Österreich
© Niederösterreich-Werbung/Michael Liebert

Im Viertel der Verführungen

Die Mostviertler wissen, was sie an ihrer Heimat haben. Vier Menschen aus der Region stellen sie vor: Sie erzählen von mächtigen Hammerherren und preisen die Birnen, sie schwärmen von der reichen Natur und den gemütlichen Menschen. Ein Besuch eines Landstrichs, in dem Österreich entstand.

Text: Wolfgang Wieser

Selbstbewusst sind sie schon, die Mostviertler. "Was die österreichische Bundeshymne besingt, findet sich bei uns wieder", sagen sie. Also: "Land der Berge, Land am Strome, Land der Äcker, Land der Dome, Land der Hämmer, zukunftsreich ..." Für alle, die es nicht wissen: Das Mostviertel liegt im Westen Niederösterreichs. Im Norden grenzt die 5.500 km2 große Region an die Donau - die Wachau liegt direkt gegenüber. Im Osten erstrecken sich die Ausläufer des Wienerwaldes, Nachbar im Westen ist Oberösterreich, im Süden die Steiermark. Das Mostviertel ist das Kernland, die Wiege, des heutigen Österreich.

Im Jahr 996 schenkte Kaiser Otto III. dem Bischof von Freising 30 Königshufen, das entspricht etwa 1.000 Hektar, Land in der Gegend von Neuhofen an der Ybbs. In der Schenkungsurkunde scheint erstmals der Name "Ostarrichi" auf. So wurde dieser Landstrich genannt. Aus "Ostarrichi" entwickelte sich im Laufe der Jahre "Österreich". Rund 407.000 Menschen ist das Mostviertel Heimat. Vier davon -lernen Sie hier kennen. In GUTE REISE stellen sie nun ihr Mostviertel vor.

© weinfranz.at

Leopold Wieser, 49 Jahre  Biobauer, Drechsler, Reisebegleiter: Ein Sepp kommt niemals allein

Im Mostviertel ist Sepp nicht nur ein Name, sondern auch eine Berufsbezeichnung: Ein Sepp lässt sich mieten.

Für wenige Stunden. Oder ganze Tage. Als Reisebegleiter, der viel über diese einzigartige Region zu berichten hat, über ihre Bewohner, ihre Geschichte und ihre kleinen -Eigenheiten. Ich bin am Berg daheim. Auf einem Bauernhof in Randegg im Erlauftal. Mit meiner Frau Elisabeth bewirtschafte ich die Wiesen und Weiden rundherum. Wir haben Kühe und Schafe.

Ein typischer Bauer bin ich aber nicht. Warum nicht? Weil ich mich auch mit anderen Dingen beschäftige. Ich drechsle gerne. Das können Mädchen und Buben in meiner Kinderholzwerkstatt auch von mir lernen. Ich arbeite auch als Sepp. Es gibt im Mostviertel zehn Seppen. Ein Sepp ist ein Reisebegleiter, der für Stunden oder Tage gemietet werden kann. Wir bringen den Besuchern unserer Heimat die Menschen, die Geschichte und die Landschaft näher.

Zu erzählen gibt es viel. Deshalb gehen wir gerne auf das ein, was die Menschen besonders interessiert.Natürlich verraten wir viel über die Eisenverarbeitung. Schließlich hat sie unsere Region über Jahrhunderte geprägt. Den besten Überblick hat man übrigens, wenn man auf dem Panoramahöhenweg am Hochkogel steht. Der Hochkogel ist sozusagen der Schnittpunkt von Most- und Eisenstraße - da ist die Bergwelt auf der einen Seite und die Hügellandschaft, die ins Flachland mündet, auf der anderen.

Natürlich müssen Sie einen Most trinken, wenn Sie zu uns kommen. Wobei: Unterschätzen Sie ihn nicht! Unser Most hat fünf bis sieben Prozent Alkohol, also grob gesagt, halb so viel wie Wein, aber eben doch. Mostheurige gibt es überall. Empfehlenswert ist praktisch jeder. Wie der Mostviertler so tickt? Der Mostviertler ist ein gemütlicher Mensch. Einer, der gerne mit anderen zusammenarbeitet und zusammensitzt.

