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BUCHTIPP: "Die Liebe kann man nicht kontrollieren"

Foto: Peter Rigaud
Foto: Peter Rigaud

Ela Angerer erzählt in ihrem neuen Roman die tröstliche Geschichte einer Selbstbefreiung

Ein Jahr lang begann jeder ihrer Tage mit Schreiben. Vier, fünf Stunden lang arbeitete Ela Angerer daran, ihre Heldin Valerie zum Leben zu erwecken – konzentriert, ohne jede Ablenkung. Vor zwei, drei Uhr nachmittags sprach sie an diesen Tagen mit niemandem. Sonderbar sei sie geworden, sagt sie, und lacht im selben Atemzug über sich selbst. Und dass sie sich erst wieder habe daran gewöhnen müssen, unter Leute zu gehen.

Ela Angerers zweiter Roman „Und die Nacht prahlt mit Kometen“ erzählt die Geschichte von Valerie, genannt Vie, und Bojan; beschreibt ihre Beziehung als schleichende Vergiftung, die schließlich zur existenziellen Bedrohung wird. Und trotzdem ist es eine Liebesgeschichte – verrückt, kompliziert und schmerzhaft, vor allem schmerzhaft. Wer darüber den Kopf schüttelt, dem sagt Ela Angerer: „Die Liebe kann man nicht kontrollieren.“

 

Warum hast du einen Teil deines Romans in den 1980er-Jahren angesiedelt. Lust gehabt, in den Erinnerungen zu kramen?

Auch, aber es war vor allem logisch. Meine Valerie ist jetzt 49. Da musste sie in den 1980er-Jahren groß geworden sein, einer immer noch faszinierenden Zeit, wo in ganz wenigen Jahren ganz viel passiert ist.

Eine junge Frau lernt Mann mit Migrationshintergrund kennen, wie man heute sagen würde, und verfällt ihm.

Vor 30 Jahren sind wir ganz anders mit Ausländern umgegangen. Wir hatten schon damals sehr viel Leute aus Jugoslawien (das gab es damals noch, Anm.), aber wenn die cool waren, hat man innerhalb einer bestimmten Szene nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, woher sie kommen.

Das ist heute aber anders.

Heute würde man so jemanden auch cool finden, aber schon im zweiten Satz fragen, bist du Serbe oder bist du Kroate? Bist du Moslem oder nicht? Heute sind wir schon so sensibilisiert, dass man sofort versucht, die Leute in eine Schublade zu stecken. Früher hat eine junge Frau nicht unbedingt darüber nachgedacht, was es bedeuten könnte, wenn man sich mit einem Mann aus einem anderen Kulturkreis anfreundet.

Dass Bojan, der Mann im Buch, zunehmend gewalttätig wird, muss aber nichts mit seinem Kulturkreis zu tun haben. Er könnte auch einfach ein Arschloch sein – oder?

Ja, das ist mir auch ganz wichtig zu betonen. In meinem Fall kam halt noch der andere Kulturkreis dazu, aber es ist mir ganz wichtig zu sagen, dass so etwas bei uns auch oft mit österreichischen Männern passiert.

Es scheint manchmal, als hätten die Frauen die Bösewichte lieber …

… da ist sicher etwas dran.

Aber warum? Erklär’ mir das ein für alle Mal.

Hm, keine Ahnung, man will einen Mann, der weiß, was er will. Einen starken Wolf, der einsam durch die Prärie wandert. Er sollte aber auch Windeln wechseln und einem eine heiße Hühnersuppe ans Bett bringen, wenn man krank ist. Klar, lassen sich Frauen von etwas sehr Männlichem beeindrucken. Und es gibt ja auch Frauen, die sich bei der ersten Watschen noch denken: „Wow, der traut sich was!“

Und ein Jugoslawe ist es geworden, weil …

… weil sich Männer aus archaischen Kulturkreisen mitunter besonders schwer damit tun, Frauen als gleichwertige Partnerinnen zu sehen. Man muss von österreichischen Männern einfordern, dass sie Frauen mit Respekt behandeln und man muss es auch von Männern mit Migrationshintergrund tun.

Die eigentliche Motivation dieses Buch zu schreiben, war aber eine andere?

Ja, mir ging es vor allem darum zu zeigen, dass Liebe eben auch einfach falsch sein kann – egal, wie stark unsere Gefühle für jemanden sind. Für jedes Problem gibt es heute einen Therapeuten, einen Coach oder ein Seminar. Bloß, in der Liebe funktioniert das nicht, weil man sie nicht kontrollieren kann. Nicht jeder Mensch ist so vernünftig, dass er beim ersten Alarmsignal richtig reagiert – außerdem: Wer weiß schon, was richtig ist? Ein gewalttätiger Mensch ist ja nicht vom ersten Tag an gewalttätig. Im Gegenteil: Oft ist er erst wahnsinnig charmant und verführerisch. Mir ging es darum, diese Selbstbefreiung zu beschreiben – und zu zeigen, dass das nicht von heute auf morgen geht.

Die 49-jährige Valerie hat ihre Jugendliebe aber noch nicht völlig losgelassen?

Sie hat sie verdrängt. Aber wir wollen jetzt nicht das Ende verraten.

„Und die Nacht prahlt mit Kometen“ ist dein zweiter Roman. Zufrieden damit, wie es läuft?

Ja, sehr. Ganz offenbar sehnen sich die Menschen nach Geschichten. Und ich freue mich, wenn ich eine erzählen kann.

 

 

Ela Angerer

Und die Nacht prahlt mit Kometen

Aufbau Verlag, 191 Seiten, 19,95 Euro