Der Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel zählt zu den beliebtesten Ausflugszielen für Freunde der Natur.

Gelandet im Nationalpark

Graugänse und Kormorane, Bachstelzen und Seeadler – mehr als 350 Vogelarten leben im Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel. Mit ihnen kommen auch die Menschen. Birdwatching boomt und beschert der Region seit Jahren einen Höhenflug.

Text: Frank Riché

Ein Blick durchs Fernrohr erweckt die Zicklacke zum Leben. Gerade noch ist sie grau, ruhig und ­regungslos vor mir gelegen. Jetzt habe ich die Tür zu einer Welt aufgestoßen, die mir vor einem Wimpernschlag noch verborgen war. Alle Vögel sind schon da, denke ich unwillkürlich. Ich sehe Brandgänse, die an ihren leuchtend roten Schnäbeln einfach zu identifizieren sind, Kampfläufer und Krickenten, eine Möwe, die auf einer schmalen Sandbank diesen sonnigen Märztag genießt. Am Ufer spaziert nervös eine Bachstelze entlang. Und da, da ist auch eine Stockente – „an den aufgedrehten Federn am Schwanz sehr schön zu erkennen“.

Der Mann, der das sagt, ist Harald Grabenhofer. Er leitet im ­Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel die Abteilung „Bildung und Besucherprogramme“ und ist Ornithologe aus Leidenschaft – ein „Birder“, Teil einer internationalen, wachsenden Szene, die sich der Vogelkunde verschrieben hat. „Was fliegt denn da?“, fragt er sich jetzt selbst und sieht durch sein Fernglas: „Ein Rotschenkel. Mein erster Rotschenkel heuer. Das ist nett, das freut mich.“ Wobei der Winter heuer besonders interessant war. Weil er so kalt wie schon lange nicht mehr war. Für die Gänse Grund, an die südlichen Gestade des Neusiedler Sees zu ziehen, also in Ungarn zu überwintern: „Sie brauchen zwei Dinge: schneefreie Äsungsflächen und offene Gewässer“, sagt Herr Grabenhofer. Hier, in Illmitz, war der See gefroren: „Deshalb waren auf österreichischer Seite im Jänner fast keine Gänse, auf ungarischer ­dafür 40.000.“

Zu FUSS UNTERWEGS: Neben dem Rad die beste Art, sich der Vogelwelt zu nähern, die im nährstoffreichen Wasser ­beste Nahrung findet.
Ungarisches STEPPENRIND - Bis zu 950 kg wird ein ausgewachsenes Exemplar schwer.

Die grosse Rückkehr

Rechtzeitig zur „Pannonian Bird Experience“ im April kommen einige der am Mittelmeer überwinternden Arten zurück. Im Verlauf des Frühlings werden es immer mehr – „bis auch die letzten Arten, die teils weit südlich der Sahara überwintern, eintreffen“. Mit den Vögeln kommen auch die Gäste. Während der „Bird Experience“ ist Illmitz voll belegt. Die Saison im Nationalpark ist längst angelaufen und reicht bis in den November. Birdwatching ist mit der Gründung des Nationalparks (1993) zu einem wichtigen wirtschaftlichen Faktor geworden.

Aus einem einfachen Grund: Die Saison, am See früher auf einige wenige Wochen im Sommer beschränkt, ist viel, viel länger, die Aufenthaltsdauer der Naturtouristen auch: „Manche bleiben bis zu drei Wochen“, sagt Harald Grabenhofer. Auch deshalb freut den passionierten Ornithologen das vor Jahren neu aufgeflammte Interesse an den gefiederten Freunden. Tatsächlich kamen die ersten Birder bereits in den 1960er-Jahren. Zuerst die Briten, bei denen es eine lange Tradition des Vogelbeobachtens gibt, später Deutsche, Schweizer, Italiener und Skandinavier. Ihnen, die mit sinkenden Flugpreisen zunehmend weit entfernte Des­tinationen aufsuchten, galt Illmitz einst als geradezu ­exotisch.

Ein gutes Fernrohr (oder Spektiv) eröffnet eine aufregend artenreiche Welt.

