Europa
Petros Markaris: „Die Athener haben eine besondere Hilfsbereitschaft.“

Mein Athen

FOTOS: Regine Mosimann/Diogenes Verlag, iStock
Blick auf Monastiraki-Platz und Akropolis-Hügel.
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Der weltbekannte Schriftsteller und Drehbuchautor Petros Markaris liebt die griechische ­Hauptstadt. Ebenso wie sein Kommissar Kostas Charitos, der an ihr oft verzweifelt.

Was lieben Sie an dieser Metropole?

Die Kontraste. Athen ist die Stadt der Widersprüche. Ich liebe diese Widersprüche und wie Athen mit ihnen leben kann. Das Symbol für diese Widersprüche sind für mich die zwei Hügel der Stadt: der Akro­polis-Hügel und der Lycabettus-Hügel. Der erste verkörpert die antike Geschichte und Tradition von Athen, der zweite die Gegenwart. Diese zwei Hügel betrachten einander Tag und Nacht. Und so monumental der Hügel der Antike ist, so bescheiden ist der Hügel der Gegenwart.

Welcher Ort symbolisiert für Sie die Stadt?

Die Altstadt. Damit meine ich nicht nur das historische Plaka-Viertel, sondern die ganze Altstadt. Dort, wo der antike ­Kerameikos-Friedhof und der Fleisch- und Fischmarkt der Athinas Straße friedlich nebeneinander leben. Griechenland ist seit dem Bürgerkrieg ein tief gespaltenes Land. Athen hat diese Spaltung aufgehoben. Das antike und das moderne Athen können friedlich zusammenleben.

Welches Gefühl verbinden Sie mit Athen, wenn Sie an die Stadt denken?

Das Gefühl, dass ich täglich gleichzeitig in Europa und auf dem Balkan lebe.

Was ist Ihr liebster Platz?

Der Monastiraki-Platz. Früher gehörte auch der Omonia-Platz dazu. Leider hat man den Omonia-Platz für die Olympischen Spiele renoviert und seinen Charme zerstört.

Wo finden Sie Ihre Ruhe in Athen?

Nirgendwo, nicht einmal bei mir zu Hause. Aber das stört mich nicht. Der Lärm gehört zum Wesen der Stadt. Ich mag den Straßenlärm, sogar wenn ich arbeite.

Wie hat sich Athen mit der Krise verändert? Ich habe einmal gesagt: Athen stirbt nicht an Herzversagen. Die Stadt leidet an Alzheimer. Sie verliert ihr Gedächtnis und ihr Erinnerungsvermögen. Es kommt dazu das traurige Bild der Nacht mit den Obdachlosen, die überall im Zentrum auf ­einer Matratze die Nacht verbringen.

Wie ist der Charakter der Athener?

Ihre Neigung zum Witz und ihre fröhliche Stimmung, auch heute, in der Krise. Die Athener sind kein besonders höfliches Volk, haben aber eine besondere Hilfsbereitschaft. Sie haben auch einen sehr lockeren Umgang miteinander. Fast immer, wenn ich auf der Straße bin, werde ich angesprochen. Die Athener haben überhaupt kein Problem damit, mir ihre Meinung zu sagen und ein Gespräch mit mir anzufangen.

Zur Person

Der erfolgreiche ­Krimiautor wurde als Sohn eines armenischen Kaufmannes und einer griechischen Mutter in Istanbul geboren und lebt seit ­Langem in Athen.

Seine Romane sind nicht nur spannend, ­sondern haben immer einen kräftigen Schuss Gesellschaftskritik. 

Sein neuestes Werk:
„Der Tod des Odysseus“, Diogenes, 22,70 €

„Der Tod des Odysseus“, Diogenes, 22,70 €