als etwa das Tiroler Ski-Paradies Kitzbühel. Das Ziel, En Gedi am Toten Meer, befindet sich auf 420 Metern - aber unter dem Meeresspiegel. Es ist der tiefste Ort der Welt! Ursache der Talsenke: Megaerdbeben vor einer Million Jahren. Vorbei an Jericho im Westjordanland biegt David in die Straße nach Khirbet Qumran ein.

Die Ruinenstätte ist weltberühmt: Zweitausend Jahre lagen hier in den Höhlen rund 900 wertvolle Schriftrollen versteckt, die ein neues Licht auf den Inhalt der Bibel warfen. Sie gehören zu den ältesten bekannten Bibeltexten. Alle in den Höhlen entdeckten Schriften entstanden vor der Zerstörung der nahen Siedlung 68 n. Chr. Die Überreste vermitteln einen Eindruck von der frühen jüdischen Besiedlung. Eine Aussichtsplattform ermöglicht einen Panoramablick auf das mit zahlreichen Höhlen gespickte steile Felsmassiv.

Das Wüstenparadies En Gedi. © iStockphoto

Heller Sandstrand mit Palmen

Weiter südlich, beim Tourismuszentrum En Bokek, säumen zahlreiche moderne Hotels und Spas die Küste des Toten Meeres. Am Wochenende feiern hier viele Israelis gemeinsam den Schabbat. So mancher Tourist staunt nicht schlecht, wenn er am Freitagabend den Lift nutzt, dass die Fahrt scheinbar endlos dauert. Denn der Lift hält automatisch in jedem Stockwerk. David erklärt: "Am Schabbat ist es verboten, bestimmte Arbeiten auszuführen, so natürlich auch das Knopfdrücken. Damit laufen die orthodoxen Juden nicht Gefahr, diese religiöse Vorschrift zu missachten."

Er selbst nimmt es mit der Religion nicht so genau. Schließlich ist er in einem Kibbuz aufgewachsen, dem Symbol der zionistischen Siedlerbewegung. Die feinkörnigen Sandstrände der Hotels sind gespickt mit hohen schlanken Palmen. Ein Hauch von Karibik in der rostbraunen Wüstenlandschaft. Dieser Sand stammt jedoch nicht von hier, sondern vom nahen Mittelmeer bei Tel Aviv. "Er wurde bereits vor vielen Jahren mit Lastwägen herangekarrt", erinnert sich David, der nach seiner Dienstzeit in der israelischen Armee sein berufliches Glück im Tourismus sieht. Der sonnengebräunte Sabre weiß sehr viel. Natürlich auch über das Phänomen Totes Meer.

"Da es keinen Abfluss hat und die Verdunstung durch die Hitze enorm hoch ist, erfolgte im Toten Meer eine ungewöhnlich starke Anreicherung des Wassers mit Salzen und Mineralien. Sein Salzgehalt beträgt 30 Prozent. Das sind rund 25 Esslöffel Salz pro Liter Wasser." Damit ist der Salzgehalt neun Mal höher als in den Ozeanen unseres Planeten. Diese enorme Dichte ermöglicht einen natürlichen Floating-Effekt. Badende genießen das fantastische Gefühl der Schwerelosigkeit. Wie Korken schwimmen sie im Wasser. Weltbekannt sind die Fotos von Menschen, die tiefenentspannt im Wasser ihre Zeitung lesen. Einige Hotels haben für ihre Gäste indoor beheizte Becken mit diesem besonderen Nass.

© Itamar Grinberg

Wie ein Korken auf dem Wasser

Die therapeutische Kraft des Meerwassers und seiner Inhaltsstoffe hat schon Hippokrates beschrieben. Auch Kleopatra glaubte an seine positive Wirkung und ließ sich die wertvollen Salze aus dem Toten Meer für ihre Bäder bringen. Diesen Schatz nutzt längst auch die Beauty- und Gesundheitsindustrie von Israel und Jordanien. Zum Beispiel für Cremen, Peelings und Badesalze. Damit wird die eigene Badewanne zum Jungbrunnen für die gestresste Haut.

Unzählige Menschen, die an Schuppenflechte oder Neurodermitis leiden, suchen im Toten Meer Linderung. Badende sollten jedoch nicht länger als dreißig Minuten pro Tag im Wasser verweilen. Und ins Auge sollte die salzige Brühe auch nicht gelangen. Verätzungsgefahr! Eine Wasserschlacht wäre also eine unvergessliche, weil sehr schmerzhafte Torheit. Der Zustand des Toten Meeres macht David Sorgen. Es schrumpft. Rapide. Die Ursache ist für alle sichtbar: Der einzige Zufluss, der Jordan, ist nur mehr ein Rinnsal. Er bringt jedes Jahr weniger Wasser aus dem Norden. Das meiste versickert in der Landwirtschaft von Israel und Jordanien. "Das intelligenteste Bewässerungssystem hilft wenig, wenn in Israel noch immer die falschen Früchte angebaut werden." Zum Beispiel Orangen, diese sonnengereiften, süßen Fruchtwasserbomben.