Exotisches Illmitz

Während wir weiter das Wasser absuchen, erzählt Harald Grabenhofer eine amüsante Anekdote: „Mike Blair, der ist zum 40. Mal da, ist ein pensionierter Mitarbeiter der Royal Airforce. Der kommt jedes Jahr zwei, drei Mal nach Illmitz zum Birden. Von hier fährt er weiter nach Montenegro, nach Rumänien. Er hat einmal gesagt: ,Harry, listen. In the 1950’s this was the most exotic place in the world that you could go to.‘“ (Hör zu, Harald. In den 1950er-Jahren war das der exotischste Ort auf der Welt.)

Neben Illmitz haben sechs weitere Gemeinden (Andau, Apetlon, Neusiedl am See, Podersdorf, Tadten und Weiden am See) Anteil am Nationalpark. 90 Qua­dratkilometer umfasst der österreichische Teil, 300 sind es insgesamt. Es ist ein Paradies für Tiere, für Vögel sowieso – 355 Arten sind hier vertreten.

„Wie lerne ich sie am besten kennen?“, frage ich Harald Grabenhofer. Wir befinden uns am Sandeck. Lehnen in sechseinhalb Metern Höhe auf der Plattform eines früheren Grenzwachturms, der bis 1993 in der Nähe von Fertöújlak stand und ein Jahr später hier aufgebaut wurde.

Vor uns dehnt sich ein viele Kilometer breiter Schilfgürtel aus. Irgendwo ganz hinten ahnen wir den See. „Man muss sich Zeit nehmen“, antwortet der Experte. Es braucht Geduld, ein Bestimmungsbuch und ein gutes Fernglas: „Es ist ein Irrtum zu glauben, dass man möglichst viel und möglichst schnell unterwegs sein muss, um viel zu sehen. Wenn wir hier im Mai drei  Stunden stehen, kommen die Vögel eh vorbei.“

Natürlich gibt es Führungen, unterschiedlich lang, unterschiedlich intensiv. Wer sich eine Saison mit der Vogelwelt des Nationalparks beschäftigt, kann sich durchaus einen guten Überblick verschaffen. Harald Grabenhofer sagt: „Ich würde als Beginner nicht versuchen, gleich die weiblichen Enten zu bestimmen. Zuerst einmal die Erpel, die sind jetzt schön gefärbt, im Prachtkleid und deshalb gut zu erkennen.“

Ich blicke wieder durchs Fernrohr. Sehe zwei nebeneinander watschelnde Graugänse. „Verpaarte Graugänse“, sagt Grabenhofer. „Das heißt, zwei sind immer ein Paar?“ – „In der Regel ja“, sagt der Experte. „Aber nicht unbedingt, dass es immer Manderl und Weiberl ist. Da gibt’s auch Männerfreundschaften. Sehr faszinierend, was im Sozialleben der Graugänse alles los ist.“

Birdwatching im Nationalpark Neusiedler See

Weißstorch
Bienenfresser
Drosselrohrsänger
Großtrappe

GUTE TIPPS

Wirtshauskultur

Podersdorf. Das Gasthaus zur Dankbarkeit bietet regionale Küche mit Liebe zum Detail. 

Die Karte folgt dem saisonalen Angebot. Der Klassiker ist der Jiddische Hühnerleberaufstrich. Wirt Josef Lentsch ist auch einer der besten Winzer der Gegend. 

Hauptstr. 39, 7131 Podersdorf, Telefon 02177/22 23, 

www.dankbarkeit.at

Dorfmuseum

Mönchhof. Das Freilichtmuseum zeigt pannonische Alltagskultur von einst. 35 wieder errichtete Gebäude: von der Fassbinderei über die Post bis zum Gasthaus. Es wurde bereits mehrfach für seine Gestaltung usgezeichnet. Heiraten kann man dort auch. 

Bahngasse 62, 7123 Mönchhof,
Telefon 02173/806 42, 

Wellness & Natur

Frauenkirchen. Die St. Martins Therme & Lodge direkt am Rande des Nationalparks Neusiedler See – Seewinkel ist ideal, um faszinierende Natur-Entdeckungen zu machen. Die Lage, der hauseigene Badesee, das warme Thermalwasser, eine einmalige Natur- und Kulturwelt, beste Weine und Kulinarik ergeben ein besonderes Wellness-Angebot.

Im Seewinkel 1, 7132 Frauenkirchen,
02172/205 00,

www.stmartins.at

FOTOS: St. Martins Therme & Lodge/Kurt-Michael Westermann (3), Österreich Werbung/Nina Baumgartner (2), alle Vögel-Fotos: iStock, Steve Haider, www.dorfmuseum.at, St. Martins Therme & Lodge/Rudy Dellinger