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Florenz: Wiege der Renaissance

Der Herbst ist eine traumhafte Jahreszeit, um Florenz zu entdecken. Dann herrscht endlich auch abseits der engen Gassen von Oltrarno weniger Trubel.

Text: Alexis Wiklund

Wie ein Haufen Ameisen ohne Ziel wirken die Touristenströme auf der Piazza della Signoria. Vom schlanken, hohen Turm des steinernen Palazzo Vecchio sieht alles klein aus. Nur nicht die nahe Kathedrale Santa Maria del Fiore, die elegant mit weißem, grünem und rotem Marmor verkleidet ist. Der fast hundert Meter hohe Turm bietet den perfekten Panoramablick auf Florenz. Besser noch als die Aussicht von der Plattform Piazzale Michelangelo am anderen Ufer des Arno und vom Boboli-Garten, der sich hinter dem Palazzo Pitti erstreckt.

Lediglich von der mächtigen Kuppel des Doms ist der Blick auf das Häusermeer ähnlich imposant. Doch wer hat schon Lust, sich dafür endlos anzustellen. Ein weiteres Plus des Palazzo Vecchio ist seine Sammlung wertvoller Wandgemälde und historischer Landkarten. Und direkt vor dem Gebäude steht die bekannteste Skulptur der Kunstgeschichte: der "David" von Michelangelo. Eine perfekte Kopie. Das wertvolle Original ist in der Galleria dell'Accademia zu bewundern.

Der Eingang zum Museum ist nicht zu übersehen. Meist weist eine Menschenschlange den Weg. Ein Tipp: Gleich in der Nähe befindet sich das Nationalmuseum Bargello. Dort kann man - ohne sich anzustellen - den kleineren, aber ebenso faszinierenden "David" von Donatello bewundern. Er ist eine von vielen Skulpturen der besten italienischen Renaissance- und Barockbildhauer.

Schatz der Familie Medici

Die Uffizien gleich ums Eck vom Palazzo Vecchio beherbergen die Kunstschätze der Medici. Darunter einzigartige Werke von Leonardo, Giotto und Caravaggio. Prunkstück ist "Die Geburt der Venus" von Sandro Botticelli. Seit das wohl berühmteste Museum Italiens endlich eine eigene Homepage hat also seit zwei Jahren, kann man Tickets vorbestellen. Das erspart lange Wartezeiten. Weitere Schätze der Familie Medici befinden sich im mächtigen Palazzo Pitti.

Der "Tesoro dei Granduchi" enthält zum Beispiel edlen Schmuck vom 17. Jahrhundert bis heute. "Zwischen November und Februar ist die beste Zeit", weiß Eike Schmidt, der deutsche Direktor des Museums. "Da herrscht kein Gedränge in den Uffizien und seinen 15 anderen Museen. Und auch nicht in der Stadt." Der Kunst-Experte empfiehlt auch den Besuch des Museums von San Marco, das in einer Klosteranlage untergebracht ist. "Das erleichtert das Verständnis der Renaissance in Italien." Es beherbergt die berühmten Fresken "L'Annunciazione" (Die Verkündigung) und "Ultima Cena" (Letztes Abendmahl).

Michelangelos David ist eines der Wahrzeichen der Stadt. © Alexis Wiklund

Avantgardistische, moderne Kunst hat Florenz natürlich auch. Der Pallazo Strozzi, ein beeindruckender Bau der Renaissance, beherbergt seit dem Jahr 2007 das internationale Zentrum für zeitgenössische Kunst "CCC Strozzina". In den Ausstellungen spiegeln sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und verschwimmen mit künstlerischen Moden, Wissenschaft, Wirtschaft und Umwelt.

In die nahe Vergangenheit lädt das Museo Franco Zeffirelli an der Piazza San Firenze. Es versammelt die Arbeiten des italienischen Star-Regisseurs von "Romeo & Julia", die er für Theater, Oper und Kino einst gemacht hat. Im fernen Hollywood hat auch Salvatore Ferragamo, Italiens bekanntester Schuhmacher, gearbeitet. Er war berühmt für sein extravagantes, aber bequemes Schuhwerk. Der umtriebige Designer erfand 1936 den Keilabsatz für den wohlgeformten Damenschuh.

Über 10.000 Modelle sind im Museo Salvatore Ferragamo im Palazzo Spini Feroni an der Piazza Santa Trinita zu bewundern. Diese Mode- Sammlung umfasst auch Fotos, Entwürfe und Nachbildungen von Füßen von Hollywood-Stars und anderen Promis aus Holz.

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Das echte Florenz

Die traditionelle Handwerkskunst ist noch immer in der Via Toscanella und den engen Gassen rund um die Basilica di Santa Maria del Santo Spirito zu Hause. Silberschmiede, Holzschnitzer, Seidenweber hämmern, klopfen und sägen in -ihren meist dunklen Werkstätten. Das Viertel Oltrarno am anderen Arno-Ufer ist das wahre Herz von Florenz, sagen viele. Denn es hat sich von den Touristen noch nicht die Seele rauben lassen. In diesem von der Sonne kaum durchfluteten -Gassengewirr leben vor allem die kleinen Leute sowie Studenten. Hier hängt gelegentlich noch frisch gewaschene Wäsche vor den Fenstern.

Das normale, tägliche Leben spiegelt sich auch in den Speisekarten vieler Lokale wider. Denn die kulinarische Tradition ist Teil der Identität und des eigenen Selbstverständnisses. Wer gerne exzellent und trotzdem nicht allzu teuer essen möchte, hat in dem Viertel sehr gute Chancen auf einen kulinarischen Genuss. Zum Beispiel in der Trattoria 4 Leoni. Sie liegt an einer kleinen Piazza, wo Kinder nach der Schule spielen oder am frühen Abend die Alten palavern. Die Artischocken in Zitrone und der Hase sind exzellent. Und auch die Dolci machen glücklich. Die Trattoria la Casalinga ist bekannt für die Ribollita, ein dicke Suppe, die aus altem Brot und allerlei Gemüseresten besteht.

