Europa
Die Cliffs of Moher ragen 200 Meter in die Höhe. © Helmut Widmann

Die grüne insel im wilden Atlantik

Atemberaubende Küsten, Millionen Schafe und eine lebendige, urige Pub-Szene: Irlands „Wilder Westen“ bedient alle bekannten Klischees und bietet noch viel mehr.

Text: Helmut Widmann

"Boooaaahh!" Unvermittelt stößt jeder den Urlaut aus, wenn er sich Zentimeter um Zentimeter zum Abgrund vortastet. 200 Meter geht es an den Cliffs of Moher an Irlands Westküste in die Tiefe. Unten die laute Brandung, Wellen, die auf Fels schlagen. Und die tosende See macht den staunenden Menschen in luftiger Höhe die Gesichter meerwassernass. Wagemutige werfen sich auf den feuchten Grasboden, robben auf dem Bauch liegend vor, recken den Kopf über den Abgrund und beobachten Möwen oder gar Papageientaucher im windigen Flug. Die Klippen sind ein Weltwunder, das man einfach gesehen haben muss – der Höhepunkt einer Reise entlang -Irlands wilden Küsten.

Den Beginn der Tour rund um die grüne Insel macht aber der Osten mit Dublin. Schon auf dem Weg vom Flughafen in die Hauptstadt schneidet Taxifahrer Kevin das Lieblingsthema der Inselbewohner an, das Wetter: „Heute haben wir mal keinen Regen, etwas Besonderes bei uns.“ Besonders war auch der Winter in Irland, mit zwei Mal Schnee. „Das erste Mal war es ,the beast from the east‘, das andere Mal ,the pest of the west‘“, erzählt Kevin. Das Spiel mit der Sprache ist wohl in den Genen jedes Dubliners verankert. Kein Wunder, denn Dublin nennt man auch UNESCO-Literaturstadt, aus der Schriftsteller wie George Bernard Shaw, Oscar Wilde, James Joyce oder Samuel Beckett stammen. 

Der zweite Exporthit der Dubliner ist das Bier, in dessen Geschichte man am besten im Guinness Storehouse, einer Erlebnis- und Genusswelt, eintaucht. Authentisches Ambiente für den Biergenuss findet man im Bezirk Temple Bar unweit des Stadtflusses Liffey, wo sich ein Pub an das nächste reiht und Livemusik schon nach-mittags durch die engen Gassen schallt. Wer dagegen das moderne Dublin kennenlernen will, besteigt am besten ein noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammendes Amphibienfahrzeug von Viking Splash Tours. „In den früheren Hafenanlagen ist die ganze Welt zu Hause“, erzählt der Guide Jack. Jetzt heißt die Gegend Silicon Docks und beherbergt Headquarters von Hightech-Giganten wie zum Beispiel Google, Facebook, Twitter oder LinkedIn, die sich hier dank der unternehmensfreundlichen Steuerpolitik Irlands niedergelassen haben.

An Irlands Küsten zieren Hunderte Leuchttürme die Landschaft. ­Manche stehen sogar in privaten Gärten. © Helmut Widmann

Spektakuläre Küste der Superlative

Selbst am Steuer - auf der rechten Fahrzeugseite -, geht es nach dem Dublin-Intro gen Westen. Dort erwartet einen eine Straße der Superlative: Der Wild Atlantic Way zieht sich 2.600 Kilometer lang vom Süden über den gesamten Westen bis hinauf nach Nordirland, schlängelt sich entlang unzähliger -Halbinseln und bietet vielerorts Ausblicke auf die raue See, die einem den Atem rauben.

Der bekannteste Abschnitt ist der Ring of Kerry, eine rund 180 Kilometer lange Küstenstraße im Südwesten der Insel, wo angesichts der Enge der Straßen die vielen, mit Touristen beladenen Busse nur gegen den Uhrzeiger fahren dürfen. Die Gegend verzeichnet eine immer größere Anziehungskraft unter Irland-reisenden, weshalb jene, die mehr Ruhe suchen, besser die Tour rund um die Halbinsel Dingle wählen, wo einsame Sandstrände und zerklüftete Felsen die Landschaft prägen.

Speziell im Frühling erfreut sich das Auge an den kräftigen Farben des gelb blühenden Stechginsters, den die Schafe angesichts seiner langen, kräftigen Dornen verschmähen, und am Straßenrand blühen gelbe Märzenbecher und weiße Narzissen.

