Österreich
© Claudia Schubert

Zwei Nationalparks mit einem Rad

Bei einer anspruchsvollen Mountainbike-Tour lassen sich die beiden Nationalparks Kalkalpen und Gesäuse in Oberösterreich bzw. der Steiermark erfahren. Mit E-Unterstützung ist sie aber auch für nicht so professionelle Wadeln geeignet.

Text: Claudia Schubert

Ein sportliches Wochenende steht vor der Tür. Die Wettervorhersage klingt nicht berauschend: Regen, Wind und kühle Temperaturen. Weil es aber kein schlechtes Wetter für richtige Radler, sondern nur schlechte Kleidung gibt, stecke ich noch eine warme Radjacke und -hose ein und freue mich auf eine besondere Herausforderung: eine E-Mountainbike-Tour in Oberösterreich und der Steiermark. Hier verbinden 450 Kilometer und 11.500 Höhenmeter den Nationalpark Kalkalpen mit dem Nationalpark Gesäuse.

Das als "Trans Nationalpark"-Dorado für sportive Urlauber wartet mit drei erlebnisreichen Tagen auf, mit wilden Gewässern und bizarren Felslandschaften, mit Almwiesen und stärkender wie genussvoller Kulinarik.

Im Nationalparkzentrum Molln, 20 Kilometer südwestlich von Steyr, werde ich von Bernhard Huber, einem Bikeguide des Nationalparks Kalkalpen, begrüßt, der mich auf dieser Tour begleitet. Mit dabei sind auch Franz Sieghartsleitner (Nationalpark Kalkalpen), Thomas Sattler (Nationalpark Gesäuse) und David Osebik (Tourismusverband Gesäuse).

Die Fahrt beginnt bei der Jausenstation Jagahäusl gleich mit der ersten Überraschung: Ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus, denn mitten auf der Wiese äst friedlich ein ausgewachsener Hirsch. Trotz der vielen Gäste lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen. "Das ist der Seppl", wird mir schmunzelnd erklärt. Da im Nationalpark nicht mehr gejagt wird, schaut Seppl, mittlerweile stolze 17 Jahre alt, immer wieder mal am Jagahäusl vorbei, um sich ein paar Leckereien abzuholen.

„Seppl“ holt sich gern Leckereien beim Jagahäusl. © Claudia Schubert

Aber der Blick zum Himmel sagt uns, dass wir weiter müssen. Die Wettervorhersage behält recht, eine Regenfront zieht auf. Das Ziel der heutigen Etappe ist die Villa Sonnwend im Herzen des Nationalparks Kalkalpen.

Der Blick Richtung Pyhrnpass verheißt kein gutes Wetter. © Claudia Schubert

Als Biker geht mir das Herz auf, als wir über den Steyrsteig fahren: eine Singl-Trail-Strecke, die viel Konzentration und Kondition braucht. Über schmale Pfade, kantigen Fels und steile Rampen geht der Trail oberhalb der Klamm. Viel Zeit, die atemberaubende Schönheit der Natur zu genießen, bleibt uns nicht. Der Wind wird immer stärker und die Baumkronen biegen sich im Wind. Doch bevor uns noch der Regen erwischt, kommen wir an unserem Etappenziel an, nämlich bei der Villa Sonnwend. Diese National-Park-Lodge legt besonderen Wert auf den Schutz der Natur und schreibt Nachhaltigkeit ganz groß.

Die Villa Sonnwend ist die National Park Lodge. © Claudia Schubert

Draußen hat der Himmel mittlerweile seine Regenpforten geöffnet, doch wir sitzen beschützt in der gemütlichen Stube und warten auf das Schmankerl-Abendessen. Heimische Produkte und saisonal abgestimmte Gerichte stehen auf dem Speisenplan. Die Worte von Hotelleiter Leo Döcker bringen es auf den Punkt: "Wir pflegen die gesunde Küche mit viel Genuss." Seine Philosophie ist der sanfte Tourismus im Einklang mit der Natur.

Nicht nur für Biker ist es ein Paradies. So kann man in Begleitung eines Nationalpark-Rangers die Besonderheiten des Schutzgebiets auch zu Fuß entdecken. Als Botschafter ihrer Region kennen die Ranger die schönsten Plätze und vermitteln bei geführten Touren eindrucksvolle Naturerlebnisse. So kann man Wildtiere in ihrem ursprünglichen Lebensraum erleben und Augenzeuge von der Rückkehr der Waldwildnis werden.

