Europa

Insel vor der Jetset-Küste

Eukalyptus und ­Pinien.

Auf Sainte-Marguerite bewachten einst 500 Soldaten einen einzigen geheimnisvollen Gefangenen. Heute ist die vor Cannes liegende Insel ein faszinierender Flecken nahezu unberührter Natur.

Text: Wolfgang Wieser

Eine sanfte Brise lässt unser Boot träge auf den Wellen schaukeln. Das Wasser leuchtet türkis. Gerade noch sind wir mit einer Piroge rund um Sainte-Marguerite gepaddelt, haben Wanderer beobachtet und vergeblich auf Delfine gehofft. Die Insel liegt jetzt steuerbord, backbord ihre kleine Schwester Saint-Honorat. „Ein herrlicher Anblick, nicht wahr?“, sagt Guide Luc Dessauvages. Sainte-Marguerite ist tatsächlich eine Schönheit. Eine, die um ihre Unberührtheit bemüht ist. 

Berühmt ist sie für eine andere Geschichte. Hier war von 1687 bis 1698 der „Mann mit der eisernen Maske“ eingekerkert. Bis heute ist unklar, wer er war. Der berühmte Schriftsteller Aexandre Dumas mutmaßte, dass es sich dabei um einen Zwillingsbruder von Sonnenkönig Ludwig XIV. (1638–1715) gehandelt haben könnte. 500 Soldaten sollen den Unbekannten bewacht haben. 

Tatsächlich wurde der Gefangene außergewöhnlich gut behandelt. Er durfte lesen und Laute spielen. Kontakt nach außen gab es kaum. Wenn doch, dann nur mit einer eisernen Maske (die in Wirklichkeit aus schwarzem Samt gefertigt gewesen sein soll). Heute ist das frühere Gefängnis eine Touristenattraktion. Jugendgruppen, die hier übernachten, schlafen in den früheren Zellen. 

Sonniger Archipel

Sainte-Marguerite ist rund 3.200 Meter lang und etwa 900 Meter breit. Zu erreichen ist sie von Cannes aus. Eine Fähre steuert die Insel tagsüber nahezu stündlich an (Ticketpreis: 14,50 Euro für Erwachsene). Die Fahrt dauert knapp 15 Minuten. Sie führt vorbei an strahlend weißen Yachten russischer Oligarchen, die im Hafen von Cannes ankern, offenbart einen grandiosen Blick auf die Luxushotels an der Croisette und die Gipfel im Hinterland. 

Wir schaukeln noch immer in der Lagune von Lérins. Auch hier eine Yacht. „Manchmal sind es auch mehrere“, sagt Luc. Verständlich, es ist ein herrliches Fleckchen Meer. Luc, den Franzosen mit dem Tahiti-Tattoo auf dem linken Unterschenkel, hat es auf besondere Art inspiriert. Er fühlte sich an die Südsee erinnert, ließ zeitgemäße ­polynesische Einbäume bauen (aus Kunststoff statt aus Holz) und schuf damit eine nur auf den ersten Blick kuriose neue Attraktion.

Wenig später klettern wir im winzigen Hafen von Saint-Honorat aus der Piroge. Hier duftet es nach Pinien und Kiefern. Wir entdecken kleine Buchten, still und abgelegen. Und mit jedem Schritt werden wir langsamer, ruhiger und entspannter – wir haben einen neuen Rhythmus entdeckt, den Rhythmus der Lagune von Lérins.

Sainte-Marguerite.
Naturtour vom Wasser aus.
Abtei Notre-Dame de Lérins.

FOTOS: Ville de Cannes (2), Eric Dervaux, iStock, Hervé Fabre/Ville de Cannes

Insidertipps

Ausflüge 

Den Archipel vor Cannes bilden die Îles de Lérins: Sainte-Marguerite, Saint-Honorat, Saint-Ferréol und Île Saint de la Tradeliere. Die Mönche von Saint-Honorat betreiben auf der la Tradeliere das Restaurant „la tonnelle“. 
tonnelle-abbayedelerins.fr

Im 30 Autominuten von Cannes entfernten Antibes warten das beeindruckende Picasso-Museum
(antibes-juanlespins.com/culture/musee-picasso) und die Absinth-Bar „Balade en Provence“.