Kultur

André Heller im Interview

© Suzy Stîckl

Siebzig Jahre war André Heller auf Reisen, um sich und die Welt auszuprobieren. Mit GUTE REISE sprach der geniale Künstler über seine Liebe zu Marokko, das Reisen und die spirituelle Kraft von Gärten.

Text: Alexis Wiklund

Marokko, das scheint eine wirklich große Liebe für André Heller zu sein. Der Wiener hat dreißig Kilometer außerhalb von Marrakesch wieder einmal seiner Fantasie freien Lauf gelassen und auf einer ehemaligen Rosenfarm einen Wundergarten errichtet. Damit wurde ein ausgedörrtes, bereits totes Stück Land wieder zu einer „Oase in der Wüste“. Er ließ den trockenen Lehmboden austauschen und brachte innerhalb von sechs Jahren auf drei der acht Hektar einen Garten namens „Anima“ zum Erblühen. Ein farbenfroher Ausdruck der Fantasie.

André Heller hat für seine Vision ganz tief in die eigene Tasche gegriffen und einen Großteil seiner Kunstsammlung veräußert, ebenso den geliebten „Giardino Botanico“ am Gardasee samt der herrlichen Villa aus dem 19. Jahrhundert. Der Wiener Ausnahmekünstler hat für sein aufwendiges Gartenprojekt fast alles gegeben. Und sich damit einen Lebenstraum erfüllt. 

Welche Gefühle verbinden Sie mit dem Süden?

Der Süden ist für mich, unter vielem anderen Faszinierenden, ein Synonym für Schwingungen, in denen ich fähiger, beflügelter und rundum stimmiger bin. Ich leite daraus selbstverständlich keine allgemein gültige Theorie ab. Jedes Wesen ist ja auf -einen besonderen Grundton, auf besondere Melodien gestimmt und fühlt sich dort geborgener, wo es Entsprechungen im Ton der Landschaft, der Menschen und der Kultur gibt. 

War das Reisen für Sie mehr Notwendigkeit oder Genuss? Half Ihnen der ­Besuch fremder Länder, die Heimat besser zu verstehen?

Ich bin mein Leben lang viel gereist, zunächst in mich selbst, um mir auf den Grund zu gehen, und hinaus in die Welt, um sie in möglichst vielen Nuancen zu erfahren und zu begreifen. Leben heißt sich lernend verwandeln, dafür sind Reisen eine wesentliche Inspiration. 

Sie waren bereits in über hundert Ländern. Was suchten Sie in der Fremde?

Ich bin ein Expeditionsmensch. Immer unterwegs, um weiße Flecken auf der Landkarte meines Wissens zu tilgen. Jeder von uns trägt Mitverantwortung für den -Gesamtzustand unseres kleinen, verletzlichen Sterns. Je mehr man von ihm kennt, desto mehr wird man beflügelt, ihm und seinen vielfältigen Bewohnern gegenüber behutsam zu handeln. Und man begreift, dass die wichtigste Bildung die Herzensbildung ist.

Vor mehr als vierzig Jahren ent­deckten Sie Ihre Liebe zu Marokko. Warum gerade dieses afrikanische Land?
Meine Liebesgeschichte mit diesem Land hat bereits 1972 begonnen. Damals konnte ich vier Monate lang Marokko vom Mittelmeer bis zur Sahara und vom Riffgebirge bis zur Atlantikküste bereisen. Ich empfand es als einen Rausch an Schönheit und imponierend mannigfaltigen, oft auch verwirrenden Eindrücken. Ab dann kam ich jedes Jahr wieder, um mich mit den hier reichlich vorhandenen hohen Energien aufzuladen und zu inspirieren, bis ich mich sehr spät im Jahr 2006 endlich hier ansiedelte.

Nach fünf Jahren Vorbereitung eröffneten Sie 2016 einen Wundergarten in Marrakesch. Marokko ist damit um eine Kulturattraktion reicher?

„Anima“ ist zweifellos mein persönliches irdisches Paradies, eine große botanische Inszenierung, die Menschen jeden Alters und jeder Ausbildung, Einheimische und Ausländer zum Atemholen, zum Meditieren und zu einem Fest für all ihre Sinne einlädt.

Ihr Garten in Marrakesch und jener am Gardasee faszinieren Menschen aus aller Welt. Was lieben Sie daran?
Gärten sind Heilung, Gärten sind Trost und Seligkeit, auch über die Jahrzehnte immer intensiver werdende Schönheit. Gärten sind eine Schule der Jahreszeiten und des Staunens. Sie sind an heißen Tagen Orte der Kühle und immerzu Einladung zur Besinnung. Gärten sind spirituelle Inspirationen, machtvolle Gebiete, in die sich ausgelaugte, wunde Wesen retten können, um auszuzittern. Leider werden Gärten in ihrer grandiosen Wirkung auf Leib und Seele von vielen unterschätzt. Es sollte so etwas Ähnliches wie einen Nobelpreis für Gartenkunst geben. Aber es gibt ja erstaunlicherweise auch keinen für Malerei und Musik. 

Vom Feuertheater über den Chine­sischen Nationalcircus bis „Afrika! Afrika!“. Sie haben versucht sich ständig zu übertreffen. Ist das Ihre Triebfeder?
Ich bestimme das eigentlich seit Langem nicht mehr selbst. Die wichtigen Themen holen mich zum richtigen Zeitpunkt und sehr überzeugend ab und ich lasse mich lernbegierig darauf ein. Auf diese Weise erarbeitet man die erstaunlichsten Verwirklichungen und veruntreut weder seine Talente noch seine Lebenszeit.

André Heller

Er war Radiomoderator, Sänger, Zirkusgründer, Schauspieler, Revue-Manager, Feuertheater-Star: Seine Wandlungsfähigkeit ist beeindruckend. „Er hatte es mit großer Geste und fast überirdischer Arroganz geschafft, dass jeder eine Meinung zu ihm besaß“, schrieb sein Biograf Christian Seiler. Fest steht: André Heller ist einzigartig.

andreheller.com