Europa Aktuelle Ausgabe
Strahlend blauer Himmel, blaues Meer, Ionische Inseln.

Insel des Odysseus

Esel in den Bergen.

Ithaka, die Insel mit dem klangvollen Namen, ist touristisch weitgehend unbekannt. Und daran wird sich so bald auch nichts ändern.

Text: Niki Nussbaumer

Rums“ macht es, als die Fähre an die Hafenmauer von Piso Aetos klatscht und uns an Land spült: Ein paar alte, rauchende Klein-Lkw; ein paar junge, rauchende Griechen; und ein paar alte und junge Rucksacktouristen.

Bedenke, Ithaka-Besucher: Die Insel ist nur per Boot erreichbar, entweder von Lefkas oder – in 30 Minuten – via Kefalonia. Für einen eigenen Flughafen ist die Insel schlicht zu klein und zu zerklüftet. Das macht Ithaka zu einem Geheimtipp für Griechenland-Fans. Wer aber ohne Auto kommt (und kein Zimmer reserviert hat), hat beim Fähranleger in Piso Aetos ein Problem: kein Bus, kein Taxi, keine privaten Zimmervermieter. Immerhin gibt es eine Kantine, die stundenweise öffnet, wenn Fähren an- und ablegen. Hier kann man bei einem Glas Mythos-Bier überlegen, wie man bloß ins neun Kilometer entfernte Vathy gelangt.

Statt Piraten weiße Yachten

Vathy ist Hauptstadt und Zentrum Ithakas. Der Naturhafen gilt als einer der schönsten ganz Griechenlands, er liegt am Ende einer fjordartigen Bucht, umrahmt von Weingärten, Olivenbäumen und Zitronenhainen. Schon der deutsche Archäologe Heinrich Schliemann, der auf den Spuren des Odysseus nach Ithaka reiste (doch dazu später), war begeistert. Er notierte 1868: Der Hafen ist einer der besten der Welt, weil er von Gebirgen umgeben und sein Wasser bereits einen Meter vom Ufer entfernt so tief ist, dass die Schiffe vor den Häusern Anker werfen können. Nicht nur Schliemann, auch Piraten waren von Vathy angetan: Sie nutzten die Bucht jahrelang als Versteck, weshalb die Bewohner gezwungen waren, den Hafen zu verlassen und ins Inselinnere zu siedeln. Heute leben wieder 2.200 Menschen in Vathy, das ist mehr als die Hälfte der gesamten Bevölkerung der Insel, und statt Piraten ankern nun schneeweiße Yachten mit amerikanischen und britischen Flaggen. Abends wird in den ­Tavernen an der Hafenpromenade der Wein der heimischen Thiako-Rebe aus­geschenkt und Savoro serviert: In Öl getränkte Sardinen, gewürzt mit Rosmarin, Knoblauch und Rosinen.

Vergessen scheint an diesen Abenden das verhängnisvolle Jahr 1953 zu sein, als es „Rums“ machte – und das ganz gewaltig: 80 Prozent der Häuser Ithakas wurden bei dem verheerenden Erdbeben zerstört, auch Vathy lag in Trümmern. Viele Einwohner gingen daraufhin in die Fremde, in die USA, nach Australien und Südafrika, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die, die blieben, bauten Vathy nach alten Plänen wieder neu auf. Und so trübt heute kein moderner Schandfleck das hübsche Hafen-Ensemble.

Dieses Blau. Ob Meer, Himmel, Boote, Fensterläden oder Flagge: Ithaka bietet diese Farbe in so vielen Nuancen.
Fischer am Strand.

„Rums“ macht es auch am nächsten Vormittag. 

Wolken verdunkeln die Sonne, Wind frischt auf, Donner grollt. Merke, Ithaka-Reisender, das Eiland gehört zu den Ionischen Inseln, die im äußersten Westen Griechenlands liegen. Anders als auf manch anderen, kargen Eilanden wuchert hier Oleander wild neben der Straße; Zypressen, Pinien und Platanen spenden Schatten, oft wachsen die Wälder bis ans Meer. 

Warum das so ist, wird einem klar, wenn schwere Tropfen auf die Vordächer der Frühstück-Cafés prasseln. Doch spätestens nach ein, zwei Elliniko, einem starken schwarzen Mocca, kämpft sich die Sonne zurück und vertreibt die letzten Wolkenfetzen. Also ab ins Auto. Und Insel erkunden. 

Weltbekannt seit der Antike

Ithaka ist schnell entdeckt und schnell erklärt. Knapp 100 Quadratkilometer ist die Insel groß. Oder klein. Das entspricht der Fläche von Linz. Während Ithaka im Süden und Westen steil ins Meer stürzt, schneiden sich an der Nord- und Ostküste unzählige kleine Buchten ins Land, in die sich bezaubernde Fischerdörfer wie Kioni und Frikes schmiegen. 

