Rodung. Für die Gewinnung von Palmöl verschwinden täglich riesige Flächen Urwald in Borneo. Lebensraum auch der Orang-Utans. Sie sind Asiens einzige Menschenaffen.

Signe Preuschoft : Retterin der Orang-Utans

Signe Preuschoft mit Pflegeaffe.

Signe Preuschoft ist Primatologin. Sie leitet eine Waisenschule für Orang-Utan-Kinder auf Borneo. Ihr Ziel: Ihren Affen ihren Wald als Zuhause zurückzugeben. Ein Kampf gegen Windmühlen.

Text: Alexis Wiklund

Seit 2007 betreut Signe Preuschoft Orang-Utan-Waisen. In einer kleinen Waldschule bereitet sie traumatisierte Affen auf ein Leben in Freiheit vor. Dabei lernen die Tiere, was sie für ihr Leben im Wald brauchen wie klettern, Nester bauen, Nahrung suchen, Beziehungen aufbauen. Eine enorme Herausforderung: Acht Jahre verbringt ein Orang-Utan-Kind in ständigem Kontakt zu seiner Mutter. Ebenso viel Zeit benötigt es in Menschenobhut, bevor es selbstständig wird.

Die Verhaltensforschung liegt Signe Preuschoft im Blut. Bereits ihr Vater erforschte die Ursprünge des Menschen an der Universität Tübingen. Doch erst nach dem Studium der Psychologie und Philosophie begeisterte sie sich für Tierpsychologie und speziell für Sprachexperimente mit Menschenaffen. 

Der Mensch ist die Gefahr

Am Affenberg Salem nahe dem Bodensee haben Sie einst den ganzen Tag unter den Berberaffen verbracht. Was zeichnet einen Tier-Beobachter aus?

Das Leben als Ethologin ist seltsam. Ich musste damals praktisch zum Baum werden, um ja nicht aus ­Versehen ihr Verhalten zu beeinflussen. Als guter ­Beobachter musste ich stets unvoreingenommen und ­offen sein. Ich bin zwar bei allen Höhen und Tiefen im Leben eines Tieres dabei. Doch ich muss immer ein Außenstehender bleiben, ich darf kein Sozialpartner werden. 

Nach dem Postdoktorat in den USA wollten Sie in Uganda Feldforschung betreiben. Was hat Sie gereizt?

Ich wollte sehen, wie sich Schimpansen in Freiheit ­verhalten. Wie und mit wem kooperieren sie? Ich kannte das aus Experimenten, wollte aber sehen, wie sie es spontan machen.  Ich bin ja nicht dazugekommen, weil ich stattdessen das Rehabilitierungsprojekt in Gänserndorf übernommen habe.

Ab 2001 haben Sie dort fünf Jahre lang 46 ehemalige Labor-Schimpansen resozialisiert. Hat Sie diese Erfahrung verändert?

Ich habe von den Schimpansen gelernt, im Moment zu leben und jede Chance auf Besserung zu ergreifen, ohne mich lange mit Klagen über das, was nicht gut gelaufen ist, aufzuhalten. Und dass ich nie die Hoffnung aufgeben muss. Aber auch, dass heute Menschen die schlimmste Gefahr für die Menschenaffen darstellen. 

Wie ähnlich sind sich Mensch und Menschenaffe?

Was das Gefühlsleben und die Motivation betrifft, sind wir sehr ähnlich. Auch in so banalen Dingen wie, wann wir bleibende Zähne bekommen. Fast gleich sind wir bei Mutterliebe, Abhängigkeit der Kinder von Fürsorge und Lernangeboten. Auch in unserer Verletzbarkeit, wenn wir die Mutterliebe und Lernangebote entbehren müssen.

Affen haben Gefühle

Wie kann man Affen verstehen? Sind Menschenaffen Personen?

Es spricht vieles dafür, dass sich die Menschenaffen wie Personen verhalten und Sozialpartnern Wünsche, Gefühle und Wissen zuschreiben. Wir kommen mit ihnen am besten zurecht, wenn wir den Affen genauso begegnen. Doch können wir uns dabei leider auch irren. Genauso wie bei Menschen auch. 

Sie rehabilitieren jetzt Orang-Utan-Waisen, damit sie wieder in Freiheit leben können. Wie sieht Ihr Tag aus?

Ich habe das Gefühl, dass ich ständig Lösungen für alle Arten von Problemen finden muss – von Müllbeseitigung bis Coaching. Am liebsten arbeite ich nach wie vor direkt mit den Orang-Utans, entweder in der Waldschule oder der Auswilderungsregion.

Was ist die größte Herausforderung dabei?

Geduld bewahren, während ich weiß, dass das Aussterben der Affen rasant voranschreitet. Ich muss weiter optimistisch bleiben und darf nicht an den Menschen und ihrer Kleinlichkeit verzweifeln. Aber vor allem mir und den Kollegen verzeihen, dass wir nicht alles schaffen können. Wir sind nicht Gott, aber wir tun unser Bestes.

Was bereitet Ihnen Glücksmomente?

Wenn ich sehe, wie mir meine Orang-Utans vertrauen. Das sind kleine, stille Momente. Und wenn es den Affen endlich besser geht, wenn sie sich miteinander anfreunden und gemeinsam spielen. 

Was wollen Sie mit Ihrem Buch „Meine wilden Kinder“ bewirken?

Ich wollte mein Privileg, Menschenaffen ganz privat zu kennen, mit anderen teilen. Und sie damit zu den Menschen bringen. Damit wir sie besser verstehen können. Ich wollte allen, die sich für Menschenaffen interessieren, mehr Hintergrundwissen geben.

FOTOS: Signe Preuschoft, Matthias Schickhofer


Buch-Tipp

„Meine wilden Kinder“

Signe Preuschoft hilft rund 240 Orang-Utan-Waisen in Borneo. Doch verschwindet der Wald, verschwinden auch seine Kinder.

Brandstätter, 19,90 €