Europa

Mit dem Bulli durch Europa

© Peter Gebhard

Im Sommer 2015 war der deutsche Fotograf Peter Gebhard mit seinem VW Bus von Istanbul ans Nordkap unterwegs. Im Interview spricht er über die Überraschungen des entschleunigten Roadtrips, unvergessliche Erlebnisse und seine Sicht auf den alten Kontinent.

Peter Gebhard war schon in Rio, Patagonien, auf der Panamericana und in Island unterwegs. Für "Das große Bulli-Abenteuer" fuhr der Fotograf mit seinem rot-weißen VW-Bus von Istanbul bis zum Nordkap quer durch Europa. Unterwegs sah der 57-jährige Paderborner wunderbare Landschaften und begegnete beeindruckenden Menschen. Er traf zwielichtige Schmuggler in Schweden, fuhr mit dem Hallig-Postboten im Wattenmeer Pakete aus und lebte eine Woche bei griechischen Mönchen im Kloster am heiligen Berg Athos. Zufrieden, stressfrei, nur für Gott. Sein großer Bildband erzählt die spannenden Geschichten der Menschen, die er auf seinem Weg getroffen hat. Aber er berichtet auch von der großen Vielfalt Europas.

Wie steckte der Bulli die Reise weg?

Wir waren 99 Tage unterwegs, 15.000 Kilometer. Nur 36 Stunden nach dem Ziel am Nordkap machte der Bulli schlapp. Getriebeschaden. Die Zauberkraft des Voodoo-Püppchens, das mir meine Tochter -genäht hatte, hielt nur für die Tour, aber nicht mehr für die Rückfahrt. Natürlich gab es während der Reise immer wieder kleinere Pannen. Da beim Bulli noch alles Mechanik ist und es keine komplizierte Elektronik gibt, hat sich stets jemand gefunden, der ihn reparieren konnte.

Was war die härteste Prüfung für den Kleinbus?
Der Bulli hat nur 44 PS. Die Großglockner Hochalpenstraße im Mai war für ihn natürlich eine Quälerei. Er kroch - an meterhohen Schneewehen entlang - hinauf. Auch die Schotterpisten der wilden albanischen Berge setzten ihm zu. Er ist Baujahr 1975 und hatte beim Kauf schon eine Million Kilometer auf dem Buckel.

Wie anstrengend ist das Reisen mit ihm?

Der Bulli ist laut, hat kein ABS, ist nur kräfteraubend zu steuern. Wir nahmen durch seine Langsamkeit jedoch die Landschaft anders wahr. So konnten wir den Kontinent Europa bewusst erfahren. Dieser Oldtimer lässt kaum jemanden kalt. Damit brachte er uns immer wieder in Kontakt mit allen Generationen.

Warum die Strecke vom Bosporus zum Nordkap?

Der Endpunkt war schnell klar: das Nordkap, eine Ikone. Über den Startpunkt dachte ich lange nach. Kreta, wo der Europa-Mythos herkommt? Oder Gibraltar? Ich habe mich für Istanbul entschieden, weil sie die geschichtsträchtige Brücke nach Asien und heute die größte Stadt Europas ist. Damit ging die Tour von der 15-Millionen-Metropole übergangslos in die Weite und Ursprünglichkeit des Balkans hinein. Ein exotischer Bilderbuch-Start.

Wie genau planten Sie Ihre Reise?

Abseits der Bulli-Ästhetik ging es mir um Heimat und Identität in Europa sowie um besondere Begegnungen. Daher hatte ich einige auch vorrecherchiert.

Nennen Sie uns ein Beispiel? 
Ich wollte unbedingt in Berlin zwei Menschen treffen. Da für mich die deutsche Hauptstadt ein Symbol für die Entwicklung Europas ist. Denn sie steht historisch verkürzt für Weltkrieg, Naziterror, Teilung und gelungene Wiedervereinigung. Der eine flüchtete mit 16 Jahren über die Mauer in den Westen und dokumentierte das auch noch heimlich mit seiner Kamera. Der andere war der Jude Peter Frankenstein. Der heute 93-Jährige überlebte die komplette Naziterrorzeit im Berliner Untergrund.

Was machte den Europa-Roadtrip zum unvergesslichen Erlebnis? 

Vor allem die Intensität der Begegnungen. Der Bulli war sicher ein Katalysator, damit sich Vertrauen zu den Leuten entwickelte, um von ihnen einzigartige Bilder schießen zu können. Das sind kostbare Momente, die auch zwei Jahre später noch nachwirken. 

Welches Erlebnis berührte Sie am meisten? 

In Albanien waren wir bei einer Familie eingeladen. Die 16-jährige Tochter sprach mich in gutem Deutsch an, was mich überraschte. Das Bauernmädchen konnte, nach eigenen Angaben, weder Deutsch lesen noch schreiben. Unglaublich. Sie brachte sich die Sprache in sechs Jahren selbst bei. Durch das Sehen deutscher TV-Programme wie Kika und Super RTL. Sie sagte: "Es gab keine Lehrer, es war Gott!" 

Rückblickend: Was zeichnet Europa aus? 

Es ist diese Vielfalt der Regionen und Menschen auf einem engen Raum. Wenn Sie zum Beispiel durch den Mittleren Westen der USA fahren, stellen sie fest: Da passiert landschaftlich und auch kulturell nichts. Die Leute fliegen heute in der ganzen Welt herum. Viele meinen, sie müssten auf die Malediven oder an andere exotische Plätze. Durch die Reise ist mir Europa viel nähergekommen. Daher sage ich: Leute, setzt euch doch mal mit der Heimat auseinander. 

Was nehmen Sie von Ihrem Bulli-Trip mit?

Europa ist gelebte Geschichte. Abgesehen vom Bürgerkrieg in Jugoslawien gab es 70 Jahre lang keinen Krieg mehr. Daher sage ich: Seht es und kämpft dafür! Lasst uns gemeinsam vorwärtsgehen, ohne kulturelle Eigenheiten aufzugeben. Geht nicht zurück zur "Nationaltümelei". Denn es ist ein enormes Privileg, Europäer zu sein.

peter-gebhard.de

Peter Gebhard

Der Profi-Fotograf hat ­Bücher, Kalender sowie Foto- und Textreportagen veröffentlicht. Er ist ein ­renommierter Vortragsre­ferent, der seit über 25 Jahren seine Live-­Reportagen in Deutschland, Österreich und der Schweiz präsentiert. Der Bildband „Das große Bulli-Abenteuer“ (Verlag Frederking & Thaler, 39,99 €) ist auch eine Erfolgs­story. Bereits nach einem halben Jahr wurde die dritte Auflage gedruckt!