GUTE TIPPS:

Ausflüge

Panoramahöhenweg. Der Panoramahöhenweg verbindet das fruchtbare Land der Mostbauern und der wildalpinen Bergwelt der „Schwarzen Grafen“. Weithin sichtbares Wahrzeichen ist die Basilika auf dem Sonntagberg. eisenstrasse.mostviertel.at

Schmiedemeile Ybbsitz. Alles über die Zunft, die das Gesicht der Gemeinde Ybbsitz geprägt hat, erfahren Sie auf der drei Kilometer langen Schmiedemeile. schmieden-ybbsitz.at

Entdeckungsreisen. Zehn Mostviertler, die alles über ihre Heimat wissen, begleiten als „Seppen“ auf Entdeckungsreisen durchs Mostviertel. rent-a-sepp.at

Kinderholzwerkstatt. Leopold Wiesers Werkstatt, in der Kinder (ab sechs Jahren) und Erwachsene Drechseln und Brandmalen lernen. kinderholzwerkstatt.at

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Christiane Scheiblauer, 48 Jahre Hoteliere, Mostbaronin, Birnen-Expertin: Auf den Ursprung besonnen

Mit dem Schloss an der Eisenstraße und dem RelaxResort Kothmühle führt Christiane Scheiblauer gemeinsam mit ihrem Mann Johannes zwei absolute Top-Betriebe.

Die engagierte Unternehmerin ist als Mostbaronin Expertin für die besonderen Birnen der Region, sie weiß auch viel über die Geschichte der Mostproduktion.Die Mostviertler Birne ist eine Zwischenform von Wild- und Tafelbirne. Sie eignet sich außergewöhnlich gut zur Most-, Saft- und Schnapserzeugung. Unsere Birnen sind sehr hantig. Was das heißt? Wenn du von einer abbeißt, spuckst du sie sofort wieder aus, weil so viele Gerbstoffe drinnen sind.

Das mundet einfach nicht. Aber genau diese Gerbstoffe sind es wiederum, die einen einzigartigen Geschmack in der Saftproduktion ergeben.Im Mostviertel haben wir die höchste Birnbaumdichte Mitteleuropas. Bei uns gibt es an die 200 Sorten, wobei heute etwa 30 Sorten intensiv genutzt werden. Kaiserin Maria Theresia hat sie damals stark gefördert. Sie hat angeordnet, dass jeder Bauer Birnbäume pflanzen muss, um für eine ausreichende Mostproduktion in der Monarchie zu sorgen. Um 1900 gab es noch eine Million Birnbäume im Mostviertel. In den Jahrzehnten der Kriegswirren hat sich das stark geändert. Der Most ist fast in Vergessenheit geraten, viele Bäume wurden gerodet. Limonaden und Bier haben ihn verdrängt.

Seit 20 Jahren wird wieder fleißig gepflanzt, es dauert allerdings 30 Jahre, bis ein Birnbaum den vollen Ertrag bringt. Dann allerdings kann er bis zu einer Tonne liefern. Aktuell gibt es bei uns rund 400.000 Birnbäume. Ich bin stolze Mostbaronin, pflege und verbreite mit Leidenschaft die Kultur der Mostbirne. Die Grundidee der Gemeinschaft hatte der Toni Distelberger 2003. Begonnen hat das mit unserem EU-Beitritt. Die Bauern, die alle Mischbetriebe hatten, mussten sich neu orientieren.

Und viele haben sich auf ihren Ursprung, die Obstproduktion, zurückbesonnen. Wie man Mostbaron wird? Gar nicht. Man wird auserkoren. Wer sich besonders engagiert, als Produzent, Unternehmer oder Wirt, wird gefragt, ob er an der erlesenen Gruppe teilhaben möchte. Wer zustimmt, wird im Rahmen der Mostwallfahrt mit einem Gelöbnis zum Mostbaron geschlagen.

