Europa Aktuelle Ausgabe
Die Krämerbrücke in Erfurt. © iStock

Thüringen: Weltkultur und Literatur

Goethe, Schiller, Luther, Bauhaus: Thüringen war einst das geistige und kulturelle Herz von Deutschland. Die Spurensuche in Weimar und Erfurt bot so manche Überraschung.

Seite an Seite stehen sie auf einem Sockel aus Granit: Die beiden Dichterfürsten Goethe und Schiller. Ewige Konkurrenten und Freunde. Im Rücken das Deutsche Nationaltheater. 1788 trafen sie einander zum ersten Mal in Weimar. Schiller, der Schriftsteller der Freiheit, war noch jung. Seine „Die Räuber“ waren ein großer Erfolg. Der zehn Jahre ältere Goethe kam gerade von einer Reise durch Italien zurück. Nach langer Schaffenspause hatte er die Ideen für den „Faust“ im Kopf.

Jedes Kind kennt ihre Gedichte. Meist unfreiwillig auswendig gelernt. Oft auch die Stücke. Doch den meisten von ihnen blieb wohl nur die legendäre Zeile „[…] er kann mich im Arsche lecken“ aus dem „Götz von Berlichingen“ ewig in Erinnerung.

Postkartenmotiv

Die Giganten der Weimarer Klassik blicken stolz das Haupt erhoben über den großen Theaterplatz hinüber zum Bauhausmuseum. Die bedeutendste Hochschule für Design im 20. Jahrhundert beherbergt mehr als 200 Exponate. Zu den Symbolen des Aufbruchs in die Moderne zählen die Wiege von Peter Keler, die Tischlampe von Wilhelm Wagenfeld und die Kombinationsteekannen von Theodor Bogler.

1919 hatte Walter Gropius die Denkfabrik gegründet und internationale Avantgardekünstler wie Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky oder Paul Klee, dazu eingeladen. Sie sollten auf Basis eines neuen Lehrprogramms mit Kreativitätstraining, Teamwork und praxisorientierter Werkstatt-ausbildung Herausragendes in bildender und darstellender Kunst sowie in Design und Architektur schaffen. Das Haus am Horn wurde 1923 als erster Musterbau der Öffentlichkeit präsentiert.

Keine andere deutsche Hochschule war so mit der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung der Weimarer Republik verbunden. Doch 1933 wurde auch diese Institution von den Nazis geschlossen.

Guten Geschmack bewies Johann Wolfgang von Goethe auch bei der Auswahl seines Gartenhauses.
Schillers Wohnhaus ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten in Thüringen.

Die Bauhaus-Stätten sind längst ebenso UNESCO-Welterbe wie das Stadtschloss, das Schloss Belvedere und die Herzogin-Amalia-Bibliothek. Ihr prunkvoller Rokokosaal ist mehr als nur ein Postkartenmotiv. Die Biblio-thek bewahrt rund eine Million literarische Zeugnisse des 9. bis 21. Jahrhunderts auf. 

Natürlich stehen Goethes und Schillers Wohnhaus auf der Welterbe-Liste (beide sind längst beliebte Ziele für Schulklassen) sowie der große Park an der Ilm. Dort steht noch Goethes schönes Gartenhaus. Es ist ein beliebter Wallfahrtsort seiner Fans. 

Weltbekannt wie der Dichter und gerne in aller Munde ist die Thüringer Rostbratwurst. Sie war schon zu Goethes Zeit ein Klassiker. Im Weimarer Staatsarchiv findet sich ein Rezept aus dem Jahr 1603. Die würzige -Spezialität ist heute von der EU geografisch geschützt. Jährlich werden 22.000 Tonnen hergestellt. Am besten schmeckt sie auf dem Holzkohlegrill zubereitet. Gegessen wird die 20 Zentimeter lange Wurst meistens in einem Brötchen, garniert mit Senf. Achtung: Klecker-Gefahr! Im Dorf Holzhausen, nicht weit von Weimar, ist dem Leckerbissen sogar ein Museum gewidmet. Und in Erfurt kann heute jeder seine erste selbst gemachte Bratwurst unter professioneller Anleitung machen. Denn beim Workshop „Geheimnis der Thüringer Bratwurst“ dreht sich vier Stunden alles nur um diese Wurst. 

Eine weitere kulinarische Köstlichkeit der Region sind die Thüringer Klöße. Sie werden meist mit Sauerbraten serviert. Ein Experte dafür ist der „Weiße Schwan“, wohl eines der traditionsreichsten Gasthäuser Europas. Schon Goethe soll dort getafelt haben. Ein Gemälde in der Gaststube erinnert an ihn. 

Die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar.

In Thüringens Hauptstadt Erfurt prägen Kirchen und Klöster einen der größten, gut erhaltenen, mittelalterlichen Stadtkerne Deutschlands. Vorbei an liebevoll restaurierten Patrizierhäusern und Fachwerkbauten führt der Weg zum Dom St. Marien. Das monumentale Gotteshaus gegenüber der St. Severikirche zählte zu den gewaltigsten Bauschöpfungen des Mittelalters. Hier suchte auch Martin Luther, der als Student und Augustinermönch in Erfurt lebte, das Gespräch mit seinem Schöpfer. 

Einige Superlative 

Einmalig ist die Krämerbrücke, die mit rund 120 Metern die längste, komplett bebaute und bewohnte Brücke in Europa ist. Ebenso wie die Alte Synagoge in der Waagegasse. Sie soll sogar das älteste bis zum Dach erhaltene jüdische Gotteshaus des Kontinents sein. 

Nicht weniger beeindruckend erscheint das spätbarocke Schloss Molsdorf mit der edlen Parkanlage. Das „Thüringer Versailles“ liegt am südlichen Stadtrand und beherbergt einen ungewöhnlichen Schatz. Eine große Erotika-Sammlung. Sie umfasst bibliophile Kostbarkeiten des 18., 19. und 20. Jahrhunderts und außerdem eine Sammlung erotischer Grafiken des 20. Jahrhunderts. Übrigens: Die 1.672 Bände kann man nicht entlehnen.

INSIDERTIPPS:

Zwiebelmarkt

Zwiebeln auf dem Kuchen, in der Suppe, im berühmten Zopf: Der Weimarer Zwiebelmarkt ist legendär. Das beliebteste Volksfest in Thüringen findet seit 1653 immer im Oktober statt. Livemusik, Gaukler und die Wahl der Zwiebelmarktkönigin begeistern das Publikum.

weimar.de

Gartenbaumuseum

Ein historisches Apfelsorten-Kabinett, ein Funktionsmodell zur Klimaregelung im Gewächshaus, eine überlebensgroße "kinetische Pflanze", die zeigt, welche Bedeutung die Fotosynthese hat: Das Museum in der denkmalgeschützten Cyriaksburg zeigt die Welt der Gärten.

gartenbaumuseum.de