Kultur
Die Metropolen Südostasiens, hier etwa Bangkok, faszinieren Wojciech Czaja. © Wojciech Czaja

Magische Momente

Für den Wiener Journalisten Wojciech Czaja hat jede Stadt der Welt ihren ureigenen Charakter. Mit GUTE REISE sprach er über seinen Blick auf die urbane Welt, die Liebe zum kreativen Chaos und seine persönlichen Horrorstädte.

Text: Alexis Wiklund

Die unstillbare Neugier, Fremdes zu entdecken, konnte Wojciech Czaja schon als Kleinkind ausleben. Dabei half ein Familienritual. Seine Eltern überließen es ihm, das Ziel des sonntäglichen Ausflugs zu bestimmen. Auf der Rückbank des Autos sitzend, durfte er die Richtung bestimmen: links, rechts, geradeaus. Einfach drauflos. Wojciech Czaja liebt Städte. In U-Bahn, Café oder Park saugt er alles um sich herum auf, um den magischen Moment zu erleben. "Reisen öffnet Herz und Kopf, macht frei. Je mehr ich unterwegs bin, desto mehr wundere ich mich über die Angst vieler Menschen vor dem Fremden."

Hinter den Kulissen

Sie waren in über hundert Metro­polen. Was suchten Sie dort?
Seit ich denken kann, bin ich chronisch und auch unstillbar neugierig. Ich suche stets das Fremde und die ungewohnte Begegnung, um Menschen und damit die Gesellschaft zu verstehen. Und ich möchte unbedingt den magischen Moment erleben, der den Charakter einer Stadt widerspiegelt.

Nennen Sie ein Beispiel?

Einen für mich magischen Moment habe ich in einem Park in Taipeh, Taiwan, erlebt. Ich habe dort das Treiben der Leute verfolgt, als aus der Ferne klassische Musik erklang. Unverkennbar die Melodie von "Für Elise" von Beethoven. Aus der Konserve. Aus dem Nichts heraus eilten von überall her Männer und Frauen mit schweren Müllsäcken zur angrenzenden Straße. Die populäre Melodie war das Signal, dass der Müllwagen gleich um die Ecke kommt. Das steht in keinem Reiseführer.

Was verschafft Ihnen Glücksmomente?

In Venedig bin ich in einer Seitengasse nahe dem Markusplatz per Zufall in eine Osteria gestolpert. Diese hat sich als die heimliche Kantine der Gondoliere und Hotelangestellten herausgestellt. Ich hatte dort das Gefühl, ich bekomme jetzt das Venedig hinter den Kulissen mit. Die Speisen waren köstlich. Und billig. Jedoch nur, weil Elena, die Dame hinter der Theke, mich irrtümlich für einen kleinen Hotelangestellten hielt.

Welcher Ort hat Sie überrascht?

Ein Stadtteil im New Yorker Bezirk Brooklyn: Williamsburg. Es sieht aus wie ein jüdisches Stetl. Ich bin aus Neugier hingefahren, um die kaum bekannte Welt der ultraorthodoxen Satmar-Juden kennenzulernen. Ich war sehr enttäuscht, eine hermetisch verschlossene Gesellschaft vorzufinden, die kein Interesse hatte, Einblick zu gewähren.

Welches Reiseerlebnis bleibt für Sie unvergesslich?

In Kyoto, Japan, habe ich in einem Ryokan übernachtet: mit dünner Matratze am Boden. In der Pension gab es kein Bad. Bei strömendem Regen - ich hatte nur einen weißen Kimono an - hat mich die Betreiberin ins öffentliche Bad begleitet. Es gab vier Becken. Im ersten war das Wasser sehr kalt, im zweiten sehr heiß, im dritten trüb und nach Schwefel stinkend. Im vierten war es lauwarm, klar und geruchlos. Dort setzte ich mich hinein und erlebte einen Schock, als ich einen Stromschlag nach dem anderen erhielt. Fremde Wellness-Kultur birgt oft Überraschungen.

Moloch Manila

Welche Städte mögen Sie?
Tel Aviv, Istanbul, Hanoi. Sie zeichnet eine spezielle Form von Chaos aus. In Tel Aviv sitzen die Menschen auf einem religiös-politischen Pulverfass. In Istanbul leben sie in ständiger Angst vor einem Mega-Erdbeben. Hanoi bringen Scharen von Motorrädern an den Rand des Verkehrsinfarkts. Mir gefällt, wie kreativ die Leute mit dem Chaos umgehen. Ich habe das Gefühl, dass sie trotz extremer Bedingungen den Moment schätzen, weil sie nie wissen, wie lange sie das noch können.

Wo gefällt Ihnen Chaos nicht mehr?

In Manila, Philippinen: für mich die sozial brutalste und für Menschen unfairste Stadt der Welt. In einem für mich unvorstellbaren Ausmaß. Es funktioniert nichts. Während des Monsuns schwimmt drei Monate Kanalwasser durch die Wohnzimmer. Mit diesem Chaos kann niemand umgehen. Auch Los Angeles ist seit der Kultivierung des Autos in den 1960er-Jahren ein absoluter Unort. Ein riesiger, unmenschlicher Autobahnknoten.

Wo sind Sie besonders gern?

Paris ist für mich zauberhaft. Es ist schweineteuer und hat soziale Brennpunkte: Doch nirgend wo sonst findet man so viel Lebensgenuss und Schönheit in einer Stadt.

Kaufen Sie Reiseführer?

Gerne. Sie sind nützlich, was die harten Fakten betrifft. Was mich nervt, ist, wenn sie das emotionale Bild einer Stadt völlig verzerrt und verfremdet darstellen. Über Savannakhet, Laos, hieß es in blumigsten Worten, es sei eine quirlige Metropole. Daher bin ich hingeflogen. Und gesehen habe ich eine vom Verfall betroffene Stadt. Eine Enttäuschung. Auf Reiseführer ist halt auch nicht immer Verlass. Man sollte sich stets selbst ein Bild machen.

Wojciech Czaja © Florian Albert

Wojciech Czaja

Er sammelte für „Hektopolis“ 100 Momentaufnahmen. Sie ­enthalten die pure Essenz seiner ganz persönlichen urbanen ­Reise­erfahrung. „Meist konzen­triere ich mich auf nur einen einzigen Aspekt einer Stadt, bei dem ich das Gefühl habe, der lässt auf mehr schließen.“ Das ist ihm wunderbar gelungen.

Edition Korrespondenzen, 20 €