Europa
Mercedes-Benz-Museum. © Daimler AG

Ab in den Süden!

Baden-Württemberg – Heimat von Hermann Hesse und Mercedes-Benz, Ziel kulturbegeisterter Flaneure und genussfreudiger Wanderer. Das Land im Süden Deutschlands fasziniert mit grandioser Vielfalt. Eine Reise in fünf Stationen.

Text: Wolfgang Wieser

STATION 1: MERCEDES-BENZ-MUSEUM

Neue Werte entdecken. Aus dem Lift treten, staunen. Ein Pferd starrt mich an. Ausgerechnet hier? Hier im 9. Stock des Mercedes-Benz-Museums in Stuttgart? Wer liest, was zwischen den Hufen dieses Vierbeiners steht, schmunzelt über den ironischen Kommentar zur "Weitsicht" früherer Politiker: "Ich glaube an das Pferd", steht in goldfarbenen Buchstaben geschrieben, "das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung". Dass dieser Ausspruch, der Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) dereinst entfleucht sein soll, ein Irrtum war, ist hinlänglich bekannt.

Wie sehr der erlauchte Herr allerdings daneben lag, wird auf dem Weg abwärts in faszinierender Eindringlichkeit klar. Das Mercedes-Benz-Museum führt in einer Zeitreise von der Geburt des Auto-mobils über Ursprünge und Entwicklungen der Marke bis zum Blick in die Zukunft der Mobilität. Auf neun Ebenen und 16.500 Quadratmetern Ausstellungsfläche sind 160 Fahrzeuge und ins-gesamt 1.500 Exponate zu sehen - so schön, dass nicht nur Benzinbrüder begeistert sind.

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Ludwigsburg. © shutterstock

STATION 2: SCHLOSS LUDWIGSBURG

Von selbstbewusster Größe. Es ist ein großer Sessel. Gemacht für einen Riesen: Friedrich Wilhelm Karl von Württemberg (1754-1816), erster König von Württemberg. Er war 2,11 Meter groß und rund 200 Kilogramm schwer. 1805 kam Kaiser Napoleon nach Ludwigsburg, um Friedrich für sich zu gewinnen. Er stellte ihm die Königswürde in Aussicht.

Napoleon, 52 Zentimeter kleiner als Friedrich, blickte zu ihm hoch und sagte: "Ich wusste gar nicht, dass sich Haut so weit ausdehnen kann!" Friedrich konterte schlagfertig: "Und ich bin erstaunt, dass in einem so kleinen Kopf so viel Gift stecken kann!" Mit dem Bau des Schlosses wurde 101 Jahre vor diesem Treffen unter Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg (1676-1733) begonnen. Bis heute gilt es als eine der größten barocken Schlossanlagen Deutschlands.

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Baden-Baden. © iStockphoto

STATION 3: BADEN-BADEN

Flanieren Sie, flanieren Sie! Diese Stadt braucht ihre Zeit. Flanieren Sie durch die Lichten-taler Allee, die Oos entlang, über die 25 kleine Brücken führen, durch den Park bis zur Trinkhalle. Bleiben Sie kurz davor stehen und erfreuen Sie sich am Anblick des Taschentuchbaumes, der so heißt, weil seine Blätter im Wind wie Taschentücher flattern. Spätabends werden Sie das Kurhaus aufsuchen, in dem nie "gekurt" wurde, sondern getanzt, gelacht und gespielt.

Die eigentliche Bezeichnung "Conversationshaus" ist wohl treffender. Vieles hat sich seither geändert, eines ist noch wie damals: Die Kandelaber vor dem Casino funktionieren nach wie vor mit Gas. Jeden Abend kommt der Parkwächter, um sie anzuzünden. Es gibt zwölf Thermalquellen, die täglich 800.000 Liter bis zu 68 Grad heißes Wasser nach oben sprudeln lassen. Das entspannt. Auch den US-Schriftsteller Mark Twain (1835-1910). Er schrieb in einem Brief: "Hier im Friedrichsbad vergessen Sie nach zehn Minuten die Zeit und nach zwanzig Minuten die Welt."

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Baiersbronn. © Ulrike Klumpp

STATION 4: BAIERSBRONN
Im "Kulinarischen Wanderhimmel" Christine Bissell hat ihr Herz an den Schwarzwald verloren. "Ich mag das Klima, die Menschen, die Pflanzen", sagt sie. Als Wildpflanzenguide kennt sie jede "Blume". Sie weiß, wie und warum sie uns gut tut. Wir sind in Baiersbronn im Schwarzwald oder - wie in der Region selbstbewusst behauptet wird - im "Kulinarischen Wanderhimmel". Diese Behauptung fußt auf der höchsten Michelin-Sterne-Dichte Europas (8 Sterne bei knapp 14.500 Einwohnern), vor allem aber auf der Rückbesinnung auf regionale Ressourcen.

Daraus wurden sieben Angebote entwickelt, zu denen die Führungen der Wildpflanzenguides wie Christine Bissell ebenso zählen wie Wildpflanzenwirte oder die Genussplätze mit "Augen- und Gaumenschmaus". Ein Gaumenschmaus sind jedenfalls die "Baiersbronner Schätze", Köstlichkeiten, die aus Baiersbronner Zutaten von Baiersbronnern hergestellt werden: Dazu zählen das Fichtenspitzeneis, in Eichenfässern gelagerter Essig aus alten Apfelsorten oder die Buhlbacher Forelle. 

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Calw. © shutterstock

STATION 5: CALW
Hermann Hesse wiederfinden. Hermann Hesse steht auf der Nikolausbrücke in Calw. In der linken Hand hält er seinen Hut, die rechte steckt in der Hosentasche. Ich sehe ihm in die Augen, stelle fest, dass er mit 1,82 Metern ein bisschen größer ist als ich und -umarme die Bronze-Statue. "Ein Mann mit Charakter", denke ich und danke ihm für die zauberhaften Stunden, die er, der Nobelpreisträger, mir mit seinen Büchern geschenkt hat.

Den Calwern war der junge Hermann nicht immer -geheuer. Mit einem von Suizid-Gedanken getriebenen Schulabbrecher konnten sie nichts anfangen. Heute, knapp 56 Jahre nach seinem Tod in Montagnola im Tessin, bestimmen Leben und Schaffen des großen Dichters das malerische 25.000-Einwohner-Städtchen. Stolz nennt es sich "Die Hermann-Hesse-Stadt". Am Marktplatz Nr. 6 wurde er geboren, in einem von vielen entzückenden Fachwerkhäusern, die Calw prägen. Längst wurde entschlüsselt, welche Gasse in Calw (bei Hesse "Gerbersau") welche literarische Entsprechung hat.

Und es ist auch kein Geheimnis, aus welchem Brunnen er einst eine Frau gerettet hat. Wer dem Dichter besonders nahe kommen will, muss ins Museum. Denn dort sind Aufnahmen zu hören wie jene, auf der Herr Hesse "Über das Glück" vorträgt. Unwillkürlich erinnert er dabei an einen Prediger, an einen Mann, der sich seiner gewiss ist: "Glück war nur in der Kindheit erlebt worden, in Stunden oder -Augenblicken, deren Wiederfinden sehr schwierig war." In Calw allerdings -gelingt dieses Wiederfinden.

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