GUTE TIPPS:

Ausflugsziel

Mostbirnhaus. Dort erfahren Sie nicht nur alles über die Mostproduktion und seine Geschichte. In der Spezerei gibt es eine erstaunliche Vielzahl für Genießer dieser regionaltypischen Spezialität.

mostbirnhaus.at

Genuss

Mostbarone. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte der Most der Region Wohlstand. Im Volksmund wurden die erfolgreichen Bauern „Mostbarone“ genannt. Der Begriff wurde Anfang des 21. Jahrhunderts wiederbelebt.

mostbarone.at

Top-Hotels

RelaxResort Kothmühle und Schloss an der Eisenstraße. Christiane und Johannes Scheiblauer führen nicht nur das RelaxResort Kothmühle, -sondern auch „Das Schloss an der Eisenstraße“. Beide Häuser haben eine lange Tradition, die Kothmühle besteht seit über 700 Jahren, das Schloss stammt aus dem 17. Jahrhundert.

kothmuehle.at
schlosseisenstrasse.at

© Theo Kust/imagefoto.at

Rudi Jagersberger, 62 Jahre Naturparkführer, Seniorwirt und Waldfreund: Im Wald ist es herrlich

Er mag Ameisen und Salamander, kennt den stängellosen Enzian und das Jägerblut (und viele, viele andere Pflanzen).

Er zeigt Kindern, wie Holzknechte früher gewohnt haben, und kocht mit ihnen Grießsterz über offenem Feuer. Rudi Jagersberger lehrt Wanderern im Wald das Sehen.Bei uns, ich meine jetzt den Naturpark Eisenwurzen, gibt es eine der größten Ameisenkolonien Europas. Die treten im wahrsten Sinne des Wortes zuhauf auf. Auf vielleicht 2.000 Quadratmetern ist tatsächlich ein Haufen neben dem anderen. Die halten das natürliche Gefüge im Wald in Ordnung. Ich glaube, die waren schon immer da.Wir haben auch ein Hochmoor mit vielen kleinen Tümpeln.

Da muss man mit offenen Augen durch - dann entdeckt man viele seltene Tiere, die Gelbbauchunke zum Beispiel, die man sonst kaum noch findet, oder den Alpensalamander. Bei einer Wanderung in aller Herrgottsfrüh, als es fast noch finster war, habe ich einmal innerhalb von einer Stunde 60 Salamander gesehen.Ich bin selber immer am meisten begeistert. Jetzt, im Frühjahr, blüht der stängellose Kalkenzian, der ist tiefblau, oder das Jägerblut und eine besondere seltene Primelart, die Clusius-Primel, die man sonst kaum wo findet. Ich liebe den Wald. Da fährst du den Organismus runter, denkst nimmer, bist einfach nur du selber - das ist herrlich.

Geführte Wanderungen gibt es bei uns natürlich oft. Bei uns werden gerne Schullandwochen abgehalten. Da wandern wir zuerst so drei, vier Stunden. Ich sage immer, wir suchen die Natur. Dann zeige ich den Kindern, wie die Holzknechte früher gewohnt haben, wenn sie wochenlang im Wald waren. Und manchmal koche ich mit ihnen Grießsterz über offenem Feuer. Auf dem Königsberg haben wir zwei Almen. Da gibt es die Kitzhütte (1.280 Meter) und die Siebenhütten (1.297 Meter). Dort kann man auch jausnen. Die Almen sind übrigens bewirtschaftet, im Sommer ist das Jungvieh oben. Auf die Kitzhütte kommt jeder rauf. Ich sag immer, das ist eine Wanderung, die jeder "dablast".

GUTE TIPPS:

Ausflüge

Naturpark Eisenwurzen. Dieser Naturpark erstreckt sich über eine Fläche von rund 5.000 Hektar und bietet eine einzigartige Natur- und Kulturlandschaft. naturpark-eisenwurzen.at

Kitzhütte. Die Kitzhütte liegt auf 1.280 Metern und ist von Hollenstein in ca. eineinhalb Stunden, von der Kleinpromau in zwei Stunden zu erreichen. eisenstrasse.info

Gasthof Jagersberger. Der Gasthof wird heute von Marion und Peter Jagersberger geführt. Hier gibt es auch einen einzigartigen Fünf-Elemente-Weg, der direkt durch den Wald zum Kräutergarten führt. gasthof-jagersberger.at

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Monika Reiter, 50 Jahre, Museumsführerin, Mostviertel-Expertin, Gespenster-Freundin: Im Reich der schwarzen Grafen

Mit riesigen Hämmern wurde in Lunz am See (und in vielen anderen Orten des Mostviertels) einst das Eisenerz bearbeitet.