Der Nationalpark Kalkalpen ist für seinen besonderen Artenreichtum bekannt, denn hier darf die Natur Natur sein. Sieben Luchse, vier Steinadlerpaare und viele seltene Vogelarten, wie etwa der Weißrückenspecht, haben sich im Nationalpark angesiedelt. Aber es gibt auch Trauriges zu berichten: Immer wieder kommt es zu illegalen Abschüssen, so haben drei Luchse in letzter Zeit ihr Leben lassen müssen. Es wird wohl noch lange dauern, bis der Mensch den Luchs wieder in den Wäldern akzeptiert.

Am nächsten Morgen wache ich früh auf und werde von der Sonne begrüßt. Der Blick aus dem Fenster offenbart ein angezuckertes Bergpanorama, die Haller Mauern liegen vor mir. Nach einem ausgezeichneten Frühstück geht es weiter auf den nächsten Abschnitt der Reise.

David Osebik vom Tourismusverband Gesäuse möchte noch nicht zu viel verraten, aber er verspricht uns einen "wilden" Tag. Der Weg geht zuerst mit dem Bus Richtung Hieflau entlang der Enns. Ein Fluss mit verschiedenen Facetten, mal aufbrausend, wild und rasant, dann fließt er wieder ruhig. Ein Dorado speziell für Wassersportler, denn hier können sie beim Rafting oder Kajakfahren Mut unter Beweis stellen. Die bizarren Felsformationen, über Millionen von Jahren von der Natur geformt, ragen hoch in den Himmel.

David Osebik vom Tourismusverband Gesäuse kennt die Region wie seine Westentasche. © Claudia Schubert

Ab Hieflau geht es wieder mit dem Rad auf einer gut ausgeschilderten Forststraße, die Buchsteinrunde, stetig bergauf. In Serpentinen kommen wir immer höher hinauf, die Berge Planspitze, Hochtor und Luga stets im Blick. Auf knapp 1.200 Metern erwartet uns ein wunderschönes Plateau, die Hochscheiben. Die ersten Blätter färben sich schon bunt, am Wegesrand die letzten Almblumen, grasende Kühe und kleine Almhütten.

Almlandschaft pur in der Umgebung des Kleinen Buchstein. © Claudia Schubert

Der Blick schweift über das wunderschöne Panorama. Der Große Buchstein, mit 2.224 Metern der höchste Punkt in dieser Gebirgsgruppe. David Osebik berichtet nicht ohne Stolz, dass das Gesäuse seit den Anfängen des Alpinismus "Universität des Bergsteigens" genannt wird. Das Gebiet ist geschichtsträchtig und legendär. Erst im Jahr 2002 wurde der Nationalpark Gesäuse gegründet.

Die Sennerin Gretl Bauer serviert auf der Kroissnalm eine g’schmackige Jausn. © Claudia Schubert

Jetzt geht es wieder bergab, Richtung Kroissnalm. Bei einer typisch steirischen Brettljause mit Speck und Steirerkas, serviert von Gretl Bauer, füllen wir unsere Akkus wieder auf. Die Sonne versteckt sich immer mehr hinter den Wolken und der Himmel verdunkelt sich. So gemütlich und warm es auch in der Hütte ist, wir müssen wieder aufbrechen. Weiter den blauen Wegweisern folgend, geht es in einer rasanten Abfahrt ins Tal, Richtung Gatterboden. Abrupt von einer Wildfurt gestoppt, müssen wir mit unseren Rädern erst einmal das Hindernis überwinden.

An einer Wildfurt wird es so richtig sportlich. © Claudia Schubert

Am Nationalpark-Pavillon Gstatterboden vorbei führt der Weg Richtung Erlebniszentrum Weidendom mit seinen interaktiven Themenwegen. Vor fünf Jahren wurde dieses Projekt sogar mit dem Klimaschutzpreis ausgezeichnet. Nicht nur der begehbare ökologische Fußabdruck regt zum Nachdenken an.

Die Johnsbacher Almrunde führt uns nochmal bergauf, denn als älteste Alm im Gesäuse verdient die Kölblalm selbstverständlich auch einen Besuch. Dem Duft von frischen Krapfen und Kaffee kann keiner widerstehen und so machen wir einen Zwischenstopp in der urigen Hütte.

