Österreich

Roseggers Waldheimat

Peter Roseggers Geburtshaus. © Jakob Hiller

Als Waldbauernbub wuchs Peter Rosegger in der Gegend zwischen Mürz- und Feistritztal im Nordosten der Steiermark auf und lebte dort zeit seines Lebens. Eine Spurensuche in der Waldheimat im Jubiläumsjahr des Schriftstellers.

Text: Niki Nussbaumer

Vom Gasthaus Waldheimat in Krieglach sind es nur wenige Schritte hinüber zum Rosegger-Park, in dem man dem großen Sohn ein steinernes Denkmal gesetzt hat. Sehnsüchtig blickt da der kleine Peter hinauf zum Alpl, seinem berühmt gewordenen Geburtsort. Über die Roseggerstraße geht's zu Fuß weiter zu seinem ehemaligen Wohnhaus, welches nun ein Rosegger-Museum beheimatet. Wer eine gute Kondition hat, wandert weiter, vorbei an der Waldheimat-Tischlerei zum örtlichen Friedhof.

Peter Rosegger, 31. 7. 1843-26. 6. 1918, steht da auf einem schlichten Holzkreuz geschrieben. "Das einfachste Grab, wie es jeder Alpler Bauer hat", sollte es sein. Denn: "Wenn man nach 50 Jahren wissen wird, wer der Rosegger war, genügt dies ohnehin", waren seine Worte. Nun sind's bereits hundert Jahre her - und, wie Eva Kirchsteiger, Vorstand im Rosegger-Bund, lachend erklärt: "Es roseggert überall." Vor allem in seiner Waldheimat im Nordosten der Steiermark, und ganz besonders im heurigen Jubiläumsjahr.

Beliebter Heimatdichter

Vor 175 Jahren erblickte Peter Rosegger auf dem Kluppeneggerhof am Alpl auf 1.150 Metern Höhe als ältestes von sieben Kindern das Licht der Welt; ein kleiner, kränklicher Bub, der zu schwach war, um Bauer zu werden, und zu arm, um Theologie zu studieren. Als Schneiderlehrling zog er mit seinem Meister viereinhalb Jahre lang von Hof zu Hof, studierte dabei die Sitten und Gebräuche der Heimat und schrieb seine ersten Geschichten.

Als Peter Rosegger vor hundert Jahren verstarb, war er einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit; mit 55 verfassten Büchern, 15 Millionen verkauften Exemplaren, Übersetzungen in 28 Sprachen, drei Nominierungen für den Literatur-Nobelpreis und drei Ehrendoktoraten. In Österreich herrschte nach seinem Tod Staatstrauer, das Land war schwarz beflaggt und die Kinder bekamen schulfrei.

Roseggers Waldschule ist heute noch authentisch eingerichtet. © Steiermark Tourismus/Harry Schiffer

Im Schatten der Tannenwälder

Schon zu Lebzeiten war Rosegger Sprachschöpfer eines neuen Wortes geworden: jenem der "Waldheimat". Waldheimat war zuerst nur ein literarischer Begriff. In der Einleitung seiner Kindheits- und Jugenderinnerungen schrieb Rosegger: ",Waldheimat' nenne ich mein Buch, weil mir dieser Begriff am besten die Zustände und Geschehnisse zu begründen und zu erklären scheint, von denen hier die Rede sein wird.

Es ist ja ein wunderliches Seelenleben, welches sich Manchen in dem Schatten der Tannenwälder, in den thauigen Wiesenthälern und auf den stillen Hochmatten entwickelt." "1907 erschien das Wort Waldheimat erstmals in Landkarten", erzählt Rosegger-Kennerin Eva Kirchsteiger. Als Bezeichnung für einen Landstrich in den Fischbacher Alpen zwischen Krieglach, Alpl und St. Kathrein am Hauenstein, wohin Rosegger als Bub jahrelang zur Christmette gestapft war. So war ein Werktitel zum Landschaftsnamen geworden.

Die Natur als Freund

Peter Rosegger liebte seine Waldheimat; eine waldreiche Mittelgebirgslandschaft, früher durchsetzt von zahlreichen Einschichthöfen, von denen die meisten heute nicht mehr bestehen. "Wenn ich nicht hier leben würde, hier müsst ich Urlaub machen", schrieb er.

Aus den Erlösen seiner ersten Bücher ließ er sich in seinem Heimatort Krieglach ein Landhaus nach seinen Plänen errichten. Stundenlang streifte er alleine durch die Natur und holte sich die Inspiration für seine Werke - auf dem Wechsel, dem Teufelstein oder auf der Pretul. Es war die sanfte Bergwelt abseits des hektischen Lebens, die Rosegger so schätzte. 120 Städte besuchte er auf seinen Lesereisen, doch immer sehnte er sich nach der geliebten Heimat.