Dazu gibt es Pane sciapo, ein Brot ohne Salz. Gewöhnungsbedürftig. Dieses für die Toskana typische Gebäck gibt es seit dem blutigen Salzkrieg mit dem Papst. Ursache des leidigen Streits, der im 16. Jahrhundert die Menschen quälte: Die Florentiner hatten keine Lust, Steuern an den Heiligen Vater Paulus III. zu bezahlen.

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Bauch der Stadt

Wer die toskanische Küchenkunst besser kennenlernen möchte, muss unbedingt auf den Markt. Die Wurzeln liegen in der Bauernküche, mit wenigen, aber -geschmackvollen Zutaten. Der beste Ort, um sie zu kosten, ist der Mercato Centrale, die Kathedrale des Genusses im Bezirk San Lorenzo. Von den 120 Ständen bieten rund 20 frisch zubereitete Gerichte an.

Ein Hit sind die Nudeln von F.N. Pastafresca. Zum Beispiel gemeinsam mit einem Birra Moretti. Zu empfehlen sind Salami aus San Marcello, die salzigen Fladenbrote Schiacciata und feine Cantuccini, die gerne in den süßen Vin Santo getaucht werden. Im Obergeschoß der Halle gibt es abseits der Marktzeiten traditionelle -Leckerbissen der Toskana sowie Spitzenweine aus den weltberühmten Regionen Montalcino, Montepulciano und Chianti. Natürlich kommt hier auch das monströse Bistecca alla fiorentina auf den Tisch. Es ist eine Art T-Bone-Steak vom Jungochsen der regionalen Rinderrasse Chianina.

Für viele eine gewisse Herausforderung ist das runde Panino Lampredotto. Das beliebte Streetfood enthält gehackte Stücke des vierten Kuhmagens, im Sud aus Tomaten, Sellerie und Zwiebeln geschmort. - Schmeckt! Zum Beispiel vor der Markthalle beim Stand Lupen E Margo. Angeblich hat im Jahr 1565 Bernardo Buontalenti die Eiscreme für den Hof von Katharina von Medici erfunden. Daher ist Florenz auch für Gelato bekannt.

Beliebt ist die Gelateria La Carraia an der Piazza Nazario Sauro, exzellent die Ware von Le Botteghe di Leonardo in der Via de' Ginori. Kulinarische Spezialitäten aus Italien und designte Utensilien für die gute Küche hat der Gourmet-Tempel Eataly in der Via de' Martelli im Sortiment. Auch sein Restaurant und die Weinbar sind schwer zu empfehlen.

firenzeturismo.it, uffizi.it

GUTE TIPPS:

Ausflug

Lucca. Obwohl die toskanische Kleinstadt den Titel Weltkulturerbe der UNESCO trägt, ist sie noch immer ein Geheimtipp. Der Borgo liegt eine Stunde westlich von Florenz. Was sofort ins Auge sticht: Das historische Zentrum ist von einer dicken Schutzmauer umgeben. Lucca beherbergt über 100 Kirchen, hohe Türme und beeindruckende Stadtpaläste aus der Renaissance. Sehenswert ist der Guinigi-Turm mit Steineichen im Dachgarten. Bekannt ist Lucca auch für seine Plätze: die Piazza San Martino mit dem mächtigen Dom oder die Piazza dell'Anfiteatro, die auf ­Ruinen des antiken römischen Amphitheaters gegründet wurden. In den Gemäuern residiert das Restaurant "L'Emiliana", wo es Würste und Schinken der Region gibt. Ums Eck ist die Via Fillungo, die lange, enge Shopping- Meile. Sie bietet alles, was Italien auszeichnet. Ein Tipp: Das Ristorante all'Olivo an der ­Piazza San Quirico interpretiert die Küche der Toskana auf raffinierte Art. Nicht ganz billig. visittuscany.com

Gartenkunst

Giardino Boboli. Der große Garten hinter dem Palazzo Pitti ist ein Kunstwerk, das Ruhe im touristischen Trubel bietet. Große Künstler haben Alleen, Grotten, Brunnen, Theater, Teiche und Gartenwege geplant. Der Ausblick auf die Stadt ist wunderbar. - Auch vom Alten Kaffeehaus. visitflorence.com

INSIDERTIPP:

Übernachten

Palazzo Castri 1847. Das freundliche Boutique-Hotel mit herrlicher Aussicht auf die Kathedrale Santa Maria del Fiore ist ein renoviertes Juwel aus dem Florentiner Impressionismus. Die edlen Zimmer bieten Gastfreundschaft mit Eleganz und Liebe zum Detail. Der schöne Innengarten "La Limonaia" mit Palmen, Zitronen und Magnolien ist eine luxuriöse Ruheoase mitten im Trubel der ­Innenstadt. Das Spa umfasst zum Beispiel finnische Sauna, Hamam, Fitnessraum mit Technogym-Geräten sowie einen Hydromassage-Pool im Garten. Erfreulich: Zum exzellenten Frühstück gehören eine ­große Auswahl an hausgemachtem Gebäck und Brot, regionale Wurst- und Käsespezialitäten sowie italienischer Kaffee. palazzocastri.com

Florenz Card. 72 Stunden gültig, sie gewährt den einmaligen Eintritt in 72 Museen, Villen und Kirchen. firenzecard.it