Österreich
© TVB Pitztal/Webhofer Mario

Das Pitztal, die Wildspitze und die Gier nach Schnee

Egal ob für Anfänger oder Könner: Die Bergwelt des Tiroler Pitztals, die zu den Ötztaler Alpen gehört, bietet bei Skitouren ein wildes Natur- und Sporterlebnis rund um Tirols höchsten Berg, die Wildspitze.

Text: Franz Rinder

Die Vorfreude auf Skitouren im Pitztal ist riesig. So geht es Richtung Tirol. Das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite, doch im Inntal liegt so gut wie kein Schnee. Als ich aber in Imst ins Pitztal einbiege, steigt die Schneemenge stetig an. Schaut nach frischem Pulverschnee aus. Ich gebe Gas!

Das langgezogene Pitztal erstrahlt in frischem Weiß und blauem Himmel. Alles ist so verlockend, dass ich im Sportiv-Hotel Mittagskogel in St. Leonhard schnell einchecke, die Outdoorkleidung überwerfe und meine erste Skitour starte.

Ohne Guide gehe ich kein Risiko ein und steige über die Skipiste Richtung Rifflsee und weiter zum Grubenkopf in rund 2.800 Meter Höhe auf. Die Luft wird dünner. Die Pausen laden zum Genießen der tief verschneiten Bergspitzen ein.

Im Vordergrund der Rifflsee mit Brandkogel (2.676 Meter), dahinter der Steinkogel (2.632 Meter). © Franz Rinder

Weiter geht's stetig steil bergauf, und mit jedem Höhenmeter werden die Glücksgefühle mehr und die Aussicht immer spektakulärer. Gott sei Dank bin ich schon am Morgen losgefahren, denn für das Wochenende wird kaltes, windiges und vor allem wolkenreiches Wetter vorhergesagt.

Der Seekogel mit 3.357 Meter. © Franz Rinder

Und so ist es auch. Als ich am nächsten Morgen aufstehe, sind die Berge wolkenverhangen und es schneit leicht.

Das Frühstück fällt kurz aus, denn es wartet schon der Skibus zur Talstation des Gletscherexpress. Dort wartet bereits der Guide Burkhard "Bux" Auer, um gemeinsam mit der ersten Bahn auf den Gletscher zu fahren. Während der Auffahrt erzählt er vom Dynafit Skitourenpark Pitztal-Gletscher. Hier kann jeder, ob erfahren oder Anfänger, eine Tourenausrüstung ausleihen und drei ausgeschilderte Routen mit drei unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden ausprobieren. Sicherheit wird großgeschrieben, denn die Routen verlaufen direkt im Skigebiet und eine Abfahrt auf präparierten Pisten ist jederzeit möglich.

Da ich genug Erfahrung mit Skitouren habe, meint "Bux", wir könnten alle drei Routen an einem Tag machen. Das wären dann so circa 2.000 Höhenmeter und als Einstieg für die am nächsten Tag geplante Begehung der Wildspitze genau das Richtige. Ich blase erstmal kräftig durch, schaue mir dann "Bux" näher an, ein drahtiger, durchtrainierter Tiroler Bergführer, der sein ganzes Leben in und auf den Bergen verbringt, und sage: "Na schau ma mal."

Also lassen wir erstmal die leichteste Route aus und starten mit der mittleren Variante von der Talstation Mittelbergbahn in circa 2.600 Meter auf das Mittelbergjoch auf circa 3200 Meter. Eine Tour mit mittlerer Neigung und einigen Möglichkeiten, auch abseits der Piste im frischen Pulverschnee abzufahren.

Während des Aufstiegs erklärt mir "Bux", der sich mit der dünnen Luft sichtlich leichter tut als ich, die Bergwelt rund um den Pitztaler Gletscher und warnt auch vor den Tücken der stetig wandernden Spalten im Gletscher, erzählt von der Leichtsinnigkeit so mancher Tourengeher und von den zahlreichen Toten, die ihr Leben in einer Spalte gelassen haben. Er kann ein Lied davon singen, hat er doch selbst seinen Vater vor zwölf Jahren in einer Spalte verloren.

Der Bergprofi „Bux“. © Franz Rinder

Wir sprechen natürlich auch über das "Wild Face", ein legendäres Freeride-Rennen vom Mittagskogel aus, bei dem "Bux" schon mehrfach auf den vorderen Rängen platziert war. Nur für den Sieg hat es noch nicht gereicht. Den will er sich aber beim 2018er-Rennen holen. Natürlich bin auch ich neugierig auf dieses Rennen und "Bux" verweist mich an Raphael Eiter. Der "Rafi" ist morgen mein Guide und weiß alles über das Rennen.

Blick vom Mittelbergjoch zur Wildspitze, im Vordergrund der Gletscher mit seinen zahlreichen Spalten. © Henryk Berlet

Mittlerweile haben wir uns ordentlich verplaudert. Die Zeit drängt. Also fahren wir ab, kehren auf einen schnellen Kaffee ein und fellen wieder auf. Wir müssen doch noch die schwere Route aufsteigen, sonst kommen wir nicht auf die anvisierten Höhenmeter.

