Kultur

Weltmuseum Wien: Fremde Welten

Christian Schicklgruber, Direktor des Weltmuseums Wien. © KHM-Museumsverband

Der Direktor des Weltmuseums Wien, Christian Schicklgruber, verriet GUTE REISE, warum die mexikanische Federkrone nicht heimreisen kann, wie der Nachlass von Entdecker James Cook in Wien landete und wann Inder zu Plaudertaschen werden.

Text: Alexis Wiklund

Für André Heller ist das Weltmuseum der „Ort, an dem das Fremde zu Hause ist“. Es wurde 1928 als Museum für Völkerkunde gegründet und umfasst über 200.000 ethnografische Gegenstände, 140.000 historische Fotos und 146.000 Druckwerke. Doch nur zwei Prozent davon sind zu sehen. Die weltweite Sammlung aus 2.000 Jahren enthält wertvolle Raritäten wie zum Beispiel einen Thron-Stellschirm der Qing-Dynastie oder eine 500 Jahre alte aztekische Krone mit Hunderten langen Quetzalfedern sowie tausend Goldplättchen. „Die Geschichten, die unsere Objekte erzählen, öffnen Fenster zum anderen. Sie sind wie Mosaiksteine, die sich erst im Kopf des Besuchers zu einem Bild zusammensetzen. Interaktive Medien helfen dabei“, sagt Christian Schicklgruber.

GUTE REISE: Welche Schätze des Weltmuseums gefallen Ihnen besonders?
Christian Schicklgruber: Eine rituelle Kopfbedeckung vom Volk der Naga, einst Kopfjäger in Ostindien. Ein tibetischer Abwehrzauber, der schädliche Einflüsse vom Haus fernhält. Er beschützt das Museum jetzt. Und ein kleiner rosaroter Buddha. Den habe ich im Museumsshop vom Asia Society Museum in New York entdeckt. 

Das Weltmuseum besitzt heute mehr als 200.000 ethnografische Objekte. Woher stammen die meisten?
Salopp formuliert: Ein ganz kleiner Teil ist Raubgut aus dem Kolonialismus. Das meiste haben die Habsburger einst selbst für ihre edlen Kunst- und Wunderkammern angekauft. Und einiges wurde ihnen geschenkt. Das sind oft die besonders wertvollen Objekte. 

Nennen Sie ein Beispiel?

Unsere größte Sammlung stammt von Erzherzog Franz Ferdinand. Er ist 1892/1893 um die Welt gereist und nach zehn Monaten mit 14.000 ethnografischen Objekten zurückgekehrt. Dabei war auch ein Steinrelief des Gottes Vishnu aus dem 12. Jahrhundert. Das hat Österreichs Thronfolger in Indien als ein Geschenk der britischen Kolonialherren erhalten. Sogar für sein üppiges Budget wäre das zu teuer gewesen.

Wie tief waren die Habsburger damit in die Kolonialgeschichte verstrickt?

Ganz klar: Sie waren damals Nutznießer des Systems. Sie standen in engstem Kontakt zu den Kolonialherren. Doch Österreich selbst hatte keine eigenen Kolonien. 

Wie begegnen Sie dem Schatten des Kolonialismus?

Wir sprechen klar aus, dass ethnografische Museen in der Zeit des Kolonialismus von diesem profitiert haben und ihre Aufgabe lange Zeit war, die eigene kulturelle Überlegenheit hervorzuheben. Die anderen waren die Wilden, die Kulturfernen. Diese Sichtweise hängt uns noch immer nach. Daher haben wir die Verpflichtung, für die Kulturen, deren Objekte wir ausstellen, eine Wertschätzung zu erzeugen. 

Die mexikanische Federkrone war lange ein Streitobjekt. Die Rückgabe wurde abgelehnt. Warum?

Sie galt lange als Krone des Montezuma. Das ist falsch. Sie ist die letzte weltweit in diesem Zustand erhaltene aztekische Priesterkrone. Doch das wertvolle Stück ist nicht reisefähig. Das haben zweijährige Untersuchungen, auch von mexikanischen Experten, bestätigt.Um sie bestmöglich zu beschützen, haben wir dafür extra eine Vitrine gebaut, welche die Vibrationen der Besucher, die vorbei-gehen, auslösen, mechanisch ausgleicht. Um das Geld bekommen Sie ein schönes Auto.

Einzigartig ist auch die James-Cook-Sammlung. Wie kam sie nach Wien?

Sie war in einem Museum ausgestellt, das bankrott ging. Um die Sammlung zu retten, hat der Besitzer eine Lotterie veranstaltet. Er behielt jedoch die meisten Lose. Eine smarte Idee, mit der er aber scheiterte. So konnten die Habsburger die wertvolle Sammlung bei einer Versteigerung in London erwerben.

Sie sind Asien-Experte. Was ist die beste Art, um dort Menschen kennenzulernen?

Mit dem Zug fahren. Wer zum Beispiel in Indien in einem Sechserabteil sitzt, ist schnell in eine Plauderei mit fünf anderen verwickelt. Das passiert ihnen im Flugzeug sicher nicht.

Wohin reisen Sie?
Beruflich vor allem in die Himalayaländer, um neue Ausstellungen vorzubereiten.

Was bietet das Weltmuseum außer Einblicke in andere Kulturen?
Wir starten mit einer Filmmatinee. Sonntags um 11 Uhr zeigen wir Werke, die ethnologische Themen aufgreifen. Darunter Filme, die nur bei Festivals zu sehen waren. Mit der Jahreskarte des Kunsthistorischen Museums ist der Zutritt sogar gratis. Und für die Schau „Out of the box“ präsentieren Wiener ihre Lieblingsobjekte des Weltmuseums, die von ihren ehemaligen Heimatländern erzählen. 

Christian Schicklgruber

Bereits seit 23 Jahren arbeitet der ausgewiesene Fachmann als Kustos im Haus am Heldenplatz und ist verantwortlich für die Süd-, Südostasien- und Himalayaländer-Abteilung. Sein Forschungsschwerpunkt sind die Berggötter des Himalaya. Der Ethnologe und Tibetologe ist seit Beginn des Jahres Direktor des Weltmuseums Wien.

weltmuseumwien.at