Europa

Mein Moskau

Wladimir Kaminer. © Michael Ihle

Wladimir Kaminer ist der Lieblingsrusse aller Deutschen. Der Kult-Autor verrät, was ihm an seiner Geburtsstadt gefällt und was ihn nervt. Und er wundert sich über den ambivalenten Charakter der Moskauer.

Was gefällt Ihnen an Moskau?

Moskau ist eine moderne europäische Metropole, die jedem die Möglichkeit lässt, seinen persönlichen Lebensentwurf zu verwirklichen.

Welcher ist Ihr Lieblingsplatz in der Stadt?

Neuerdings der Kulturpark, also der ehemalige Gorki-Park. Es regieren angenehme Lebenslust und überraschende Leichtigkeit. Im Park treffen sich zum Beispiel junge Menschen, einige entspannen auf dem grünen Rasen, Skater und Radler fahren durch die Gegend und Rentner trinken Kaffee. Im Park Kultury haben die Moskauer die Schwere der sozialistischen Vergangenheit überwunden. Es ist eben genau so, wie es in einem Park sein soll.

Was nervt Sie an Moskau besonders?

Diese enormen Menschenmassen. Moskau ist ein internationales Geschäftszentrum, der Wirtschaftsmotor des Landes. Deshalb sieht man in dieser Stadt ständig so unheimlich viele Autos. Und unzählige Menschen mit Dollarzeichen in den Augen rennen durch die Straßen. Das nervt.

Wie ist der Charakter der Moskauer?

Die Moskauer sind vom Charakter her ambivalent. Sie können gegenüber Fremden sehr misstrauisch sein, aber auch übertrieben gastfreundlich auftreten. Sie helfen einer Oma über die stark befahrene Straße - selbst, wenn sie es nicht will. Aber im nächsten Augenblick werfen sie einen Hund in den Fluss. Das sind Leute, bei denen man nie ganz sicher sein kann, was sie als Nächstes tun.

Welchen Geruch verbinden Sie mit dieser Großstadt?

Den von verbranntem Gummi. Der liegt öfter über der Stadt. Den produziert vor allem die Moskauer U-Bahn. Aber vielleicht ist es auch nur Smog.

Wie hat sich die Stadt in den letzten zwanzig Jahren verändert?

Man merkt einfach: Unheimlich viel Geld floss in Infrastruktur-Projekte. Es wurden Millionen verwendet, um die Stadt lebenswert und schön zu machen. Daher sind die Provinzstädte auch so neidisch auf die herausgeputzte Hauptstadt Russlands. Früher hatte die -Politik nur Geld für die Wohnungen der Reichen und für irgendwelche sinnlosen Denkmäler, die an längst vergangene Heldentaten erinnern sollten. Jetzt bauen sie wirklich etwas für die einfachen Menschen, zum Beispiel neue Parks und Promenaden am Fluss. Und es gibt heute viel gute Architektur - Moskau kann sich sehen lassen.

Wann ist die russische Hauptstadt für Sie am schönsten?

Im September und Oktober. Die Natur verwelkt da bereits ein wenig. Der Herbst ist für mich die schönste Jahreszeit in Moskau, weil er eine melancholische Stimmung hat und wir Russen auch gerne etwas melancholisch sind.

Was darf man in Moskau kulinarisch nicht versäumen?

Kaukasisch essen zu gehen, also die Leckerbissen der georgischen und armenischen Küche zu genießen. Die machen sie in Moskau meiner Meinung nach am besten.

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Buchtipp

Mr. Russendisko. Der Schriftsteller Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Er lebt seit 1990 in Berlin am Prenzlauer Berg und sagt über sich: "Ich bin privat ein Russe, beruflich ein deutscher Schriftsteller." Seine Bücher wie "Russendisko", "Onkel Wanja kommt" oder "Goodbye, Moskau" sind längst Bestseller und seine "Russendisko"-Abende Kult. Er liebt kaukasisches Essen und ist meist unterwegs. Am 27. August erscheint sein Buch "Die Kreuzfahrer" im Verlag Wunderraum. 20,60 €