Europa
© Alexis Wiklund

Wilde Idylle

Im süditalienischen Kalabrien warten viel Ruhe, authentisches Essen und ehrliche Gastfreundschaft auf Besucher. Am besten sollte man den Urlaub in einem Borgo, also einem mittelalterlichen Dorf, oder in einem familiär geführten Agrotourismus-Betrieb machen.

Text: Alexis Wiklund

Immobilienexperte Domenico Leuzzi pflegt seine Begeisterung so wie das olympische Feuer zu verbreiten. Doch er ist einer, der schönen Worten auch Taten folgen lässt. In Badolato gilt er als kleiner Held. Denn er hat seine Heimat wieder aus einem tiefen Dornröschenschlaf geweckt. Natürlich nicht ganz alleine. "Seit 2001 haben wir mit Costa degli Angeli über 30 verlassene, verfallene Steinhäuser wieder perfekt hergerichtet. Einige sind verkauft, die meisten vermieten wir von April bis Oktober an Touristen. Darunter ist auch ein kleiner Palast", erzählt er in bestem Deutsch.

Domenico Leuzzi ist in Paderborn aufgewachsen. Seine Eltern emigrierten wie so viele aus Kalabrien: in die USA, nach Australien, Deutschland und Norditalien. Die Region an der Spitze des italienischen Stiefels zählt immer noch zu den ärmsten Teilen Europas. Jeder Fünfte ist arbeitslos, von den Jugendlichen jeder Dritte. Trotzdem zog es ihn in den Geburtsort seiner Mutter zurück. Wie eine gemalte Postkarten-Festung thront Badolato auf einem 250 Meter hohen Hügel nahe dem Ionischen Meer. Das tausend Jahre alte, normannische Dorf mit 3.000 Einwohnern, den engen, steilen Gassen und 13 Kirchen ist ein Juwel von einem Borgo. Doch nicht wegen der pittoresken Schönheit machte Badolato 1998 international Schlagzeilen, sondern aufgrund seiner kollektiven Gastfreundschaft. Damals strandeten 825 Flüchtlinge an der Küste von Soverato. Viele von ihnen nahmen die Badolatesi freundlich in ihrer Gemeinschaft auf. Eine ungewöhnliche Migrationsgeschichte, die den Regisseur Wim Wenders zum Film "Il volo" inspirierte.

Auch Restaurant-Besitzer Luigi Staiano glaubt fest an den Aufschwung durch Slow-Tourismus. Sein Beitrag ist Slow Food. Sein Lokal "Catojo dello Spinetto" bietet eine schöne Aussicht auf die Landschaft. Das Meer glänzt silbern in der Sonne. Auf den Tisch kommen nur kalabrische Gerichte, aber in moderner Interpretation. Zwei Köche des Pariser Edelrestaurants "Chateaubriand" stehen bei ihm im Sommer hinter dem Herd. Sie lieben das beschauliche Leben hier und schätzen die Geheimnisse der kalabrischen Küche. "Natürlich haben sie sich bereits ein Haus bei Domenico gekauft", verrät Luigi Staiano lachend.

Vor allem Skandinavier haben Badolato ins Herz geschlossen. Warum? "Die kräftige Sonne. Und die Riviera degli Angeli mit den weißen Stränden und dem klarem Wasser ist nahe." Auch das Wandern, Radfahren, Pilzesammeln und Yoga unter dem Olivenbaum sind hier ein Erlebnis.

Gastfreundschaft

Das Leben ist auch im Nationalpark Pollino, ganz im Norden Kalabriens, wie ein langer ruhiger Fluss. Ihn zeichnen spektakuläre Schluchten aus, die durch die Erosion im Laufe der Jahrtausende entstanden sind. Die Wände der Gole del Raganello ragen etwa bis zu 700 Meter steil in die Höhe. In der dicht bewaldeten, zerklüfteten Landschaft sind Steinadler, Apenninwolf und Iltis zu Hause. Und es gibt viele Wildschweine. Eines hat der Urgroßvater von Alessio Laino einst nur mit einem Messer erlegt. Daher heißt sein Ferienparadies "U Curaggiusu", also "Der Mutige". Alessio Laino schwört auf Agrotourismus, die italienische Version von Urlaub am Bauernhof fern von Hektik und Terminen. Er vermietet einfache, geräumige Zimmer. Größter Luxus ist die Ruhe. Autolärm hört man nur dann, wenn Gäste kommen, um die exzellente Küche des Hauses zu genießen. Was Alessio Laino serviert, ist bio, regional und vor allem traditionell zubereitet. Wurst, Schinken, Fleisch, Gemüse und Weintrauben sind von ausgesuchter Qualität.

Die kalabrische Heimat liegt ihm im Blut wie seinem Großvater. "Der ist nach dem Zweiten Weltkrieg von Turin nach Hause gegangen. Über tausend Kilometer", erzählt er. Wer nicht nur die wunderschöne Natur erwandern möchte, sondern auch das Abenteuer sucht, dem empfiehlt er Rafting im wilden Fluss Lao. Alessio Laino stellt ein Gläschen vom selbst gemachten Limoncello auf den Tisch. "Salute!" Gastfreundschaft kann so ansteckend sein. Vielleicht boomt der Agrotourismus in Kalabrien deshalb so.

enit-italia.de

INSIDERTIPP:

Wie der Kabeljau in die Bergwelt kam

Das wahre Kalabrien liegt im Inneren der Stiefelspitze. Einst mieden die Menschen die Meeresnähe aufgrund von Malaria und Piraten. An den Küsten landeten Fremde als Eroberer: Die Griechen hinterließen die Kuppelkirche „La Cattolica“ in Stilo, die Normannen den „Stocco“.

Der Kabeljau, der im kalten Nordatlantik lebt, wird als Stockfisch importiert. Früher war er das Essen der Armen. Daran erinnert das Stocco Festival an jedem 9. August im Bergdorf Mammola, dem Epizentrum der traditionellen Zubereitung: Er kommt meist in Zitronensaft, in der Pasta oder als Krokette auf den Teller. Peperonata darf nicht fehlen.

„A Piazzetta“, Piazza Ferrari, 21, Mammola, Tel. +39/964/41 44 88, ristoranteapiazzetta.net