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Glückliche Kuh auf Sommerfrische im Nenzinger Himmel wo sie die saftigen Wiesen der Almen genießt. © Dietmar Denger/Vorarlberg Tourismus

Vorarlberg: Im Himmel

Im westlichsten Winkel von Österreich liegt – gut versteckt – einer der schönsten Talschlüsse der Alpen: der Nenzinger Himmel in Vorarlberg. Ein Naturjuwel, das die Einheimischen zu bewahren wissen.

Text: Niki Nussbaumer

In den Himmel kommt nicht jeder. Die idyllische Almsiedlung liegt am Ende des Gamperdonatals, dort, wo Österreich an Liechtenstein und die Schweiz grenzt. Zu Fuß braucht es vier Stunden in das abgelegene Stück Vorarlberg. Es gibt zwar eine einspurige Bergstraße, doch diese ist für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Selbst Radfahrer dürfen die Straße nicht benutzen. Wer zum Nenzinger Himmel will, muss den Wanderbus nehmen - doch die Anzahl der Fahrgäste pro Tag ist limitiert. Und das ist ganz im Sinne der umsichtigen Nenzinger, zu deren Gemeindegebiet der "Himmel" gehört und die ihr Refugium vor dem Massentourismus schützen wollen.

Abgeschiedene Idylle

Der Weg in den Himmel ist abenteuerlich, kurvig und steil. Links felsige Wände, rechts die tiefe Schlucht, die der Mengbach im Laufe der Jahrtausende gegraben hat. Seit dem Jahr 1979 chauffiert Anton Gantner zwischen Mitte Mai und Mitte Oktober Touristen durch das Tal - und das bis zu sechs Mal am Tag. Den Rest des Jahres bleibt die Straße gesperrt und das himmlische Naturschutzgebiet hat wieder seine heilige Ruhe. 40 Minuten lang schnauft der kleine Wanderbus die 840 Höhenmeter bis zum Talkessel in den Nenzinger Himmel hinauf.

40 Minuten, in denen man von Anton Gantner einiges erfährt - sofern man das möchte: Dass jeder Nenzinger einen Tag im Jahr Frondienst auf der Alpe (so nennen die Vorarlberger eine Alm) leisten muss. Dass es die französischen Besatzer waren, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Ausbau der Straße vorantrieben, um Schmugglern aus der Schweiz auf die Schliche zu kommen. Und dass das Gebiet seit jeher als besonders wildreich gilt: ob Rehe, Hirsche, Gämse oder Steinböcke - 500 Stück Huftiere werden jedes Jahr erlegt.

Kein Herz für den Nenzingerhimmel zu haben ist kaum vorstellbar.

Nach 16 Kilometern Fahrt öffnet sich das Tal. Knapp 200 Almhütten stehen hier oben auf 1.367 Metern Höhe, die meisten sind alt und aus Holz. Einst dienten sie den Bewohnern als landwirtschaftliche Nutzbauten, heute kann man einige von ihnen als Ferienhäuser mieten. Ein eigenes kleines Wasserkraftwerk sorgt für den Strom, das quellfrische Wasser holt man aus dem nahen Brunnen. Im Lädele, dem kleinen Lebensmittelladen, den auch Anton Gantner betreibt, gibt's alles für das Almleben Notwendige zu kaufen: Schoko, Schnaps und Schübling, wie Knacker in Vorarlberg heißen.

Keine schlechte Art, so Urlaub zu machen: weit weg von Licht und Lärm, zwischen Wiesen und Weiden, ringsherum Wälder, imposante Berggipfel und schäumende Wildbäche. Und weil's hier oben gar so schön ist, befanden Besucher schon vor langer Zeit: "Die Nenzinger haben ihren eigenen Himmel." So war der Begriff "Nenzinger Himmel" geboren.

Größte Hochalpe

Schon seit der Bronzezeit (1800-800 v. Chr.) nutzten die Menschen die Weideflächen des Gamperdonatals als Almen, später sicherte sich der Adel die Jagdrechte und schoss Luchse, Bären und Wölfe. Als um die Jahrhundertwende der Tourismus das Tal entdeckte, fertigten die schlauen Nenzinger sogenannte Gamperdondwägele an. Das waren eigens für diese schmale und steile Strecke konstruierte Pferdegespanne, mit denen man das Gepäck der Besucher transportieren konnte. Wer heute kommt, merkt rasch: Viel ist nicht los im Himmel. Wasser plätschert, Wolken ziehen, Murmeltiere pfeifen, Adler kreisen. Außer Ruh' nur Kuh. Hin und wieder, so hatte Anton Gantner im Wanderbus kopfschüttelnd erzählt, würden sich Besucher aus der Stadt tatsächlich über das Gebimmel der Kuhglocken beklagen.

140 Kühe verbringen hier oben jedes Jahr den Sommer. Das macht den Nenzinger Himmel zur größten Hochalpe Vorarlbergs. Während der 100 Tage ihrer Sommerfrische produzieren die Tiere 250.000 Liter Alpmilch, die gleich hier in der Alpkäserei Gamperdona zu 23.000 Kilo Alpkäse, 2.000 Kilo Bergkäse, 3.000 Kilo Alpbutter und 1.500 Joghurt verarbeitet werden. "Das ist kein Industriegummi , sondern ein richtiger Käse", betont man. Und den gibt's im angrenzenden "Käs-Lädele" zu verkosten und zu kaufen. Die Abendsonne lässt den 2.859 Meter hohen Panüler flammend rot erscheinen. Wer nicht über Nacht bleiben kann, muss mit dem Bus ins Tal. Dann beweist sich: Wer einmal im Himmel war, der möchte nicht mehr zurück.

INSIDERTIPP:

Mega-Kuhparade

Alpabtrieb. Alljährlich verbringen 9.000 Milchkühe und 30.000 Jungtiere sowie 4.000 Schafe und 900 Pferde den Sommer auf rund 500 Almen in Vorarlberg. Dort genießen sie saftiges Gras und viele Kräuter. Ab Mitte September startet der festliche Alpabtrieb. Die gut genährten Kühe werden geschmückt und von vielen Hirten wieder ins Tal getrieben. Der Umzug dauert Stunden und ist ein farbenfrohes Erlebnis.

vorarlberg.travel

GUTE TIPPS:

Hinkommen

Wanderbus Anton Gantner. Der Chef fährt persönlich zum Nenzinger Himmel und unterhält sein Publikum mit Wissenswertem und Witzigem. Rechtzeitig reser­vieren (05525/622 17), die Plätze sind begrenzt!

Essen

Alpengasthof Gamperdona. Das Wirtshaus liegt mitten im Nenzinger Himmel und serviert Gerichte rund ums Thema Käse: Käsespätzle, Käsefondue und Lumpensalat (Knacker mit Alpkäse).

himmelwirt.com 

Schlafen

Alpencamping Nenzing. Ein mehrfach aus­gezeichneter Campingplatz am Fuße des Nenzinger Himmels mit Innen- und Außenpool, Sauna, Dampfbad, einem Restaurant und Kinder­unterhaltung (Fußball- und Volleyballplatz, Kinderkino, Kletterwand etc.).

alpencamping.at