Diesen Krapfen kann auf der Kölblalm niemand widerstehen. © Claudia Schubert

Der Aufenthalt ist nur kurz, denn wir möchten die Runde noch weiterfahren. Bei der Huberalm werden wir aber unfreiwillig an der Weiterfahrt gehindert. Hier ist der Weg für Radfahrer zu Ende. Das Projekt "Mountainbiken im Nationalpark" steckt nämlich noch in den Kinderschuhen, noch gibt es nicht auf allen Wegen die Fahrerlaubnis für Radfahrer. Die Nationalparkverwaltung bemüht sich, das Wegenetz beider Schutzgebiete für den naturliebenden Radfahrer zu erweitern.

Heute bleibt uns aber nichts anderes übrig, als umzudrehen und bei der nächsten Weggabelung einen Weg durch dichte Wälder zu nehmen, der steil und ruppig bergab in Richtung Zeiringeralm verläuft. Geführt von Hüttenwirtin Sylvia Lüftenegger und der herzerfrischenden Nicki, können wir einem kurzen Stopp nicht widerstehen.

Urig ist die Hütte auf der Zeiringeralm. © Claudia Schubert

Wieder zurück im Bergsteigerdorf Johnsbach ist es schön spät. Leider bleibt keine Zeit mehr, dem bekannten Bergsteigerfriedhof oder einem der ältesten Gasthäuser, dem erstmals 1791 erwähnten Kölblwirt, einen Besuch abzustatten. Aber beim nächsten Mal.

Weiter geht es mit dem Bus nach St. Gallen in den Gasthof Hensle, der unter der Leitung von Paul Guttmann für St. Gallener Gaumenfreuden steht. Serviert wird an diesem Abend gesmokte Entenbrust, Gamsragout mit Eierschwammerln und Serviettenknödel, als Dessert eine weiße Mousse mit Beeren. Jeder Gang wird begleitet von feinen Tropfen aus dem Weinkeller des Gasthofs.

Am nächsten Morgen geht es schon in der Früh nach Unterlaussa. Eine Attraktion ist das Knappenhaus, wo sich der Verein "Bergbau und Heimatmuseum" zum Ziel gesetzt hat, die alte Tradition des Bergbaus im Reichraminger Hintergebirge nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Der Weg ist an manchen Stellen aus dem Fels gesprengt. © Claudia Schubert

Nach Kultur und einem Abstecher in die Geschichte der Region besteigen wir wieder die Bikes und radeln steil aufwärts zur Mooshöhe, auf einem der spektakulärsten Bahntrassenradwege der Alpenregion. Die beeindruckende Tunnelkette ist das Überbleibsel der historischen "Waldbahn". Nur schwach oder gar nicht beleuchtet, stellt das knappe Dutzend der zum Teil auch kurvig in den Fels gesprengten Tunnels mit rumpeligem Boden eine kleine Herausforderung an das Fahrkönnen. Die Mühe lohnt sich, denn die Strecke entlang wildromantischer, glasklarer Gewässer ist ein wahres Erlebnis.

Jetzt kommt mehr Wasser, nämlich auch von oben: Es hat zu regnen begonnen. Und was gibt es Schöneres, als sich in einer Almhütte bei einer deftigen Jause aufzuwärmen. Die Große Klaushütte ist der richtige Ort dafür. Gestärkt geht die lange Abfahrt Richtung Reichraming, wo die dreitägige Tour durch das wilde Gesäuse und die beeindruckenden Kalkalpen ihr Ende findet.

HINWEIS: Die Recherche für diesen Artikel wurde unterstützt vom Land Oberösterreich und vom Land Steiermark.

HARDFACTS

Nationalpark Kalkalpen: www.kalkalpen.at 
Nationalpark Gesäuse: www.nationalpark.co.at 
Villa Sonwend: Mayrwinkl 80, 4575 Roßleithen, www.villa-sonnwend.at
Kroissnalm: www.gesaeuse.at/poi/kroissnalm/ 
Johnsbacher Almrunde: www.johnsbach.at/tourismus/sommer/johnsb-almrunde.html
Kölblalm: www.koelblwirt.at
Huberalm: www.gesaeuse.at/poi/huberalm/ 
Zeiringeralm: www.gesaeuse.at/poi/zeiringeralm
Gasthof Hensle: Markt 43, 8933 St. Gallen, www.hensle.at
Knappenmuseum Unterlaussa: 8934 Altenmarkt, Unterlaussa, www.knappenhaus-unterlaussa.com
Große Klaushütte: www.kalkalpenweg.at/almen-huetten/grosse-klaushuette.html