Europa
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St. Moritz: Eine andere Welt

Schließen Sie die Augen. Denken Sie an St. Moritz. Was fällt Ihnen dazu ein? Ja, genau so ist die Perle des Engadin. Ein Winterparadies der exklusiven Extreme – und noch viel mehr.

Text: Helmut Widmann

Alles in St. Moritz ist top – und das beginnt schon mit der speziellen Lage. Fährt man hinein ins Engadin, jenem bilderbuchartigen, 80 Kilometer langen Hochtal im schweizerischen Kanton Graubünden, dann ergreift einen Flachländer am Anfang leicht der Schwindel. Grund dafür sind (noch) nicht die Preise in den Shops oder Hotels von St. Moritz. Die hat man noch gar nicht gesehen. Es reicht die Höhenlage von 2.000 Metern – und das im Tal. „Wo Kitzbühel aufhört, fängt St. Moritz erst an“, sagt man hier gern neckisch; und mit dem Selbstbewusstsein, dass St. Moritz im Vergleich zu anderen besonderen Hotspots der touristischen Champions League nochmals mindestens eine Spur elitärer ist.

Mehr oder weniger akklimatisiert, beginnen wir mit einer Tour durch eine Welt, in der das Geld abgeschafft zu sein scheint. Vorbei an Geschäften, in denen nur die teuersten Marken der Welt in den Auslagen prangen, und von diesen stets die außergewöhnlichsten Luxusartikel mit exorbitanten Preisen. 

Leidenschaft für Kaviar

An einem kleinen Platz zieht der dezente Schriftzug „Kaffee – Tee – Caviar“ die Aufmerksamkeit auf sich – und mich in diesen kleinen Laden. Es ist das weltweit für erlesene Genüsse bekannte Spezialitätengeschäft von Nina Glattfelder. Hier hat Après-Ski in seiner exklusivsten Form eine feine Adresse gefunden, mit einem lukullischen Genussmittel der Sonderklasse: „Kaviar ist meine Leidenschaft“, schwärmt die Chefin, deren Begeisterung für das edle Produkt jeden ansteckt.

Mit Preisen von bis zu 2.400 Franken (rund 2.000 Euro) für ein halbes Kilo Iran Beluga oder China Beluga nicht jedermanns Sache. „Wir haben aber auch Kunden, die so alle zwei Wochen gleich zwei Kilogramm kaufen.“ Wer vor Ort etwas verkosten möchte, der kommt am besten nachmittags ins „Caviar Stübli“ hinter den Verkaufstresen. Um den Geschmack des Rogens vom Stör so pur wie möglich zu genießen, gibt es als Begleitung nur Toast oder Blinis. „Dazu trinkt man etwas Weißes“, sagt Nina Glattfelder, „also Champagner, Wodka oder Weißwein.“

Für die nächste Station auf Stippvisite im Genussparadies St. Moritz geht es hinaus aus der Stadt, die geschwungene Straße wenige Kilometer hinauf zum Skigebiet Salastrains. Dort hat vor Kurzem die Schweizer Gourmetlegende Reto Mathis das „CheCha“ eröffnet, Restaurant und Club in einem. Kein Wunder, dass einen DJ-Musik empfängt, dazu Alpin-Style und eine Spitzenküche. Mathis ist berühmt für besondere Kreationen, wie etwa die Trüffelpizza. Diesen zur Legende gewordenen Klassiker gibt es im „CheCha“ ebenso wie zum Beispiel Caviarissimo, ein Rindscarpaccio mit Trüffel, Rauchlachs, Kaviar und Sauerrahm, um wohlfeile 358 Franken.

