Europa Aktuelle Ausgabe
Panorama: Vom 112 Meter hohen Turm des Doms aus liegt ­einem die ganze Stadt zu Füßen.

Utrechts wunderbare Welt der Grachten

Im Boot mit urigem Kapitän, alleine im Kanu oder romantisch zu zweit in einer Gondel: Hollands smarteste Stadt lässt sich am besten vom Wasser aus erkunden.

Kalt ist das Wasser, sehr kalt!“ Jans warnende Worte verblassen angesichts der wärmenden Sonnenstrahlen, als er mir in sein Kanu hilft. Der Frühling hat Utrecht erobert. Was liegt da näher, als die Stadt vom Wasser aus zu ­erobern. Und ich habe ja nicht vor, baden zu gehen, sondern die kilometerlangen Grachten einer Stadt zu befahren, die Lonely Planet vor Jahren zu Recht in seine Top Ten der „am meisten unterschätzten Orte“ gewählt hat. Daran hat sich seither nichts geändert. Utrecht, viertgrößte Stadt der Niederlande und 35 Kilo­meter Luftlinie von Amsterdam entfernt, wartet nach wie vor mit Entdecker-Potenzial auf. Während Amsterdam Jahr für Jahr Mil­lionen von Besuchern zählt, gilt Utrecht noch als Geheimtipp, als smarteste holländische Stadt mit der perfekten Größe, um sie an ­einem Wochenende zu Fuß zu erkunden oder eben vom Wasser der über Tausende Jahre alten Grachten aus. 

Paddelnd lässt sich die Stadt entdecken.
In den Gastgärten ist oft schwer ein freier Platz zu finden.
Im „Olivier“ wird dem Biergenuss gehuldigt.


Paddelschlag für Paddelschlag gleite ich durch eine Stadt mit ­beeindruckenden Backstein-Häusern, die es nicht verdient hat, Klein-Amsterdam genannt zu werden. Denn Utrecht war vor Jahrhunderten Hollands wichtigste Stadt. Heute liegt es, nur 25 Zugminuten von der niederländischen Metropole entfernt, im touristischen Windschatten Amsterdams und genießt diese Rolle in aller Bescheidenheit. 

Utrecht punktet mit Charme, mit Lässigkeit, mit einer einzigartigen ­Mischung aus mittelalterlicher Altehrwürdigkeit und flippigem Großstadtleben. Kein Wunder, denn Utrecht ist der bedeutendste Universitätsstandort des Landes. Das studentische Leben drückt der Stadt mit rund 340.00 Einwohnern seinen Stempel auf, von Ausgehvierteln mit Bobo-Charme über unzählige Designshops bis hin zur bunten Kunst- und Kulturszene. 

Bei der Paddeltour durch die Oudegracht, die von 16 Brücken überspannte, „nasse“ Hauptverkehrsader Utrechts, reiht sich ein Lokal an das andere. Untergebracht in ehemaligen Werftkellern, punkten viele Restaurants mit Gastgärten direkt am Wasser. Als wäre das Ambiente von historischen Fassaden entlang der Wasserstraße nicht schon kitschig genug, blüht jetzt auch noch der Wiesenkerbel prächtig unter uralten Bäumen. 

Alte Stadt mit jungem Flair

Da heißt es, an Land gehen und die Perspektive wechseln. Am besten gleich ins andere Extrem, in luftigste Höhen. Die muss aber hart verdient werden. ­Gezählte 465 Stufen sind es auf den mit 112 Metern höchsten Kirchturm der Niederlande, auf den Dom im Herzen der Stadt. Jeder mühselige Schritt hat sich gelohnt, liegt einem doch die Stadt hier – wie aus einer Märchenwelt – mit einer fantastischen Aussicht ins weite, flache Umland zu Füßen. Das Dächermeer wird von einzelnen Zipfeln unterbrochen, den Turmspitzen der vielen anderen Kirchen Utrechts. Dort wird aber nicht nur gebetet. Denn bei der Säkularisierung waren die Holländer eifriger als sonst wo. Mit dem Effekt, dass sich heute in ehemaligen Gotteshäusern Hotels ebenso befinden wie Restaurants. Zum Beispiel das „Olivier“ (Achter Clarenburg 6a), ein Ableger der internationalen Kette „Belgian Beer Cafe“, in einer neugotischen Kirche aus dem 19. Jahrhundert. Den Tipp hat mir Jan mit auf die Kanufahrt gegeben: „Du wirst eine Stärkung dringend nötig haben!“ Recht hat er. Mich erwartet eines der außergewöhnlichsten Lokale: Pub statt Kirche, laut und voll statt leise und kontemplativ. Das Seiderl mit Blick auf Kreuz und Madonna, auf Altar und Orgel wirkt wahre Wunder (wo sonst, wenn nicht hier!) und erweckt neue Kräfte in mir.