"Er hatte ständig Heimweh, nach dem Land und der Natur", sagt Kirchsteiger. Aus Heimweh, das sich bei ihm in Erschöpfung, Schlaf- und Appetitlosigkeit zeigte, musste er auch seine Italien-Reise in Neapel abbrechen. Zwei Einladungen in die USA lehnte er aus diesem Grund ab. "Ich habe kein Land gefunden in der weiten Welt, das so schön und glückselig war, als meine rauhe Bergeshöh' zwischen Wäldern und Wiesen", sagte der Heimatdichter.

Beliebte Wanderregion

Tatsächlich zählt die Waldheimat zu den schönsten Wanderregionen der Steiermark. Sanfte, aussichtsreiche Höhenzüge verbinden das hochsteirische Mürztal mit dem oststeirischen Joglland. Ohne Stress und Höhenangst lässt es sich hier wunderbar auf weichen Almböden wandern und spazieren, hinauf zu Gipfelkuppen und durch schattenspendende Wälder.

Bevor die Alpen östlich des Semmerings auslaufen, erheben sie sich hier noch einmal bis auf knapp 1.800 Meter - und bieten einen Blick in jene Bergwelt, von der Peter Rosegger schrieb: "Was soll ich schreiben? Mir fällt nichts ein. Auf diesen Bergen voll Sonnenschein. Als in Ehrfurcht schweigen und selig sein."

Die Region ist bekannt für ihre Wanderrouten wie etwa den Mariazellerweg. © Steiermark Tourismus/Leo Himsl

Bis heute hat sich dieser Landstrich am Ostrand des Alpen-bogens seine Ursprünglichkeit bewahrt. Hierher kommt, wer Ruhe sucht und Energie tanken will - oder vor den heißen Nächten der Großstadt flieht. Statt großer Hotels laden Pensionen und Privatzimmer zum Nächtigen ein. In den Pfannen und Töpfen der örtlichen Wirte landet vorwiegend das, was auf den Almen so grast und in den Bächen ringsherum schwimmt.

Im kleinen, feinen Hotel Krainer in Langenwang nebst Krieglach kochen Astrid und Andreas Krainer seit vielen Jahren auf höchstem Niveau. Das brachte den Krainers zwei Hauben ein und Stammgäste, die extra aus Graz anreisen. Regionalität, Bioqualität und Fairtrade sind die Eckpfeiler ihrer Küche. So finden sich auf der Speisekarte Weizer Berglamm, Mürzsteger Huchen und Langenwanger Weidegans. "Der natürliche Mensch wird für künstliche Nahrung nicht zu haben sein", zitiert Andreas Krainer einen Spruch des beliebten Heimatdichters.

Es roseggert überall

Wer den Dichter verstehen will, muss hinauf zum Alpl, auf den 1744 erbauten, sturmumbrausten Kluppeneggerhof. Noch heute erreicht man sein armseliges Geburtshaus nur nach einem 30-minütigen Fußmarsch. Hier oben verbrachte das schmächtige Kind seine ersten 17 Jahre inmitten von üppigen Wiesen und dichten Nadelwäldern; hier lehrte ihn seine Mutter das Lesen, hier verfasste er sein erstes Gedicht. Viele Jahre später, 1902, gründete er am Alpl aus Spendengeldern eine Schule, um der Landflucht entgegenzuwirken.

73 Jahre lang bekamen die Kinder der umliegenden Bauernhöfe hier Unterricht in Lesen, Schreiben und Rechnen, aber auch in Gartenarbeit und Handwerk. Thomas Leitner war der letzte Schüler der Waldschule, ehe diese 1975 aus Schülermangel für immer schloss. Heute ist Leitner Wirt im Gasthaus Schlagobersbauer, direkt am Hang gegenüber von Roseggers Geburtshaus. Spezialität des Wirtshauses ist die eigens kreierte, mit reichlich Schlagobers versehene Rosegger-Torte. Wie bereits erwähnt: Es roseggert überall ...

Jubiläumsevents

Heuer jährt sich Peter Roseggers Geburtstag zum 175. Mal, sein Todestag liegt genau 100 Jahre zurück. In seiner steirischen Heimat finden im Jubiläums­jahr zahlreiche Veranstaltungen statt. Hier ein Auszug:

Sonderausstellung. "Aus Peter Roseggers Reisetagebuch".
Mai bis Oktober, Mürzzuschlag, Südbahnmuseum 

Festakt. Anlässlich des 175. Geburtstags von Peter Rosegger.
29. Juli, 15 Uhr, Krieglach, Alpl, Rosegger-Geburtshaus

Ausstellung. "Peter Rosegger, Waldheimat und Weltwandel".
Bis 6. Jänner 2019, Graz, Museum für Geschichte

Rosegger-Festspiele 2018. "Jakob der Letzte" in einer Bühnenfassung von Felix Mitterer.
7. Juli bis 11. August, 20 Uhr, Krieglach, Veranstaltungszentrum

Veranstaltung. "Mit dem Dampfwagen auf volkskulturellen Spuren von Peter Rosegger".
15. Juli, Weiz-Birkfeld-Weiz. trachtenverband-stmk.at