Österreich
© Graz Tourismus/Erwin Scheriau

Graz, Mur du allein

Graz drängt sich nicht in den Vordergrund. Graz ist einfach da. Als Studentenstadt bleibt sie jung, nah am Wein gebaut ist für ein gutes Nachtleben gesorgt und somit gehen die vielen kreativen Geister recht spät ins Bett.

Text: Katharina Maria Zimmermann

Wochenends ist es wie vorprogrammiert. Schläft man in der Innenstadt, wird man typischerweise von Kirchenglocken geweckt. Irgendeine ist immer in der Nähe und egal, wie lang der Abend davor war, sie erinnern einen daran, dass ein neuer Tag angebrochen ist und man sich gefälligst aus den Federn zu begeben hat. Eine ausgezeichnete Idee, eigentlich. Denn die Sonne scheint schon in die kleinen Gassen und die herbstlichen Blätter haben ihr goldenes Kleid angezogen. Ein guter Kontrast zum stahlblauen Himmel.

Das Schöne an einer Stadt in der "österreichischen Provinz": Alles im -Zentrum ist zu Fuß erreichbar, so ist auch der Lendplatzmarkt nur ein paar noch müde Schritte entfernt. Die geht man am besten direkt am Fluss, an der Mur. Schon zischen die ersten Radler an einem vorbei, ein gepflegtes Puch-Fahrrad nach dem anderen. Vintage spielt hier eine Rolle. Vor allem, weil viele in den gleichnamigen Werken nur wenige Kilometer vom Zentrum entfernt hergestellt worden sind.

Bei der "Mini-Wirtin"

Unbeschwert kommt man am Lendplatzmarkt an. Der hat sich über die letzten Jahre gemausert. Früher, als man noch mit Pferde-kutschen verkehrte, konnte man die Gasthäuser hier kaum abzählen, zwischendurch war Dorn-röschenschlaf angesagt. Aber spätestens seit dem Kulturhauptstadt-Jahr (2002) sowie dem "UNESCO City of Design"-Jahr (2011) trifft man sich wieder hier. Die vielen Standln haben von mexikanisch ("Tropicante") über hawaiianisch ("Shake Shaka") bis zu italienisch und der klassischen Käsekrainer ("Hauser") so ziemlich alles in petto, was sich der kosmopolitische Reisende wünscht. Aber in der Früh gibt es keinen besseren Ort zum Aufwachen als die "Süße Luise".

Klein, aber fein und überaus beliebt wird hier liebevoll der Cappuccino in Omahäferln serviert, die zwar nicht zu den Untertassen passen, aber genau deswegen charmant sind. Das Koffein hilft dann beim Augenöffnen und die jazzige Musik lässt einen kurz Danke sagen, dass man an diesem sonnigen Tag an diesem wundervollen Ort inmitten des Treibens sitzen und mit angezogener Handbremse einfach nur genießen darf. Zum Beispiel den gerade eben servierten Rosmarinburger oder ein duftendes Schnittlauchbrot mit weichem Ei. 

© Graz Tourismus/Tom Lamm

Fragt man Bernadette Pausackl, die sich selbst als "Mini-Wirtin" bezeichnet, nach ihrer Klientel, dann meint sie: "Bei uns gehen alle ein und aus: vom Privatier über den Sozialhilfeempfänger bis zum Studenten. Man kommt ins Gespräch, ganz un-gezwungen. Wir sind zu einem Happy Place geworden, wo jeder seinen Platz findet.

"Die Stadt Graz mag auf manche vielleicht klein wirken. Mit den etwas über 300.000 Einwohnern ist sie ja wirklich keine Weltmetropole. Doch genau diese praktische Größe ist es, die die Stadt zu einem angenehmen Lebensmittelpunkt macht. Und wenn sich die Grazer wohlfühlen, dann spüren das auch die Gäste. Einerseits an den freundlichen Nasenlöchern, denen man auf Schritt und Tritt begegnet, aber auch an dem gefinkelt durchdachten Design, das, auf die Größe der Stadt umgelegt, schon sehr oft auffällt. 

Design an jeder Ecke

"Schuld" daran ist die FH Joanneum, die jährlich eine beträchtliche Anzahl an Design-Studenten ausspuckt, die sich daran machen, die Stadt zu einem optisch noch ansprechenderen Ort zu machen. So trifft man auf eine rosarote Filiale der "Bäckerei Auer", auf hippe Cafés wie die Ableger der "Tribeka"-Gruppe, das Kunsthauscafé oder das "Buna" in der Schmiedgasse oder auf das "Gramm" oder "Dekagramm", in denen man verpackungsfrei einkaufen kann. Sechs Unis und etwa 40.000 Studenten überschwemmen und beleben die Stadt. 