 

 

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St. Moritz ist aber nicht nur ein Synonym für gehobene Preise, sondern ebenso für eine einzigartige Dichte außergewöhnlicher Restaurants. Unter den vielen anderen Genussadressen stechen zwei besonders hervor: In der ehemals ersten Tennishalle Europas im Luxushotel Badrutt’s Palace erwartet Freunde einer japanisch-peruanischen Küche das „Matsuhisa“ des gleichnamigen Starkochs. In altehrwürdigem Ambiente, wie in einem englischen Club, werden stets neue Kreationen des Meisters kredenzt.

Und mit Tim Raue (19 Gault & Millau-Punkte und 2 Michelin-Sterne) beehrt ein weiterer Kochkünstler St. Moritz. Für einen Besuch bei ihm muss man sich jedoch beeilen, denn sein Pop-up-Restaurant „the K“ im Hotel Kulm hat nur mehr bis zum Ende der Wintersaison geöffnet. Hier speist man auf historischem Boden, denn mit dem prachtvollen Grand Hotel ist die Geburt des St. Moritzer Tourismusbooms eng verbunden und angeblich sogar die Erfindung des Wintertourismus.   

Alles begann mit einer kühnen Wette

St. Moritz war die längste Zeit eines der kleinsten Dörfer des gesamten Engadin. Den ersten Aufschwung verdankte man Heilquellen, die schon seit der Bronzezeit genutzt wurden. Im Jahr 1535 kam Paracelsus hierher, war ob der Heilkraft des Wassers begeistert und machte – heute würde man sagen – Werbung für das Bergdorf.

Mit Erfolg, aber nur im Sommer. Wenn der Herbst übers Land zog und der Winter nicht mehr fern war, verstreuten sich die Besucher wieder in alle Winde. Die Wende brachte Johannes Badrutt, der mit dem Kulm das erste richtige Hotel in St. Moritz eröffnete und seinen englischen Gästen laut Überlieferung versprach: Bleibt mal im Winter, und wenn es euch nicht gefällt, habt ihr freie Kost und Logis, und ich zahle euch sogar die Rückreise auf eure Insel. Was war? Sie blieben von Weihnachten bis Ostern, kamen immer wieder und brachten immer mehr Reisefreudige, die seitdem dem Grand Hotel und St. Moritz verfallen sind.

Seit 1970 gehört das traditionsreiche Hotel der Familie des schwerreichen griechischen Reeders Stavros Niarchos, die hier andere Hotels und Villen ebenso besitzt wie Seilbahnen und größter Grundbesitzer vor Ort ist. Der Frauenliebling Gunter Sachs war ein anderer St.-Moritz-Liebhaber, der eng mit dem Aufstieg zur Jetset-Metropole verwoben ist. Sein legendenumwobener Dracula-Club zog keine Vampire, sondern Reich und Schön und VIPs ohne Ende an. Gleich neben diesem exklusivsten Club von St. Moritz befindet sich die älteste Natureisbobbahn der Welt. Jedes Jahr wird sie von einem Südtiroler Spezialistenteam innerhalb von drei Wochen neu errichtet und ist nicht nur wettkampferprobten Fahrern vorbehalten. Auch „Normalsterbliche“ dürfen sich im Eiskanal auf eine sicherlich unvergessliche Fahrt begeben.

 

 

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Wo der Schnee noch knirscht

Auch wenn St. Moritz insgesamt für wahre Extreme steht, setzen die meisten Gäste dann doch auf gefahrlosere Winterfreuden und erkunden die phantastische Bergwelt mit Skiern. Denn die Region zählt zu den allerbesten Wintersportdestinationen weltweit. Kein Wunder, dass hier schon fünf Mal Weltmeisterschaften (auch wieder ein Rekord) ausgetragen wurden, zuletzt vor genau einem Jahr. Also auf zur Gondel, die einen fast gen Himmel schweben lässt. Bei den zahllosen Liften spürt jedermann einen exklusiven Hauch, denn Anstellen kennt man hier nicht.

