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Von außen wirkt das Zermatlantis winzig, unterirdisch entfaltet es aber seine Größe. © Zermatt Tourismus

Legenden des Matterhorns

Das Zermatlantis in Zermatt ist das Tor in die bewegte Geschichte des beliebten Bergdorfs. GUTE REISE sprach mit Edy Schmid, Präsident der Vereinigung Alpines Museum Zermatt, über das Leben im 19. Jahrhundert und die Kontroverse rund um die Erstbesteigung des Matterhorns.

Ist es gerissen oder wurde es doch durchgeschnitten? Um die Erstbesteigung des Matterhorns ranken sich viele Legenden. Die größte Frage ist nach wie vor jene, warum die englischen Bergsteiger abgestürzt sind. Haben die Schweizer Bergführer sie gar geopfert, um sich selbst zu retten?

Das berühmte Matterhornseil befindet sich heute im Zermatlantis. Das Museum unter den Straßen von Zermatt ist eine Zeitmaschine, in der man das Leben der damaligen Zeit entdecken kann. Edy Schmid vom Zermatlantis stand GUTE REISE Rede und Antwort.

GUTE REISE: Wie kam es zu der spannenden Architektur? Das Zermatlantis sieht von außen winzig aus, offenbart dann aber reichlich Platz im Untergrund.

Edy Schmid: In den Räumlichkeiten des Museums betrieb die Saarländische Landesbank ein Casino. Da der Erfolg ausblieb wurde das Casino aufgegeben. Dies wiederum erlaubte der Stiftung Matterhorn Museum in dem rund 600 Quadratmeter großen Raum die Inszenierung Zermatlantis aufzubauen. Die Eröffnung war am 18. Dezember 2006.

Was ist grob die Vision des Museums? Vor allem in Sachen Storytelling ist das Zermatlantis ein interessantes Projekt.

Das versunkene Dorf in Anlehnung an Atlantis wird von den Archäologen freigelegt. Die Ausstellung lässt den Besucher an eine Ausgrabungsstätte vorstoßen und gibt ihm die Möglichkeit, die bereits aus dem Erdreich freigelegten Gebäude und Gegenstände aus Zermatt um 1850 zu begutachten. Insgesamt sind 13 Häuser und Scheunen aufgebaut, die einen Einblick in die Zermatter Lebensweise des 19. Jahrhunderts vermitteln.

Natürlich sind die ausgestellten Exponate der Erstbesteigung am 14. Juli 1865 ein besonderes Highlight. Es gibt in diesem Zusammenhang auch den Satz: Wer in Zermatt war und das Seil der Erstbesteigung nicht gesehen hat, war nicht wirklich in Zermatt.

Wie weit zurück reichen die Exponate? Was fasziniert Sie ganz persönlich an der Geschichte Zermatts am meisten?

Zwei sehr spannende Exponate sind ein Steinbeil aus Eklogit aus der Jungsteinzeit, also rund 5. bis 3. Jahrhundert vor Christus. Gefunden 1959 auf dem Weg zum Theodulpass. Außerdem gibt es römische Münzen von etwa 350 nach Christus. Auch die wurden am Theodulpass gefunden, der damals schon des Öfteren begangen wurde.

Nicht zu verpassen ist der berüchtigte Knoten der ersten Matterhorn-Besteigung. Was sagen Sie zu der kontroversen Debatte? Gerissen oder durchgeschnitten?

Nach meinem jetzigen Wissensstand teile ich die gängige Version, dass beim Abstieg das Seil durchschnitten wurde, nicht. Es stimmt zwar, dass man für den Aufstieg ein dickes Seil aus Manilahanf verwendet hatte. Für den Abstieg hatte man plötzlich zwei Teile. Zählt man nun eins und eins zusammen, muss man davon ausgehen, dass der Schnitt während des Aufstiegs erfolgte, und zwar vom sehr ehrgeizigen Edward Whymper.

