Lebe lieber lässig

Schwarz-Weiß: Amsterdam Toren und Eye Filmmuseum in trauter, monochromer Zweisamkeit
Pracht an der Gracht
Natur pur: Auf Vuurtoreneiland gelangt man per Boot und diniert dann unter (fast) freiem Himmel
Yes Sir!: In die Lobby des Sir Adam kommt man, um zu bleiben
1, 2, 3 … Los! Am besten erkundet man die Stadt immer noch mit dem Drahtesel.

Eine Österreicherin, die auszog, um von Amsterdam aus die Welt ein bisschen schöner zu machen, erklärt in GUTE REISE das „Venedig des Nordens“

Text: Luisa Siller

Auf den ersten Blick geht Karin Krautgartner glatt als Amsterdamer Original durch: blond und mit viel Fingerspitzengefühl für den unnachahmlich lässigen Stil, in dem man sich hier kleidet. Dabei liegen ihre Wurzeln einige Hundert Kilometer südlich, genauer gesagt im Pinggau, am Fuße des Wechsels. Aus dem kleinen beschaulichen Ort in der Steiermark führte Karin Krautgartners Weg bis an die Spitze des Design-Kosmos. Aber langsam, fangen wir von vorne an. 

Zuerst führt der Weg nach Wien. An die Angewandte, wo Karin Krautgartner in der Klasse von Paolo Piva Industriedesign studiert. „Damals war der Begriff Design in Österreich noch sehr schwammig – niemand wusste so richtig, was das eigentlich ist“, erzählt sie von ihrer Ausbildung. Auslandserfahrungen waren deshalb heiß begehrt. Mit dem Erasmus-Programm verschlägt es Krautgartner nach Amsterdam an die renommierte Rietveld-Akademie. „Mein Freund wollte mich damals eigentlich nur drei Monate gehen lassen. Tja, daraus wurde mehr …“ Genau genommen wurde daraus eine Liebe fürs (und zum) Leben. Denn so richtig losgelassen hat Amsterdam Karin Krautgartner seitdem nicht mehr. 

Parallel zum Designstudium beginnt sie ein Praktikum – bei niemand Geringerem als Marcel Wanders, der damals gerade seinen internationalen Durchbruch mit dem Knotted Chair feierte. „Ineke Hans, die an der Rietveld unterrichtete, hat mir Marcel damals empfohlen, weil sie dachte, dass wir gut zueinander passen würden. Ihr Bauchgefühl war richtig: In unserem ersten Gespräch in seinem Studio, damals noch ganz klein, hatte ich das Gefühl, ihn schon seit Jahren zu kennen.“ Nach einem guten Jahr kehrt Krautgartner Amsterdam temporär den Rücken, um in Wien ihr Diplom zu machen. Kaum hat sie das in der Tasche, klingelt das Telefon – es ist Marcel Wanders. „Ich hatte genau 30 Minuten, um mich zu entscheiden, ob ich zurück nach Amsterdam gehe, um für ihn zu arbeiten. Nun ja, ein paar Tage später stand ich mit meinen Koffern in Amsterdam.“ Karin Krautgartner war gekommen, um zu bleiben.

Liebe fürs Leben

Marcel Wanders und sie arbeiten seither Seite an Seite. Damals in einem familiären Team, heute umfasst das Designbüro knappe 60 Leute. Ihren Job als Creative Director empfindet Karin Krautgartner ebenso spannend und abwechslungsreich wie die Stadt, in der sie lebt: „Es wird hier wirklich nie langweilig. Die Projekte, die wir machen, sind so vielfältig, dass man immer wieder aufs Neue gefordert wird.“ Ähnlich ist es mit der Stadt. Die ist zwar für eine eurwopäische Großstadt recht überschaubar, doch genau das macht das Venedig des Nordens auch so sympathisch. Hier tingelt man nicht stundenlang mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt, sondern schwingt sich in den Fahrradsattel und strampelt los. Zu jeder Tages- und Jahreszeit. 

