Europa
Blick von der Plaza der Elbphilharmonie
(c) Jörg Modrow

Die neue große Liebe

(c) Christian Spahrbier
Die Elbphilharmonie - Unübersehbar ragt das Gebäude an der westlichen Spitze der HafenCity 110 Meter empor
(c) Christian Spahrbier
(c) Claudia Hoehne
Umjubelter Auftritt: Einstürzende Neubauten
(c) Claudia Hoehne
Wiener Philharmoniker bei einer Probe

Elphi hat viel verlangt von den Hamburgern: viel Geld vor allem, und viel Geduld. Doch jetzt lieben sie alle. GUTE REISE zu Gast in der Hansestadt

Text: Wolfgang Wieser

7 Kontrabässe liegen auf der Bühne. Sieht aus, als hielten sie ein Schläfchen – völlig unberührt von dem Treiben um sie herum, von den Musikern, die einzeln, mit Horn unterm Arm oder Violine im Kasten, ein angeregtes Zwiegespräch haltend oder in Grüppchen den Saal betreten. Eine Querflöte zwitschert, eine Bratsche brummt und ein Schlagwerker hält das Ohr ganz dicht ans Fell seiner Pauke, um sie zu stimmen. Ich bin ihnen nah.  So nah, dass ich meine, jedes Wort verstehen zu können. 

Hier, im Herzen der Elbphilharmonie von Hamburg, im großen Konzertsaal, ist das nicht überraschend. Der international renommierte Akustiker Yasuhisa Toyota hat für diesen Saal eine einmalige Wand- und Deckenstruktur entwickelt – die „Weiße Haut“. 10.000 millimetergenau und individuell gefräste Gipsplatten streuen den Schall gezielt in alle Winkel.

Den Damen und Herren zuzuhören, die sich auf der mittig liegenden Bühne – noch ganz in Zivil – einstimmen, ist jedenfalls ein Vergnügen. Es sind die Wiener Philharmoniker. Dirigent Semyon Bychkov, 64, tritt jetzt ans Pult. Augenblicklich verstummen Gesumme und Gezirpe. Niemand im Saal, das weiß ich in diesem Moment bereits, ist weiter als 30 Meter von ihm entfernt. „Eine außergewöhnliche Nähe zum Geschehen macht diesen neuen Klang-Raum zu einem Ort für unvergessliche musikalische Begegnungen.“ Ein Satz mit offizieller Diktion, selbstverständlich, und trotzdem wahr.

Am Vortag habe ich hier eines der beiden Konzerte der „Einstürzenden Neubauten“ gesehen – es war ein nahezu chansonartiger Abend der (einstigen) Lärm-/Avantgarde-Band. Von unerwarteter Sanftheit. Und trotzdem ein harter Gegensatz zu den Philharmonikern. Genau so, wünschen sich die Programmmacher, soll es aber sein. Schließlich steht die Elbphilharmonie, längst liebevoll „Elphi“ genannt, „für das Hamburger Selbstverständnis, aus Tradition Neues zu schaffen, und für die vielen Kontraste, die in der Stadt aufeinandertreffen und den Charakter Hamburgs ausmachen“. 

Lange war die Zuneigung allerdings höchst einseitig. Die Hamburger klagten über die nicht enden wollenden Bauarbeiten und ärgerten sich über explodierende Kosten (789 Millionen Euro statt der ursprünglich vorgesehenen 272 Millionen Euro). Die Stadt reagiert mit Transparenz, ist aber auch um Differenzierung bemüht. Schließlich befinden sich in dem Gebäude nicht nur drei Konzertsäle, sondern auch ein Hotel, Gastronomie und in 37,2 Metern Höhe eine Plaza, die einen herrlichen Panoramablick über die gesamte Stadt bietet.

Ein Dach als Landschaft

Entworfen wurde die Elbphilharmonie vom Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron. Sie ruht auf dem ehemaligen Kaispeicher A, der zwischen 1963 und 1966 am Hafen errichtet und als Tee-, Tabak- und Kakaolager genutzt wurde. Auf diesem Speicher wurde der gläserne Neubau aufgesetzt. Das weithin sichtbare Dach wird übrigens gerne als Landschaft bezeichnet, die ihren außergewöhnlichen Charakter nicht nur ihrer Form verdankt, sondern auch der Bestückung mit 5.800 speziellen Dachpailletten.

Gezählte 448 Schritte brauche ich, um die Plaza zu umrunden. Eine 80 Meter lange, leicht gewölbte Rolltreppe hat mich hochgebracht. Hier heroben herrscht dichtes Gedränge.  Trotz des eisigen Windes, der heute bläst. Den Hamburgern scheint‘s egal zu sein. Sie nehmen sogar längere Wartezeiten in Kauf, um ihrer Elphi einen ersten Besuch abzustatten.

Bei meinem Rundgang sehe ich die Speicherstadt, die Kräne in der HafenCity, die einen Gebäudekomplex nach dem anderen hochziehen, unter mir die funkelnde Stadt. Als mir kalt wird, gehe ich in den kleinen Konzertsaal. Dort sind die Wände mit gefrästen Eichenholz-Paneelen verkleidet. Ich kann nicht anders. Ich muss über die Wölbungen streicheln. Zärtlich flüstere ich „Elphi“ ... 

GUTE FAKTEN

Elbphilharmonie - Daten zum Staunen.

Das Haus wiegt insgesamt 200.000 Tonnen, das Dach wiegt 700 Tonnen – es wird von 1.000 Stahlträgern getragen. In dem Gebäude befindet sich neben den drei Konzertsälen ein Hotel mit 244 Zimmern und 45 Wohnungen.

Für den großen Konzertsaal hat eine Bonner Orgelbaufirma eine außergewöhnliche Orgel entwickelt – die 4.765 Pfeifen befinden sich in, neben und hinter den Zuschauerrängen.  

www.elbphilharmonie.de

GUTE TIPPS

Wohnen:

Ameron:  Das Vier-Sterne-Plus-Haus ist das einzige Hotel in der Speicherstadt. Perfekt gelegen, um das Weltkulturerbe zu erkunden. 
hotel-speicherstadt.de

Hotel Wedina: Henning Mankell, Amos Oz und Martin Walser haben hier genächtigt und signierte Bücher hinterlassen.
hotelwedina.de

Superbude: Das Hotel präsentiert sich als „pfiffiges Boutiquehotel“ und bietet an zwei Standorten(St. Georg, St. Pauli) „geldbeutelschonende Preise“ – das Doppel-zimmer gibt es bereits ab 60 Euro. 
superbude.de 

Ausgehen:

Le Lion:  Bar mit Brokat an den Wänden – wer rein will, muss klingeln. Es lohnt sich, die Schwellenangst zu überwinden.
lelion.net

Mojo: Jazz, Soul oder Bossa Nova und immer wieder neue Elektronik – Topclub unter dem Vorplatz Reeperbahn 1.
mojo.de

Übel & Gefährlich: Zählt zu den besten Clubs der Stadt – Top-Konzert, Top-Partys.
uebelundgefaehrlich.com

Erforschen:

Beatles-Tour: Stefanie Hempel hat die musikalische Beatles-Tour durch Hamburg vor Jahren er-funden und sich nach wie vor ihre Begeisterung bewahrt – informativ, unterhaltsam, empfehlenswert.
hempels-musictour.com