Der Schrumpfungsprozess hat einen gefährlichen Nebeneffekt. Im heutigen Küstenstreifen, der noch vor wenigen Jahren Meeresboden war, lauern unterirdische Höhlen, die jederzeit einbrechen können. Daher verläuft die Küstenstraße mittlerweile einige Kilometer entfernt vom Meer. Auch jene von En Gedi nach Masada.

Dicke Salzkrusten, die fantasiereiche Formen bilden: Sie erinnern an eine kühle Eislandschaft. © iStockphoto

Eine Niederlage als Mythos

Hoch über dem silbrig glänzenden Toten Meer thront die legendäre Festungsruine Masada. Eine Seilbahn führt die 400 Höhenmeter hinauf auf das Felsplateau, wo sich in den Jahren 72 und 73 n. Chr. das Drama ereignete, das diesen Ort zum Symbol des unbeugsamen jüdischen Widerstandswillens machte. Damals kämpften radikale Juden verzweifelt gegen den Ansturm der römischen Besatzer im gelobten Land. Verschanzt hinter einem mächtigen Bergrücken, widersetzten sie sich ganze zwei Jahren lang der Belagerung. Umsonst. In ihrer Verzweiflung verübten sie letztendlich kollektiven Selbstmord, um nicht in römische Gefangenschaft zu geraten. Kinder und Frauen zuerst. Dann die Männer.

"Rund tausend Juden wollten lieber tot sein als in Gefangenschaft. Der Masada-Mythos war geboren." Zwischen 1965 und 1991 vereidigten Israels Streitkräfte hier oben die jungen Rekruten. Südlich des Badeorts En Bokek bietet die Wüstenlandschaft bizarre Sandsteinformationen. Wind und Wasser haben diese in Tausenden Jahren geschaffen. Eine ist angeblich Lots Frau, die laut Bibel zu einer Salzsäule erstarrte, als sie sich gegen das Gebot Gottes auf der Flucht noch einmal neugierig umschaute. Der Ausflug mit dem Jeep ist ein atemberaubendes Abenteuer. Dafür hat David extra seinen Freund Aron engagiert. Der lebte lange als Sicherheitsberater in den USA. Israelis stehen dort hoch im Kurs.

Die Sehnsucht nach der Heimat war zu groß, und er kehrte zurück. Jetzt fährt er Touristen über bucklige Pisten in die Wadis und durch die nahe Negev-Wüste. Überall gibt es versteckte Höhlensysteme, in die das warme Sonnenlicht von oben einfällt. Eine faszinierende Welt aus Labyrinthen. Ein Ausflug ohne Führer ist daher nicht zu empfehlen. Aron bremst den Jeep abrupt ab. Ein hagerer Mann mit einem Kübel in der Hand steht plötzlich vor dem Geländewagen. Was er allein in dieser verlassenen Gegend macht, lässt sich nicht eruieren. Vielleicht ist er ein Eremit. Diese Wüste hat die Menschen schon immer in ihren Bann gezogen. Laut Bibel ist hier sogar ein ganzes Volk vierzig Jahre lang herumgewandert.

goisrael.de

GUTE TIPPS:

En Gedi

Wüstenparadies. Das Naturreservat En Gedi ist ein kleiner Garten Eden in der judäischen Wüste. Es gibt im Wadi David Wasserfälle, vier Quellen, Süßwasserpools und tropische Vegetation. Perfekt für Wanderungen. Nahe dem ­Parkeingang sind die ­archäologischen Ausgrabungen von Tell Goren. Der autofreie Kibbuz
En Gedi liegt auf einer Anhöhe. Er verfügt über Kindergarten, Schule, Bücherei, Hallenbad und Krankenhaus. Heute kann im Kibbuz, den einst Basisdemokratie und gemeinsames ­Eigentum auszeichneten, ­Urlaub gemacht werden. Zum Kibbuz gehört ein Wellness-Spa und ein Botanischer Garten, der rund 900 Pflanzen hat. Berühmt ist die Süße und Größe der Früchte der Dattelhaine.

Ausflug

Wüstenabenteuer mit dem Jeep. In den Mount ­Sodom begeistern zahlreiche bizarre Felsen und ­ausgewaschene Höhlensysteme (Arubotaim-Höhle und Flour-Höhle). Das Gestein besteht aus Schichten von feiner weißer Tonerde. In dieser Region befand sich angeblich das biblische Sodom und Gomorra.