Europa
Gute Aussicht: Neue Wolkenkratzer wachsen in Londons Himmel. Die meisten beherbergen Luxus- Wohnungen. Und weit seltener Büros.

London Connection

London war schon immer teurer, die feinsten Adressen sowieso nicht jedem zugänglich. Gut, wenn man einen Neffen hat, dem alle Türen offen stehen.

Text: Martin Swoboda

Die machen es einem auch nie leicht, die Briten“, seufzt Philipp Grünberg. Er lebt nicht zufällig in London. Im noblen Mayfair nahe dem Hyde Park, um genau zu sein. Als Investmentbanker landet man fast zwangsläufig irgendwann dort. Vor allem, wenn man ganz dicke Fische an Land ziehen will. Die hofft er hier an die Angel zu kriegen. Er hat mit vielen Söhnen aus sehr guten Ex-Sowjet-Familien studiert, die jetzt etwas zu sagen haben. 

Not My Cup of Tea. Ich bin ja nicht hier, um die Millionen zu verschieben. Sondern um meinen Neffen zu treffen. Und möglichst seine Braut. Wenn er sich traut. Philipps Mutter hat den Auftrag erteilt, abzuchecken, wie versnobt die zukünftigen Schwiegerleute sind. Um einen entsprechenden Rabbiner für die Zeremonie auszuwählen. Man hilft, wo man kann. 

Als Anlass meiner Visite bietet sich eine Einladung an. Das Hotel Savoy hat ein paar Suiten restauriert und will sie einschlägig publizierenden Journalisten zeigen. Recht so! Da muss sich Philipp nicht für den armen Onkel aus der Heimat genieren. Sollte sich seine Braut nach der bescheidenen Absteige der Mischpoche erkundigen. Da gibt es nämlich echt keinen Grund zur Klage. Schon die Vorfahrt macht auf Hollywood. Nein, besser noch: Broadway.

War doch das ­erklärte Ziel des Eigentümers des benachbarten Theaters, den Glamour New Yorks, seiner Grand Hotels, deren Art-decó-Architektur und natürlich die American Bar ins graue London zu holen. Dafür bediente er sich der Hilfe ­ausgewiesener Spezialisten. Die Küche führte Auguste ­Escoffier. Den Hotelmanager gab Charles Ritz. Durchaus passend an einem Ort, an dem einst das Stadtpalais der ­königlichen Savoyer stand. Ohne europäische Hilfe sähe es trist aus auf der Insel. Selbst Ihre Majestät stammt ja aus deutscher Zucht. 

Teurer Blick auf London Eye
Luxus: Hotel Savoy.
London Stock Exchange

Ihr Fahrer wartet, Sir

Harry Craddock war ein waschechter Brite, das Mixen lernte er in New York. Der Prohibition ist es zu verdanken, dass er die Bar des Savoy ab 1920 zum Shangrila distinguierter ambulanter Trinker adelte. Das ist sie immer noch. Also auch gut genug für ein Treffen mit dem Neffen. 

Doch selbst der günstige Wechselkurs nach dem Brexitvotum ändert nichts an der Tatsache, dass wir uns hier auf teurem Terrain bewegen. Ich nehme etwas Günstiges aus der Abteilung „Light, Fresh & Crisp“, den Blue Angel um schlappe 50 Pfund, die paar Prozent Unterschied auf den Euro fallen da kaum ins Gewicht. Den hat man extra für Marlene Dietrich hier kreiert. 

„Na wenigstens da hat der Absturz der britischen Währung sein Gutes“, rechnet Philipp vor. 20 Prozent seines ­Wertes hat sie gleich mal verloren. Da erspart man sich als Tourist vom Kontinent wirklich eine Menge. Meine verdatterte Frage, ob es denn in London tatsächlich genügend Nachfrage nach derart jenseitigen Angeboten gäbe, beantwortet er mit britischer Nonchalance: „Morgen besuchst du mich in Mayfair, dann kennst du dich aus!“ Also lasse ich mir die Adresse seines Büros vom Concierge auf der Karte zeigen, die möglichen Bus- und Underground-Verbindungen erklären. Auch, dass in dem Gebäude einst jenes Krankenhaus untergebracht gewesen sei, in dem Ihre Majestät, die Königin, das Licht der Welt erblickt habe. Ja, und heute dient es feinen, kleinen Firmen als Geschäftssitz. Und im Erdgeschoß residiere nun H.R. Owen. 