Man hat das Gefühl, die Pisten gehören einem alleine, so gut verteilen sich die Skifahrer und Snowboarder auf den insgesamt 350 abwechslungsreichen Pistenkilometern der beiden Skigebiete Corviglia und Corvatsch. Bestens präparierte Abfahrten geben Sicherheit und erlauben einen Wagemut, den man anderswo schwerlich aufbringt. Und es ist auch ein besonderes Hörerlebnis, wenn der Schnee unter den Bretteln noch so richtig knirscht - dank der tiefen Temperaturen von nicht selten minus 15 Grad. Irgendwann ist aber dann doch auftauen angesagt, z. B. in der Edelhütte "el Paradiso", die gleich neben der Piste in grandioser Panoramalage auf einer Höhe von 2.181 Metern liegt, mit einem Traumblick übers Engadintal und seine vereisten Seen.

Hier führt Hans-Jörg Zingg - bei dem schon illustre Gäste wie George Clooney, Zinédine Zidane oder das schwedische Königspaar ein und aus gingen - das exklusive Refugium am Piz Nair, "close to heaven". Aber auch im Gastro-Himmel gibt es eine Zweiklassengesellschaft, denn es gibt Exklusives und noch Exklusiveres. Während das Hauptrestaurant schon gehoben ist, tritt man einen Stock tiefer in eine exklusive Sonderwelt: Dort residiert ein Club, der nur 99 Mitglieder aufnimmt, zu einer Jahresgebühr von mehreren tausend Franken. Interesse? Dann ist Geduld geboten, denn die Warteliste ist lang. Wer es in den Club geschafft hat, der findet in einer eigenen Lade sein persönliches Besteck, natürlich mit eingraviertem Namenszug, und seine eigenen Servietten. Alles aus edelstem Material. "Alleine eine Tischdecke kostet im Einkauf mehr als 1.000 Franken", erzählt Hans-Jörg Zingg.

Die elitäre Krönung im "el Paradiso" schlechthin ist ein abgeschiedener, wohnzimmergroßer Exklusivbereich. Damit man sich hier abgeschottet und ungesehen von allen anderen zurückziehen kann, wurde sogar eine eigene Toilette in den Bergfelsen geschlagen.

Abfahrt zu sich selbst

Wer jetzt nach dem Rausch der Superlative wieder geerdet werden will, dem sei die Sportlehrerin Sabrina Nussbaum empfohlen, mit der ich die letzte Stunde in den Traumbergen verbrachte. Sie lehrt einem mit "Yoga on Snow", dass man auch in St. Moritz - und beim Skifahren - das wahre Glück nur in sich selbst finden kann. Sei es mit bekannten Übungen wie dem Sonnengruß im Tiefschnee oder wenn man einfach abseits der Piste am Rücken liegt, die Augen schließt und tief in sich hineinhört. Wenn es dann zum Abschluss mit runden Skischwüngen ins Tal geht, begleitet uns noch ihr Tipp: "Bei jedem Schwung musst du tief ein- und laut ausatmen, das wirkt Wunder!" Und ich mache "Huuuh!" und "Huuuh!" und wieder "Huuuh!".

engadin.stmoritz.ch

GUTE TIPPS:

Abenteuer

Bob. Besonders Wagemutige trauen sich auf die älteste Bobbahn der Welt. Steuermann und Bremser sind Profis, die einen sicher auf eine Geschwindigkeit von bis zu 130 km/h bringen. Preis: 250 CHF/Fahrt.

olympia-bobrun.ch/adrenalin

Infos

Schweiz Tourismus. Infos, Beratung und Buchung unter Telefon 00800/10 02 00 30 (kostenlos) bzw. Mail: info@myswiterland.com 

myswitzerland.com

Ausflug

Bernina-Express. Wer Lust auf einen Tapetenwechsel hat, der besteigt in St. Moritz die Rhätische Bahn. Vorbei am Piz Bernina, dem einzigen Viertausender der Ostalpen, geht es auf einer traumhaften Alpen­strecke ins idyllische Poschiavo mit italienischem Flair.

rhb.ch