Die Hammerherren galten als verantwortungsvolle, soziale Arbeitgeber, die bis zum Beginn der Industrialisierung das Leben in der Region prägten. Monika Reiter erzählt über das Hammerherrenmuseum Lunz am See das nicht nur viel über die Geschichte verrät, sondern möglicherweise auch ein Gespenst beherbergt. Mein Museum ist im Hammerherrenhaus Lunz am See, das sogenannte Amonhaus. Es wurde 1551 erbaut und gilt als einer der schönsten Renaissancebauten Österreichs.

Der bedeutendste Hammerherr war, wie der Name schon sagt, Johann Franz von Amon (1754-1825). Er hatte sich in den Franzosenkriegen einen solchen Namen gemacht, dass sogar Kaiser Franz im Jahre 1810 in Lunz am See erschien und ihm "Im Seinem und im Vaterlands Namen" für sein Tun dankte. Im in der Nähe gebauten Hammerwerk wurde das Roheisen, das vom Erzberg kam, zu schmiedbarem Eisen weiterverarbeitet, und zwar mithilfe des Zerrennhammers, der mit Holzkohle befeuert wurde. Wie der ausgesehen hat? Stellen Sie sich einen normalen Hammer vor, nur viel größer.

Er konnte bis zu einem Meter hoch sein und wurde von einem Wasserrad angetrieben. Im ersten Raum unseres Museums sind die Geschichten jener Familien dargestellt, die in diesem Haus gelebt haben. Eine von -ihnen war jene eben dieses Herrn von Amon, er hatte mit drei Frauen 20 Kinder, 14 Söhne und sechs Töchter. Hammerherren waren sehr reich und hatten großen Einfluss. Sie wurden als "Schwarze Grafen" bezeichnet. Dies war ein Ehrentitel, da sie sozial ganz großartig -waren. Sie haben ihre Leute versorgt und haben darauf geachtet, dass es ihnen gut geht.

Auch heute noch wird der Titel eines "Schwarzen Grafen" an jene Menschen verliehen, die sich um die Eisenstraße verdient machen. Im zweiten Raum wird der Zerrennhammer gezeigt, wie auch die Entwicklung des gesamtes Standes. Außerdem muss man wissen, dass Schmiede hochspezialisiert waren. Es gab Waffen- und Sensenschmiede, Sichel- und Scherenschmiede, einen Nagelschmied und einen, der nur Kreuze gemacht hat, usw. Diese Schmiede waren Könner ihres Faches. Außerdem erfährt man, wer in der Produktion noch wichtig war - nämlich die Holzknechte, Köhler und Fuhrleute. Die Eisenverarbeitung war hochkomplex. Der letzte Raum ist eine alte Rauchküche aus dem 16. Jahrhundert.

Sie war viele Jahrzehnte mit Brettern vernagelt und wurde erst entdeckt, als die Gemeinde 1964 das Haus kaufte. Nachdem die letzte Besitzerin Clara von Amon verstorben war (1816-1877), wechselte das Haus immer wieder den Besitzer. Eine Zeitlang war es auch ein Gasthaus. Aber die Leute sind nicht reingegangen, weil es geheißen hat, die Clara von Amon würde dort spuken. Ob das stimmt? Na ja, manchmal geht aus unerklärlichen Gründen eine Tür auf oder zu. Wir sagen dann, ah, die Clara, aber wir machen uns niemals lustig darüber oder fürchten uns. Sie ist halt immer da, die Clara.

GUTE TIPPS:

Ausflüge

Hammerherrenmuseum. Das einstige Hammerherrenhaus in Lunz am See gibt -einen interessanten Einblick in die Geschichte der Eisenerzverarbeitung in der Region. lunz.at

Stift Sonntagberg. Die barocke Basilika am Sonntagberg zählt zu den markanten Wahrzeichen des ostviertels. Die Kirche ist schon von Weitem zu sehen und bietet von oben einen Blick übers ganze Mostviertel. sonntagberg.at

Mendlingtal. Die Kraft des Wassers hat das Mendlingtal seit Jahrhunderten geprägt. Auf einem dreieinhalb Kilometer langen Holzweg erfahren Sie alles über die Bedeutung der Holzverarbeitung für die Region. erlebniswelt-mendlingtal.at