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Georgiens Hauptstadt Tiflis. © iStockphoto

Georgien: Vergessenes Land

Georgien ist ein Land der Gegensätze: Es bietet uralte Bauten, spektakuläre Landschaften und eine spannende Geschichte. Ein gesegnetes Fleckchen Erde zwischen Moderne und Vergangenheit, zwischen Aufbruch und Zerfall.

Text: Alexandre Sladkevich

Erst hat Gott ein Stück Land für sich zur Seite gelegt, es dann aber den Georgiern geschenkt." Diese alte Legende hat bei mir den Wunsch geweckt, das kleine Land Georgien zu besuchen.

Georgien bietet Gegensätze. Reisende haben die Wahl zwischen dem 5.200 Meter hohen Berg Schchara mit seinem Gletscher im Hohen Kaukasus und dem Wellenschlag des Schwarzen Meeres. Es gibt subtropische Flora, Wasserfälle und die Wüste Garedscha; uralte pittoreske Kirchen und Ruinen, die das Gebirge krönen; winzige Dörfer, die zum Teil so steil auf den Hängen balancieren, dass es scheint, als rutschten sie jeden Moment runter; eine archaische Höhlenstadt, Überbleibsel der Sowjetzeit, und altertümliche Festungen, die auf futuristische Bauten hinabblicken.

Ich treffe Ana Rechwiaschwili, Lika Maisuradse und Ana Kutateladse in Tiflis. Die Hauptstadt mit dem verdeckten Horizont. Der Blick stößt, egal wohin man schaut, immer auf das Gebirge. Die Freundinnen laden mich in ein Café ein und berichten enthusiastisch über ihre Stadt und Lieblingsplätze: den Rike Park und das Bäderviertel mit seinen markanten Kuppeln. Unweit befindet sich ein Wasserfall. Mitten in Tiflis!

Die Kura teilt Tiflis und ist der größte Fluss im Südkaukasus. Nach einem Altstadtbummel sollte man unbedingt noch das Ufer entlangspazieren. Die drei Frauen schwärmen auch von Nariqala und Mtazminda. Nariqala, die wichtigste mittelalterliche Burg Georgiens, ziert einen Bergkamm. Von der Festung verläuft ein Weg zur Monumentalstatue "Mutter Georgiens", der Visitenkarte der Stadt. Dazwischen befindet sich die Bergstation der Seilbahn. Mtazminda, der "heilige Berg", trägt einen Fernsehturm, ein Pantheon und die Standseilbahn.

Nur eine Stunde mit dem Bus von Tiflis entfernt, liegt das uralte Gori, die Heimatstadt von Stalin. Und Josef Papitaschwili, abgekürzt Soso, der früher in der Stadtverwaltung Goris tätig war. Er ist ein Couchsurfer und baut gleichzeitig ein kreatives Gasthaus, "Just House", in Gori, um damit seinen Lebensunterhalt aufzubessern. Er verkörpert die georgische Gastfreundschaft. Die Gäste sollen sich wie zu Hause fühlen und daher führt er sie gerne durch seine Stadt. Auch mich. Das Rathaus, erfahre ich, wurde von den deutschen Kriegsgefangenen erbaut und wird im Volksmund als Reichstag bezeichnet. Soso kennt hier beinah jeden Zweiten. Er begrüßt immer wieder Bekannte, manchen umarmt er und man gibt sich einen Wangenkuss. Sich so warmherzig zu grüßen ist typisch für die Männer. Die Vornamen werden oft durch "mein Teurer" ersetzt. Hier, mitten im Ort, krönen die Ruinen der altertümlichen Festung Goris-Ziche einen Hügel. Ein erhabener Anblick.

Gelebte Tradition

Danach organisiert Soso mit seinem Freund Guram Papuaschwili, Leiter der Kulturabteilung Goris, ein Auto. Damit fahren wir zwölf Kilometer nach Uplisziche, einer archaischen Festungs- und Höhlenstadt auf einem Felsplateau. Abends laden sie mich ins Restaurant ein. Die Freunde bestellen so viele Gerichte, bis der Tisch an seine Grenzen stößt. Den selbst gemachten Wein bringt Soso mit. Wie es aussieht, fehlt nur Tschurtschchela, ein typisches Dessert, das man scherzhaft als "georgisches Snickers" bezeichnet. Es ist eine getrocknete Masse aus Traubensaft und Mehl, gespickt mit Nüssen.

Georgien ist das Ursprungsland des Weins, sagen sie stolz. Sie erwähnen die eiförmigen Tongefäße, in denen er gelagert wird. Diese gehören heute zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die typischen, langen Trinksprüche gehen in Lieder über, die Guram, mit Gitarre untermalt, vorträgt. Die übrigen Restaurantgäste gesellen sich zum Tisch. Auch das ist in Georgien Tradition.

Am nächsten Tag geht es zu der kleinen Siedlung Tedsmischewi in der Munizipalität Kaspi. Für Soso und seine ehemaligen Klassenkameraden Geno, Niko, Beka und Giorgi gehört das zum jährlichen Programm. Zuerst geht es einen Bergkamm hoch. Richtung Himmel, wo der Wind unermüdlich ist, steht die Ruine eines Schreins. Die Besucher umkreisen ihn drei Mal und küssen seine Mauern. In dem einzigen erhaltenen Kämmerchen und auch davor entzünden sie vor den Ikonen kleine Kerzen. Der Raum ist unerwartet warm. Manche haben Hühner als Opfergaben dabei, um sie vor dem Schrein zu schlachten. Diese archaischen Traditionen sind noch lebendig. Bei dem lokalen Kalobnoba-Fest wird der Ahnen gedacht, die im 17. Jahrhundert bei der persischen Invasion ermordet wurden. Dieses lokale Fest wird nur in ganz wenigen Dörfern zelebriert.

Besuch bei Freunden

Später fahren wir zur Genos Datscha. Davor machen wir noch in der Art-Villa Garikula Halt, dem bekannten Zentrum für zeitgenössische Kunst, dessen Gründer, Karaman Kutateladse, uns höchstpersönlich empfängt. In Tedsmischewi angekommen, decken die Jungs den großen Tisch und kühlen 22 Liter hausgemachten Weins. Weitere Freunde kommen und Soso sagt: "Wundere dich nicht, wenn auch Fremde dazukommen, das ist absolut normal." Sie trinken auf ihre Ahnen, ihre Heimat, ihre Mütter, ihre Freunde und natürlich auf die Gäste.

GUTE FAKTEN

Die besten Museen

Kunstschätze. Im Historischen Museum in Gori erfährt man alles über die Ursprünge und Geschichte Georgiens, den Rest im bekanntesten Museum Georgiens, dem pompösen staatlichen Josef-Stalin-Museum. Ebenfalls in Gori. In der Nationalgalerie in Tiflis hängen 34 Exponate des berühmtesten georgischen Malers Niko Pirosmani. Das Staatliche Seidenmuseum ist das älteste der Welt.

georgia-insight.eu