Diesmal starten wir von der Talstation Wildspitzbahn in circa 2.800 Meter und gehen Richtung Bergstation in circa 3.400 Meter. Alles im grünen Bereich, die Steigung ist angenehm, nicht zu steil. Wir halten uns an dem ausgeschilderten Aufstieg mit dem Namen "Cappuccino-Route". Doch nach kurzer Einlaufphase wird das Gelände steiler und steiler, eine Rampe folgt der anderen. Miteinander reden ist unmöglich, an einen Cappuccino denken ebenso wenig, dann schon eher an ein Sauerstoffgerät. Und das Wetter wird auch nicht besser: Schneegestöber, keine Sicht und eiskalt.

Nach einer gefühlten Ewigkeit ist endlich die Bergstation in Sicht. Dabei lüftet sich auch das Geheimnis für den Namen der Tour. In 3.440 Meter befindet sich das höchst gelegene Kaffeehaus Österreichs, das "Café 3.440" mit herrlich heißem Kaffee und leckeren, selbstgemachten Kuchen und Torten. Ein Hochgenuss nach der Anstrengung!

Der nächste Tag beginnt wie der vorige, nur noch kälter und wolkenverhangener. Ich treffe den Guide Raphael Eiter. Gleich am Anfang schließt er den Aufstieg auf die Wildspitze mit 3.770 Meter aus: keine Sicht, Böen bis 70 km/h, viel zu gefährlich. Nicht sehr erbauend, denn ich hatte mich schon darauf eingestellt. Aber der "Rafi", Chef der Bergführervereinigung Pitztal, hat natürlich einen Plan B. Wir werden auf den rechten Fernerkogel mit 3.300 Meter hochsteigen. Also geht es los, auffellen in rund 2.600 Meter.

Vorbereitung zum Aufstieg auf den rechten Fernerkogel. © Franz Rinder

Durch frisch gefallenen Pulverschnee und zwischen einigen Gletscherspalten, die "Rafi" aber alle kennt, geht es stetig bergauf. Ich kann zu ihm aufschließen und mit ihm über das "Wild Face" plaudern. Er und sein Cousin Phillip haben es vor sieben Jahren "erfunden", nachdem sie den Mittagskogel, mit Startpunkt in 3.173 Meter, bereits mehrfach befahren und auch im familiären Wettkampf um die beste Zeit erzielt hatten. Doch als Kopf des Organisationsteams ist es mittlerweile nicht mehr möglich, das 4,6 Kilometer lange Rennen mit einem Höhenunterschied von rund 1.500 Meter und einer Bestzeit von weniger als sechs Minuten zu bestreiten. Aber auch so dominiert die Familie Eiter von Beginn an das Renngeschehen. Als leidenschaftlicher Freigeländefahrer erkundige ich mich natürlich auch über die Qualifikationsbedingungen und meine Chancen, bei dem Rennen dabei zu sein.

Wieder vergeht die Zeit rasant und wir befinden uns bereits unterhalb des Gipfelgrats des rechten Fernerkogels. Auch die eisig kalten Finger und die gefrorene Nasenspitze in der unter minus 20 Grad Celsius kalten Luft scheinen vergessen. Nun nur noch umziehen und runter in eine warme Hütte. Doch "Rafi" hat natürlich noch ein Ass im Ärmel, um die vergebene Wildspitztour zu ersetzen. Er packt ein Seil aus, knotet uns zusammen und sagt: "Wenn nicht die Wildspitze, dann wenigstens ein 'kleiner' Gipfelsieg!"

Der Gipfelgrat zum rechten Fernerkogel. © Franz Rinder

Und so kämpfen wir uns durch teilweise bauchtiefen Schnee, immer entlang des Gipfelgrats, rauf in Richtung Gipfel. Dabei sind kleine Kletterpartien über verschneiten und vereisten Fels vor allem mit den Tourenskischuhen eine echte Herausforderung. Mit einem erfahrenen Bergführer jedoch kein Problem. So erreichen wir sicher den Gipfel in 3.300 Meter, nur zum Verweilen ist es allerdings zu stürmisch und zu kalt.

„Rafi“ Eiter auf dem Gipfel des Fernerkogels. © Franz Rinder

Deshalb geht es gleich wieder abwärts. Nach einer schönen Tiefschneefahrt kommen wir sicher bei der Bergstation Gletscherexpress an und können uns in der warmen Hütte aufwärmen und die verlorenen Kalorien wieder auffüllen.

Die Tour ins Pitztal hat sich doppelt gelohnt. Nicht nur, dass die Erlebnisse unvergesslich sind. Ein paar Tage später bekomme ich eine Einladung für das Rennwochenende des "Wild Face" im März. Aber das ist eine andere Geschichte ...

Infos:

Region Pitztal: www.pitztal.com/de

Sportiv-Hotel Mittagskogel: Mandarfen 86, 6481 St. Leonhard/Pitztal, www.mittagskogel.at

Einkehrtipp: Höchstes Kaffeehaus Österreichs: Café 3.440

Freeride Rennen "Wild Face": Termin: 8. bis 11. März 2018, www.pitztal-wildface.com