Murinsel. © Graz Tourismus/Markus Spenger

Dafür spürt man die Touristen nicht so stark, was ein Gefühl der Authentizität ergibt. Bei einem Einkaufstag in der Mariahilferstraße im Grazer Lendviertel findet man garantiert alle Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke, bevor man bis zehn zählen kann. Cool sind der Shop im Kunsthaus, "Kwirl", "Offline Retail", die Samenhandlung "Köller".

Aber am besten schlendert man selbst durch den aufstrebenden Bezirk und lässt sich beim Window Shopping überraschen. Dagegen wirken so manche Geschäfte auf der anderen Seite der Mur fast etwas altbacken. Doch genau diese Melange aus Vintage und Tradition macht Läden wie "Schediwy", "Hofbäckerei Edegger-Tax" oder "Ferdinand Haller" zum Erlebnis.

Entdeckungstour

Nach einem kurzen Spaziergang kommt man in die wohl schönsten Wohngegenden: Das Herz-Jesu-Viertel und das Uni-Viertel, die zwischen Geidorf und Leonhard liegen, sind spritzig und wundervoll zugleich. Will man Wald, kann man sich in die grüne Ecke hinterm "Lederleitner" am Hilmteich bewegen.

Graz hat also eine komplizierte Persönlichkeit - doch kann man erst einmal mit ihr umgehen und weiß, zu welchem Zeitpunkt man welches Register ziehen muss, hat man das beste Leben. Graz hat viele schöne Seiten: zum Beispiel den Spaziergang auf den Rosenhain mit anschließendem Belohnungstee und Blick auf den Schlossberg von einer Seite, die auch nach mehreren Malen auf diesem Hügel immer noch ungewohnt wirkt.

Schloßbergbahn. © Graz Tourismus/Harry Schiffer

Gute Küche

Ein kulinarischer Streifzug durch Graz gestaltet sich äußerst schwierig, denn man muss nicht lange suchen, um auf das nächste exzellente Lokal zu stoßen. An allen Ecken und Enden wird man von wunderbaren Düften verzaubert. In der Dämmerung empfiehlt es sich, mit dem Rad durch die Schmiedgasse zu fahren und all die guten Küchengerüche einzusaugen.

Wer's steirisch mag, kann sich beim "Steirer" durch die Tapas kosten, die spielerisch durch die Köstlichkeiten der Region führen. Bei Burger-Gusto klopft man im "Freigeist" an die Türe. Wenn man es griechisch möchte, macht man im "Dionysos" Halt und darf dabei auf keinen Fall die Vorspeisen vergessen. Inder gibt es gleich zwei hervorragende: "Taj Mahal" und "Hathi". Im "Freiblick" auf der "Kastner & Öhler"-Terrasse lässt es sich an Einkaufs-tagen gut frühstücken.

Zu Wein und Berg


Ein Vorteil ist natürlich auch, dass man sofort aus der Stadt draußen ist - einen Wimpernschlag weg befindet sich etwa die Weingegend - aber auch die grauen Gipfel der Steiermark, die viele Grazer überaus sportlich erscheinen lassen, denn Schöckl, Gesäuse und Hochschwab sind jeder für sich ein Mekka für Bergfexe, Radler und Abenteurer. graztourismus.at

GUTE TIPPS:

Kunsthaus

Congo Stars. Eine Farbexplosion von Künstlern aus dem Kongo wie Chéri Cherin, Monsengo Shula oder Chéri Samba. Noch bis 27. 1. 2019 zu sehen sind Arbeiten aus den 1960er-Jahren sowie zeitgenössische Kunstwerke im Kunsthaus Graz.

Museum für Geschichte

Bertl & Adele. Die Ausstellung im Museum für Geschichte beleuchtet bis 27. 12. 2020 das Schicksal zweier Grazer Kinder, die sich während des Regimes der Nationalsozialisten zurechtfinden mussten.

Bruseum

Jubiläum. Der Steirer Günter Brus war in den 1960er-Jahren ein Enfant terrible des Wiener Aktionismus. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt das Bruseum seine Zeichnungen, die seine Aktionen vorbereiteten,
begleiteten und erweiterten.