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Die Rückseite der Sehenswürdigkeiten

Matthias Politycki bereiste über 100 Länder. © Alexander Tempel

„Reisen ist nicht immer schön, gereist sein schon“, sagt Matthias Politycki. Für GUTE REISE sprach der Bestsellerautor über die Sehnsucht nach der Fremde, wie diese ihn verändert hat und warum Urlaub für ihn das Gegenteil von Reisen ist.

Seinen ersten Bestseller hatte er mit dem Roman "Weiberroman". Mit dem genialen Lauf-Buch "42,195. Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken" ist dem deutschen Schriftsteller und Philosophen Matthias Politycki ein Meilenstein gelungen. Sein neues Buch heißt "Schrecklich schön und weit und wild. Warum wir reisen und was wir dabei denken". Auslöser dafür war die Flüchtlingskrise 2015. Und das damit verbundene Gefühl, den Anfang vom Ende der alten Weltordnung zu erleben. "So, dass es höchste Zeit wurde, von dieser zu berichten", sagt er. "Und von einer Welt, in die man bislang voller Euphorie hineinreisen konnte."

Eine andere Welt

Sie waren bereits in fast 100 Ländern. Was suchen Sie in der Fremde?
Die Rückseite der Sehenswürdigkeiten. Also eine andere Alltagskultur, andere Lebensentwürfe, andere Ansichten, andere Nachrichten. Summa summarum eine andere Perspektive auf die Welt als die, die ich zu Hause habe.

War das immer so?

Früher waren mir Neugier und Abenteuerlust Anlass genug, um aufzubrechen. Wir wollten anders sein, als wir es in der Heimat waren, wollten vorübergehend ein anderes Leben führen in einer anderen Welt. Danach waren wir erst mal wieder versöhnt mit unseren eignen.

Wie hat das Reisen Ihre Identität ­beeinflusst?

Es hat mir schmerzlich bewusst gemacht, dass es keine Wahrheit zu entdecken gibt, sondern nur wechselnde Wahrheiten. Dass alles relativ ist, auch unser demokratisches, politisch korrektes, westliches Weltverständnis. Und dass wir nicht versuchen sollten, dieses anderen Kulturen aufzuzwingen.

Was hat es Sie gelehrt?

Mutiger zu werden, Grenzen zu überschreiten. Und demütiger darin, Grenzen zu akzeptieren.

Hilft der Blick aus der Ferne auch, die Heimat besser zu verstehen?

Anders versteht man sie ja gar nicht! Zum Verstehen gehören Distanz und das zumindest vorübergehende Gefühl, nicht dazuzugehören.

Sie waren einmal 180 Tage auf einem Kreuzfahrtschiff. Warum haben Sie sich das angetan?

Ich folgte einer Einladung als "Writer in non-residence" und damit zu einer Weltreise. Das war in jeder Hinsicht eine einmalige Chance, gerade weil es mit meiner üblichen Art zu reisen kaum etwas zu tun hatte.

Schräge Andenken

Wie sind Sie am liebsten unterwegs?
In Gesellschaft! Denn notgedrungen tue ich es meist allein.

Was ist dabei nicht schön?

Die Enttäuschungen, die uns selbst an den exotischsten Orten nicht erspart bleiben, oft einschließlich der Einheimischen, die uns keinesfalls mit offenen Armen empfangen.

Was nehmen Sie als Andenken mit nach Hause? 
Zauberkessel, Knochen, Amulette ... das Fremdeste vom Fremden. Was steckt hinter dieser großen Sammelleidenschaft? Ein anderes Denken beginnt mit anderen Gegenständen, die uns umgeben und inspirieren; das Fremde, das wir tagtäglich mit unseren Blicken streifen, wird im Lauf der Jahre zu einer zweiten Heimat. 

Was bleibt Ihnen sonst? 

Notizen. Die Erschöpfung danach. Die Sehnsucht nach Urlaub, Urlaub vom Reisen generell.

Gefahr im Dschungel

Die Reiselust geht heute oft mit einer Rekordsucht einher. Warum der Hang zum Extremen? 
Die Kulturgesellschaft, in der ich groß geworden bin, hat sich längst in eine Eventgesellschaft verwandelt. Entsprechend oberflächlich ist für viele auch das Reisen geworden; das Eintauchen in eine fremde Kultur wäre vergleichsweise aufwendig und macht nicht unbedingt Spaß. 

Hatten Sie je Angst, von einer Reise nicht mehr zurückzukommen? 

Als der Taxifahrer im jamaikanischen Negril nicht etwa zum Hotel fuhr, das wir ihm genannt hatten, sondern aus der Stadt hinaus und in den Dschungel, befürchtete ich das Schlimmste. Ich zettelte eine Glaubensdiskussion an, so heftig, dass der Fahrer und sein zugestiegener Kumpel das Interesse an der geplanten Straftat verloren und lieber einen Joint kreisen ließen. 

Extrem gefährlich war Ihre Reise nach Ruanda. Die haben Sie knapp überlebt, wie Sie schreiben. War es das wert? 

Meine damalige Freundin und heutige Frau hat mein Leben gerettet, das habe ich bis heute nicht vergessen. Über 20 Jahre lang. Wenn man es unter diesem Aspekt sieht, ja, dann war es das wert.

Urlaub ist wie Sport

Welches Reiseerlebnis zählt zu Ihren persönlichen Sternstunden? 
Der Händedruck mit einem Imam am Ende einer langen Glaubensdebatte in einer Moschee auf dem Sinai. Wir konnten einander nicht überzeugen, schieden aber mit Achtung voreinander. 

Worin unterscheidet sich für Sie das Reisen vom Urlaubmachen? 

Reisen ist das Gegenteil des Urlaubs, es ist diejenige Art von Arbeit, die wir für Freizeit halten. So leistungsorientiert und bereit, sich bis zum Äußersten zu verausgaben, sind wir sonst vielleicht nur beim Sport. 

Wohin fahren Sie am liebsten in den Urlaub?

Ich freue mich auf die Zeit, da ich regelmäßig in Urlaub fahren werde. Bislang tue ich es nur, wenn sich's meine Frau von mir wünscht.

BUCHTIPP:

Schrecklich schön

Matthias Politycki ist im Schnitt 176 Tage im Jahr unterwegs. Das prägt. In seinem neuen Bestseller „Schrecklich schön“ beschreibt der Erfolgs­autor, warum wir reisen und was wir dabei denken. Er setzt sich kritisch mit Wirkungen und Risiken des Fernwehs auseinander und erklärt auf sehr persönliche Weise seine eigenen Motive und wie ihn das Reisen verändert hat.

„Schrecklich schön und weit und wild“, Hoffmann und Campe, 22 €