So klein die Insel auch ist, so groß ist ihr Weltruhm. Ithaka ist die legendäre Heimat von Homers Helden Odysseus: „Ich bin Odysseus, Laertes’ Sohn, durch mancherlei Klugheit unter den Menschen bekannt; und mein Ruhm erreichet den Himmel. Ithakas sonnige Höhen sind meine Heimat.“ Von hier aus soll er in den Krieg nach Troja ­aufgebrochen sein; seine Odyssee zurück dauerte zehn lange Jahre. 

Erkenne, Ithaka-Urlauber, Odysseus’ Spuren begegnen einem noch heute auf Schritt und Tritt. In der Polis-Bucht im Norden soll er in See gestochen sein, am Strand von Dexia soll seine ­Irrfahrt ein Ende gefunden haben. Heinrich Schliemann suchte 1868 nach dem Palast von Odysseus und glaubte ihn auf dem Berg Aetos, unweit des Fähranlegers, gefunden zu haben. In der Nymphengrotte, einer Tropfsteinhöhle in der Nähe von Vathy, soll Odysseus einst seine Schätze versteckt haben. Und bei der Arethusa-Quelle soll der Schweinehirte Eumäos dessen Herde getränkt haben. Soll. Denn ob Homers Ithaka tatsächlich der heutigen Insel Ithaka entspricht, darüber streiten Archäologen noch heute.

Der Traumstrand Gidaki.

Saubere Buchten

„Rums“ macht es und ein Mopedfahrer kracht ins Heck des Mietautos. „Geht es Ihnen gut, sind Sie verletzt?“, lautet die bange Frage. „Kein Problem“, sagt der zahnlose Alte, der sein Moped ohne Helm, aber mit Zigarette 

gelenkt hat. Als Junger war er nach dem Erdbeben in die USA ausgewandert, als alter Mann kehrte er heim. Er hatte Griechenland verlassen, aber Griechenland hatte ihn nicht verlassen. „Und die Kratzer am Auto?“, lautet die nächste bange Frage. „Kein Problem“, meint der Alte lächelnd, steigt auf sein verbeultes Mofa und fährt weiter.

Ein Sprung ins kühle Nass soll nun die Nerven beruhigen. Doch berücksichtige, Ithaka-Freund, das Eiland ist keine ausgewiesene Badeinsel. Und daher auch kein richtiges Ziel für Pauschalurlauber. Keine Hotel- oder Campinganlagen, keine langen, breiten Sandstrände mit Duschen und Liegen. Man schläft in kleinen, sauberen Apartments und badet in kleinen, sauberen Buchten mit Kieselsteinen und glasklarem, türkis-farbenem Meer. 

Die meisten Strände liegen im Südteil Ithakas rund um die Inselhauptstadt Vathy; einige sind über asphaltierte Wege mit dem Auto erreichbar (Filiatro, Dexia), andere über Schotterpisten mit Schlaglöchern (Skinos). Und zu manchen, wie zur Traumbucht Gidaki, gelangt man überhaupt nur per Boot oder nach einen längeren Fußmarsch – und der ist nicht ganz ungefährlich.

„Rums“ macht es auch am letzten Tag, als die Türe des Mietwagens schwer ins Schloss fällt. Der Blick des Autovermieters fällt auf die Kratzspuren am Heck, die der Unfall mit dem Moped hinterlassen hat. „Kein Problem“, sagt der Mann grinsend. 

„Rums“, poltert das Herz vor Erleichterung.

GUTE TIPPS:

Schlafen

Odyssey Apartments. Am Ende der Bucht von Vathy betreibt Aris Komninos diese stylishe Apartmentanlage. Rund um den Pool serviert der Chef persönlich Kaffee sowie Kuchen aus Mamas Backofen. Klimaanlage, tägliche Reinigung und Gratis-WLAN.

odysseyapartments.gr

Essen

Sirines. Die belebte und beliebte Taverne liegt an einem kleinen Platz hinter Vathys Hafenpromenade und bietet griechische ­Küche abseits von Moussaka, Souvlaki & Co. Spezialität: Lamm mit Zitrone und Thymian. Gehobene Preise.

ithacagreece.com/ sirines/sirines.html

Ausgehen

Café Bar Drakoulis. Die klassizistische Villa in Vathy hat das Erdbeben von 1953 unbeschadet überstanden. Heute dient das historische Gebäude als stilvolle Cocktailbar mit Garten und Blick auf den Hafen. Auch schön zum Frühstücken!

Tel. +30/26740/334 35

FOTOS: istock  Niki Nussbaumer