Er ist der offizielle Rolls-Royce-Dealer der Hauptstadt des Empires. Ha! Endlich meine Chance, nicht nur als armer Onkel vor meinem Neffen aufzutreten. Sollte ich zufällig einmal in London sein, würde er mir gerne zeigen, wie die Stammkunden der Firma hofiert werden, hatte ein Chauffeur des Hauses versprochen, den ich in seiner Heimat ­Albanien mal näher kennengelernt hatte. Raki verbindet. Was meinen Neffen nicht weiter beeindruckt. Schließlich lebt er hier in der Gegend. Was das bedeutet, wird mir klar, als er mich zur nächsten Location auf seinem Sight-Seeing-Programm führt: 5, Hertford Street. Abgesehen von unzähligen Scootern, ein paar Minis oder Lieferwägen drängen sich in den engen Gassen ausschließlich Luxuskarossen und Supersportwägen. Die Bentleys fallen gar nicht auf. Das wären quasi die Taxis, erklärt mir Philipp. Und, nein, der Royce, der da im typischen Nebelgrau funkelt, ist nicht foliert, sondern schlicht und ergreifend blattvergoldet. Die Saudische Botschaft wäre gleich ums Eck. Also völlig normal. 

Private Club

Vor dem unscheinbaren Haus in der Hertford Street parkt hingegen gar kein Wagen. Zu eng. Nur ein winziges Messingschild neben der Eingangstüre weist es als das aus, was es ist: A Private Club! „Ich habe erst gar keinen Antrag gestellt. Keine Chance, aufgenommen zu werden“, erklärt Philipp. Doch seiner Verlobten wäre die Ehre zuteilgeworden. Erstens haben es Mädchen generell leichter. Zweitens verfüge ihre Familie über das nötige Kleingeld. Drittens wäre ihr Vater schon Member im legendären „Annabel’s“ gewesen. Philipp wird vom Doorman immerhin wie ein alter Bekannter begrüßt. Mich schleust er als Gast ein. 

„Mein Onkel möchte mal sehen, wie wir so leben“, erklärt er ihm. Und? Ja, sehr schön, gediegen, drei intime Res­taurants, vier Bars, gemütlich altmodische Kaminzimmer, ­Zigarrenkammerl, in dem die Raucher ihrem Laster frönen. Das Fotografier-Verbot, an das ich mich gerne halte, um uns Peinlichkeiten zu ersparen, wird vom Jungvolk mittels Selfies ad absurdum geführt. 

GUTE TIPPS

Wohnen

The Pavilion Hotel. Gewöhnlich sollte man Hotels, die sich selbst als „groovy“ bezeichnen, meiden. Aber wenn sich Helena Bonham Carter und Naomi Campbell nicht abschrecken lassen, ein Zimmer ab 100 Pfund zu haben, und die Location derart zentral ist, wollen wir gerne eine ­Ausnahme machen! 

Ausgehen

High Tea at the Savoy. Eine  Kostprobe des Lebens in Saus und Braus à la London zu  leistbaren Konditionen lässt sich im Savoy Hotel genießen. Im Thames Foyer,dem prachtvollen Art-déco-Salon direkt am Fluss, wird Ritualen wie dem High Tea gehuldigt. Die Kompetenz der Briten in Sachen Tee ist unbestritten. Aber das üppige Zubehör hat das Potenzial, Vorurteile über die Inselküche über den Haufen zu werfen. Wundern Sie sich nicht, wenn Ihnen ein Gesicht aus der Hofberichterstattung bekannt vorkommt. Widerstehen Sie bitte der Versuchung zu winken. Für zwei Personen ist das Vergnügen mit einem Preis von 117 Pfund übrigens sein Geld wert!

Erforschen

Am Nullmeridian. Auch wenn es nicht so ausschaut, hier begann die Vermessung der Erde. Mit welchen Mitteln die Briten den Globus untertan machten, zeigt das Museum. Vom Hügel oberhalb sieht man ganz London und an die frische Luft kommt man rasch mit der Eisenbahn! 

rmg.co.uk/royal-observatory

FOTOS: istock (2), FRHI Hotels & Resorts/Hubert Kang (3), pavilionhoteluk.comrmg.co.uk