Und gelangt mit dem Drahtesel locker in einer guten halben Stunde von einem Ende der Stadt zum anderen. Damit beispielsweise auch von West nach Noord, den beiden Vierteln, die gerade up-and-coming sind. Krautgartner kennt und liebt sie beide – lange hat sie in West, genauer gesagt im Stadtteil Bos en Lommer gewohnt, bevor sie mit ihrer inzwischen vierköpfigen Familie kürzlich nach Noord gezogen ist. Auf Besuch in ihre alte Nachbarschaft kommt sie trotzdem gerne. „Wir kommen am Wochenende immer wieder in die Foodhallen, eine Indoor-Markthalle in einer alten Straßenbahn-

Remise. Neben dem tollen kulinarischen Angebot gibt es rundherum auch lauter coole kleine Shops. Ich gehe zum Beispiel gerne zu Local Goods, wo man – wie der Name vermuten lässt – schöne Kleinigkeiten aus Amsterdam und Umgebung bekommt. Auch bei Things I like Things I love werde ich immer fündig. Meine Kinder lieben den Streichelzoo im Erasmuspark.“

Aber auch ihre neue Heimat Noord hat für alle Familienmitglieder etwas zu bieten. „Am Wochenende gehen wir öfters ins Eye, das ist das neue Filmmuseum, von den österreichischen Architekten Delugan und Meissl entworfen. Da gibt es nicht nur herrliches Essen direkt am Wasser, sondern auch viele Stufen, die meine Kinder stundenlang beschäftigen.“

Direkt daneben befindet sich das ehemalige Bürogebäude, ein riesiger schwarzer Turm, den die Amsterdamer erst kürzlich ins Herz geschlossen haben, berichtet Krautgartner. 

„Lange war dieses riesige schwarze Ding allen ein Dorn im Auge. Seit der Errichtung des Eye ist nicht nur der optische Kontrast zwischen den beiden Gebäuden spannend, sondern hat sich auch im Turm selbst viel getan. Es gibt mit Butcher ein tolles Burger-Restaurant und das Hotel „Sir Adam“, das ganz im Zeichen der Musik steht. Jedes Zimmer hat eine eigene Gitarre und in der Lobby kann man sich Schallplatten ausborgen. Für die ganz Mutigen gibt es oben Schaukeln, mit denen man über den Dachrand und gefühlt bis in den Himmel schaukeln kann.“

Dem Wasser so nah

Wer es ruhiger und romantischer mag, dem legt Karin Krautgartner einen ihrer ganz besonderen Geheimtipps ans Herz. Eine kleine Insel, nur per Boot erreichbar und mitten im IJ gelegen, dem Gewässer, das Noord vom Rest Amsterdams trennt. Auf dieser Insel gibt es neben dem obligatorischen Leuchtturm ein kompaktes Haus aus wenig Holz und sehr viel Glas, wo im Sommer nach allen Regeln der Kunst aufgekocht wird. Und während man beim deliziösen Dinner der Sonne beim Untergehen zusieht, freut man sich in aller Abgeschiedenheit schon wieder auf das ebenso unaufgeregte wie unaufhörliche bunte Treiben in der Stadt.

 

FOTOS: ewout huibers, Baranowitz Kronenberg Architecture Studio, Merijn Roubroeks/ i amsterdam

GUTE TIPPS

WOHNEN:

Room with a View: Direkt am IJ gelegen bietet das coole Boutiquehotel beeindruckende Ein- und Ausblicke auf das bunte Treiben am Wasser und die Amsterdamer Altstadt.
siradamhotel.com

Cool Vibes: Hippes Hotel in ehemaligem Verlagsgebäude. Die Rooftop-Terrasse ist zu jeder Tages- und Nachtzeit beliebt. 
volkshotel.nl

More is more: Hinter einer schmucklosen Fassade aus den 1970er-Jahren verbirgt sich Marcel Wanders’ unnachahmliches Design-Funkenfeuerwerk. Zentrales Wohnen mit Wow-Faktor. 
amsterdamprinsengracht.andaz.hyatt.com


GENUSS:

Einsame Insel:  Kleines Eiland mit tollem Panorama und herrlichem Essen in romantischer Atmosphäre. 
vuurtoreneiland.nl

East meets West: Himmlische Fusion-Kitchen in steinalten Gemäuern, umgeben von moderner Kunst. Ideal für einen Abend mit Freunden. 
adamsiam.nl

Gesellig: Café Tuin ist nicht nur beliebter After-Work-Hangout der Marcel Wanders-Crew, sondern auch ein Amsterdamer Beisl, wie’s im Buche steht. 
cafedetuin.nl


EMPFEHLUNG:

Tulpenblüte: Blaguss fährt zur Tulpenblüte nach Holland, geplant ist auch ein Stopp in Amsterdam, inklusive Grachtenfahrt. Termin: 23. bis 28. April, Preis p. P. 790 Euro.

Nähere Informationen: blaguss.at