Strohgedeckte Cottages in Andara nahe Limerick. © Helmut Widmann

Vorbei an Limerick geht es in den Burren im Hinterland der Cliffs of Moher. Seinen Namen – zu Deutsch „steiniger Ort“ – trägt die 250 km2 große Karstlandschaft zu Recht. Oliver Cromwell beschrieb sie so: „Kein Baum, an dem man einen Mann aufhängen, kein Tümpel, worin man ihn ersäufen, keine Erde, in der man ihn verscharren könnte.“ Wer in den Karst hinabtauchen will, besucht die Aillwee Cave. Die Schauhöhle wurde 1940 vom Bauern Jacko McGann zufällig entdeckt und bietet heute einen 1,2 Kilometer langen Spaziergang durch die dunkle Welt von Stalaktiten sowie Stalagmiten.

Lachsschwärme aus Kanada

Vorbei an neolithischen Zeugnissen, an Dolmen und -Megalithgräbern verläuft die Route zur Partystadt -Galway – eine quicklebendige Stadt, in der ein Viertel der 70.000 Einwohner Studenten sind und dessen buntes Ausgehgrätzel von unzähligen Restaurants und Pubs geprägt ist. Wenige Kilometer nördlich der Stadt liegt der Lough Corrib, Irlands größter See.

Vom altehrwürdigen Ashford Castle, einer mittelalterlichen Burg, heute ein Luxushotel für Prominente und Betuchte, kann man mit einem Ausflugsschiff in See stechen und den launigen Erzählungen von Kapitän Patrick lauschen: „Jedes Jahr kommen Lachse aus Kanada hierher. Sie schwimmen in großen Schwärmen über den Atlantik, dann durch den Fluss Corrib bei Galway bis in den See, sodass das Wasser silbern glänzt.“ Westlich des Lough Corrib gelangt man in den Nationalpark Connemara, eine Landschaft der besonderen Art, in der Wasser – auch ohne Regen – das bestimmende Element ist.

In den Senken karger Hügel und Berge schießt es herunter, die Hänge glitzern nass im Sonnenlicht, dazu allgegenwärtig sind kleine Seen und das dunkle Blau des Meeres. Von der Skyroad nahe Cliften, wo zwischen Steinwällen Schafe, Pferde und Esel grasen, hat man einen wunderbaren Blick auf das Wellenspiel. Wer solche Augenblicke liebt, fährt noch weiter gen Norden in das County Donegal. Hier gehen grüne Wiesen, die den zweiten Namen Irlands – „Die grüne Insel“ – begründen, direkt ins Meer über. 

Schafe sind allgegenwärtig. © Helmut Widmann

Ein Irlandbesuch ist ohne eine Fahrt auf Acaill Island in der Grafschaft Mayo nicht komplett. Die Insel ist durch die Michael-Davitt-Brücke mit dem Festland verbunden. Dort verbrachte der noch nicht zum Nobelpreisträger gereifte Heinrich Böll mit seiner Familie -seinen ersten Urlaub, bewohnte ein Cottage und schrieb sein legendäres „Irisches Tagebuch“.

Damit machte er die Gegend zum Sehnsuchtsort nicht nur für die Deutschen. Böll hat auch dem Irish Pub ein Denkmal gesetzt, indem er die noch heute in manchen Pubs existierenden -Caissons – mit einem Ledervorhang vor Einblicken -geschützte Einzelsäuferkojen – so verewigte: „In diese sperrt sich der Trinkende selbst ein wie ein Pferd; um mit Whiskey und Schmerz allein zu sein, mit Glauben und Unglauben, versenkt er sich tief unter die Zeit.“ 

Besser ist allerdings, sich unter die geselligen Iren zu mischen, die in ihrem geliebten Pub an ihrem Pint -nippen und viel zu erzählen haben – und zwar nicht nur über das Wetter.

ireland.com/de-at, wildatlanticway.com

Insidertipp

Titanic Experience

Geschichte mit Gruselfaktor. Gebaut wurde die „Titanic“ in Belfast, die Jung-fernfahrt startete das damals größte Schiff der Welt in Southhampton. In Cobh an Irlands Südküste ging der Luxusliner zuletzt vor Anker, bevor er zu seiner todbringenden Reise Richtung Amerika aufbrach. An diesem geschichtsträchtigen Ort kann man in einem Museum Erinnerungsstücke der „Titanic“ bestaunen und sich auf eine virtuelle Zeitreise begeben.

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