Whymper, einer der Überlebenden, befand sich beim letzten Teil des Aufstiegs hinter Michel Croz, einem der Bergführer, der beim Absturz ums Leben kam. Um als Erster auf dem Gipfel zu sein, musste er etwas unternehmen, um an Croz rasch vorbeizukommen. Also schnitt er das Seil durch, anstatt es zu entknoten, um Zeit zu sparen. Er gab dies nie zu, aber irgendwo soll er in einem Gespräch angedeutet haben: „Vielleicht habe ich …“

Nach den bisherigen Untersuchungen ist es ausgeschlossen, dass man in den paar Sekunden des Unglücks Zeit hatte, ein Messer aus dem Sack zu nehmen und das Seil durchzuschneiden. Das dünne Seil, welches zwischen den beiden dicken Seilen zwischengeknotet war, hat laut Expertisen nur eine Reißkraft von 300 Kilogramm, konnte also unmöglich die vier fallenden Männer aufhalten und riss. 

Es gibt eine These, die besagt, dass Whymper ein Stück vom verbliebenen dünnen Seil abschnitt und mitnahm. Daher vielleicht die Geschichte vom Seilschnitt. Ich betone immer wieder: Wie sich die Tragödie da oben abgespielt hat, weiß nur der Berg und der schweigt. So bleibt auch der Mythos erhalten.

In Zermatt selbst und auch im Museum wird das Leben im 19. Jahrhundert greifbar. Was waren die Eckpunkte und prägenden Elemente des Lebens in Zermatt?

Die damaligen Bewohner waren einfache Leute, welche vor allem von der Landwirtschaft lebten, waren mehr oder weniger Selbstversorger, führten ein einfaches, aber hartes Berglerleben und waren vor allem im Winter von der Aussenwelt abgeschnitten. Als dann die ersten Touristen, vor allem Engländer, auftauchten, verdienten sich einige als Führer, Träger oder Säumer ihren Lebensunterhalt.

Nach dem Unglück von 1865 kamen sehr viele nach Zermatt, um an Ort und Stelle diesen „Unglücksberg“ oder magischen Berg zu sehen. Die Folge davon war, dass man hier immer mehr auf die Karte Tourismus setzte.

Sie haben sicher auch selbst viele Geschichten zu erzählen. Könnten Sie uns vielleicht eine Lieblingsanekdote verraten?

Vor zwei, drei Jahren führte ich eine Gruppe aus Deutschland durchs Museum. Als ich die Geschichte der Erstbesteigung und vieles mehr über das Matterhorn erzählte, unterbrach mich ein aufgebrachter Mann und bemerkte: „Und warum sehen wir heute das Matterhorn nicht?“

Ich erklärte mit einem Pokerface: „Wissen Sie, wir zeigen das Matterhorn nicht allen!“ Weil man meinen Schalk nicht realisierte, brach ein Sturm der Entrüstung aus. Aber es gelang mir die Leute zu beruhigen. Da ich die Wetterprognose kannte, fügte ich noch hinzu, dass ich vorher noch mit Petrus telefoniert hätte. Als wir dann nach einer Stunde nach oben kamen und das Matterhorn sich in voller Pracht zeigte, waren dann alle happy. Nur der Reiseleiter kam zu mir und bat mich, ihm die besagte Nummer zu Petrus zu geben.

Was sind die künftigen Pläne für das Zermatlantis?

Auf jeden Fall die Eckpfeiler der sehr gut inszenierten Ausstellung zu behalten. Spielraum für Neues ist ja auf der Galerie und im Forschungscontainer vorhanden und wird auch entsprechend genutzt.

Die Erlebniswelt „Zermatt um 1850“ kommt bei allen Besuchern sehr gut an, also sehe ich keinen Grund, große Änderungen vorzunehmen. Recht gibt uns auch die Besucherzahl. Waren es doch seit der Eröffnung 2006 durchschnittlich 44.000 Besucher pro Jahr, welche dem Museum einen Besuch abstatteten. Auf diesen Erfolg können wir stolz sein.