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Der Japan-Insider

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Seit 16 Jahren lebt Leopold Federmair im Land der aufgehenden Sonne. GUTE REISE sprach mit dem Japan-Experten über die Megacity Tokio, gesellschaftliche ­Eigenheiten und was Japanern peinlich ist.

Bereits als Jugendlicher war Leopold Federmair fasziniert von Japan, seiner Ästhetik sowie -Literatur. Doch erst mit über 40 Jahren kam er erstmals in das ferne Land. Heute lebt der österreichische Schriftsteller mit seiner Frau und Tochter in Hiroshima, wo er an der Universität Deutsch unterrichtet. Auch nach 16 Jahren erscheint ihm das Leben in Japan noch widersprüchlich. "Seine Gesellschaft ist kommunistisch-kapitalistisch", meint er. "Einerseits ist sie konservativ, von strengen Regeln geprägt, andererseits, innovativ und technikaffin ohne große Revolutionen."

Ruhige Metropole

Wie erleben Sie Tokio?

Es ist im Alltag eine geordnete, für europäische Verhältnisse sichere und überraschend ruhige Stadt. Die dicht besiedelte Megametropole ist geprägt von einer ganz speziellen Form der Stille und Ordnung, die stärker ist als in den anderen japanischen Städten. In Osaka zum Beispiel geht man bei Rot über die Straße, in Tokio nicht. In Tokio schrillen keine Handys in der Öffentlichkeit und niemand plärrt in der U-Bahn ins Telefon, wie das Wetter ist.

Was gefällt Ihnen an der Stadt?

Tokio ist eine überraschend grüne Metropole mit großen, weitläufigen Parks. So liegt z. B. nur 20 Minuten vom Stadtteil Shibuya, der mit seinen Leuchtreklamen Inbegriff des Kommerzes und der Lebendigkeit ist, der Yoyogi-Park. Der ist so groß wie der Prater.

Wo zeigt sich der ständige Wandel Tokios besonders deutlich?

In Asakusa, wo ich vor 15 Jahren zum ersten Mal war. Da herrscht ein interessantes architektonisches Nebeneinander. So ragt der 600 Meter hohe "Skytree", das neue Symbol der Stadt, in den Himmel und in seinem Schatten befindet sich ein schmuddeliges Vergnügungsviertel, wo man noch alte Patchinko-Maschinen findet. Die japanische Hauptstadt verändert sich in atemberaubendem Tempo. Das kann man auch in den Stadtteilen Musashi-Koyama oder in Ebisu, südlich von Shibuya, sehen.

Wo kann man schnell dem Kaufrausch verfallen?

In Shibuya, dem auch in Europa als Shopping-Paradies bekannten Viertel. Oder in Harajuku, wo vor allem junge Leute hingehen. Für Computer, Manga und Anime ist Ikebu-kuro perfekt. Und in Shinjuku pulsiert nicht nur das Nachtleben: Unzählige Bars und Geschäfte locken die Massen an.

Peinliche Momente

Was ist für Touristen ein No-Go?

Wenn man die Hand gibt, wie in Österreich. Japaner machen da ein leicht irritiertes Gesicht: Das tut man nicht. Sich öffentlich gar herzlich umarmen ebenso wenig. Denn das machen hier nicht einmal die Liebespaare.

Warum?

Die japanische Gesellschaft ist streng hierarchisch und den Formeln der Höflichkeit unterworfen, die in jeder sozialen Situation unbedingt zu beachten sind. Wenn man etwa in ein Geschäft geht, sagt der Kunde normalerweise überhaupt nichts. Der Verkäufer beschränkt das Gespräch auf ein formelhaftes "Schön, dass Sie da sind." Wenn ein Ausländer persönliche Bemerkungen macht, ist das für den Verkäufer sehr peinlich. Denn er steht in der Hierarchie unter dem Kunden. Diese Umständlichkeit im menschlichen Umgang ist für mich oft irritierend.

Was ist Japanern sonst peinlich?

Wenn man Kleinigkeiten des Alltags nimmt: Sich in der Öffentlichkeit laut zu schnäuzen, das ist ungehörig. Andererseits ist es wieder ein Zeichen von guten Manieren, den Rotz in der Nase aufzuziehen. Noch ein Beispiel: Wenn Japaner Nudeln essen, schlürfen sie mit Genuss deutlich hörbar. Verzichtet man darauf, ist es schlechtes Benehmen.

Was nervt Sie in Japan?

Pünktlichkeit. Die hat eine enorme Bedeutung. Das führt zu Extremen wie der Vorpünktlichkeit. Wenn ich mit jemandem eine Verabredung habe, muss ich fünf Minuten vorher da sein, damit ich nicht schief angesehen werde.

Was ist sonst typisch japanisch?

Die ausgeprägte Höflichkeit, sie ist jedoch nicht mit Freundlichkeit gleichzusetzen. Sie ist nützlich im Zusammenleben. Aber sie führt auch dazu, dass man immer auf Distanz bleibt und andere auf Distanz hält. - Japaner sind daher fast immer unnahbar.

Die Gesellschaft ist streng hierarchisch. Hat der Mangel an Individualismus auch Vorteile?

Ja. Ein Beispiel dafür: Es gibt in Japan keinen Vandalismus. Wenn ich meinen Studenten davon erzähle, ist ihnen dieses Verhalten völlig unverständlich. In Japan nimmt man auch anderen nichts weg. So kann man zum Beispiel seine Sachen im Zug vergessen und bekommt sie ziemlich sicher wieder komplett zurück.

Haben Sie noch einen Tipp für Tokio?

Eine Bootsfahrt auf dem Sumida-Fluss vom Hafen bis Asakusa, wo der Kannon-Tempel liegt. Das machen vor allem Japaner.

 

 

Leopold Federmair

Der Schriftsteller, Essayist und Übersetzer Leopold Federmair schrieb bereits rund 30 Bücher. "Tokyo Fragmente" ist eine Reise in Herz und Seele der Metropole. Seine literarischen Spaziergänge sind auch eine kritische Analyse der japanischen Gesellschaft mit ihren rigiden Regeln, die das Individuum stets unter die Gruppe stellt. Seine Notizen aus sieben Jahren beschreiben die Millionenstadt als einen Brennpunkt von Konsum, Technik und Tradition.

Otto Müller Verlag, 24 Euro, omvs.at