Kunsttempel und Kolonialwaren

Jetzt ist Kultur angesagt. Und in Utrecht kommt man da nicht am Centraal ­Museum (Agnietenstraat 1) hinter der Stadsbuitengracht vorbei. Das älteste Stadtmuseum der Niederlande besticht mit einem breiten Spektrum von Werken der alten Meister bis zu zeitgenössischer Kunst, vom modernen Design bis zu Volkskunst. Das Gebäude alleine atmet schon jede Menge Geschichte. War es mal ein Kloster, wurde es später auch als Waisenhaus, Militärstall und Psychiatrie genutzt. Und mit der Eintrittskarte ins Centraal Museum kann man auch gleich eine weitere Attraktion Utrechts besuchen, nämlich das etwas versteckt in einem lauschigen Innenhof liegende Kruideniers Museum (Hoogt 6). Auf zwei Stockwerken taucht man hier in die Welt einer alten Kolonialwarenhandlung ein, wo ältere Damen in weißen Schürzen hinter dem Tresen stehen und bunte Drops und Lakritz in großen Bonbongläsern für Leckermäuler wie mich in Stanitzel aus Papier füllen. Doch trotz des süßen Inhalts sei vor den Stanitzeln gewarnt, die müssen nämlich ein Loch haben. Nach einem fünfminütigen Bummel durch Utrechts Altstadt zurück zum Kanu an der Oudegracht war es leer.

INSIDERTIPPS

Anika Redhed ist weit gereiste Schriftstellerin und verrät drei Tipps, die man nicht versäumen darf.

Anika Redheds Bücher gibt es bei Amazon, ihre Utrecht-Videos auf YouTube unter bit.ly/1RMMjvE 

Haus des Papstes. Wussten Sie, dass aus Utrecht ein Papst stammt? Hadrian VI. (1459–1523) war vor der Papstweihe am Hofe von Kaiser Karl V. in Spanien, hoffte stets auf eine Rückkehr in seine geliebte Geburts-stadt – und ließ sich deshalb dort ein Haus am New Canal bauen. Nur kurios, dass er das Paushuize nie gesehen hat.

Kostenlose Führung jeden letzten So im Monat um 11 Uhr.

Info

Kirche von Willibrord. An einem Besuch des großen Utrechter Doms und seines Turms kommt man nicht vorbei, aber nur wenige kennen die nicht minder prächtige neogotische Kirche Sankt Willibrord an der Minrebroederstraat. Selbst viele Einheimische nicht.

Führungen Fr 14–17 Uhr und Sa 11–17 Uhr.

Info

Das Archiv. Trocken und verstaubt? Ganz im Gegenteil. Das Het ­Utrechts Archief in der Hamburgerstraat 28 lässt die Vergangenheit der Stadt wiederauferstehen. So kann man eine alte Kutsche besteigen und ­einige Jahrhunderte Stadtgeschichte ziehen an einem vorbei. 

Di–Fr 10–17 Uhr,
Sa/So 12.30–17 Uhr.

Info

FOTOS: NBTC (2), iStock, Victor van Leeuwen/LevendEcht, www.huizemolenaar.nl, Frits de Ruig, Het Utrechts Archief

Blaguss-TIPP

Tulpenblüte im Frühling..

Mit einem bunten Blütenmeer empfängt jetzt Holland alle Reisenden. Blaguss bietet aber noch viel mehr bei einer siebentägigen Bustour, geleitet von Vorderegger. Höhepunkte der Reise sind Amsterdam mit einer Grachtenrundfahrt, eine Blumen­versteigerung in Aalsmeer sowie Ausflüge zum Badeort Zandvoort, nach Alkmaar (inkl. ­Käsemarkt) oder ans Ijsselmeer nach Enkhuizen und Lelystad. Termin: 30. April bis 6. Mai, Preis p. P. 990 €.