Österreich
Die Gletscher im Nationalpark sind zu jeder Jahreszeit ein Erlebnis. © © SalzburgerLand Tourismus/Daniel Breuer

Vom Urwald bis in die Arktis

Der Nationalpark Hohe Tauern ist das größte Naturschutzgebiet Zentraleuropas. Von den tiefsten Tälern bis zu den eisigen Gletschern erreicht er rund 3.000 Höhenmeter und ist ein Paradies für Wanderer und Naturliebhaber.

Text: Christian Posch

Schau, ein Steinadler!“ Die Silhouette eines Greifvogels, der hoch über unseren Köpfen durch die Lüfte gleitet, sorgt für Begeisterung in der Wandergruppe. Nationalpark-Rangerin Mariella Voglreiter hält die Hand über die Augen, so wie ein Indianer im Wild-West-Film, und lächelt. „Das ist kein Steinadler, sondern ein Bartgeier. Das erkennt man gleich an der rötlichen Unterseite.“ Hier im Krumltal ist dieser Vogel keine Überraschung, schließlich kennt man das Gebiet unter dem Namen „Das Tal der Geier“. Vor dreißig Jahren begann man -damit, den ausgerotteten Bartgeier wieder anzusiedeln. Schön langsam werde das zum Erfolgsprojekt, erklärt Mariella. Die Rangerin kennt den Nationalpark Hohe Tauern wie ihre Westentasche und führt uns auf den besten Routen bergauf. Noch sind wir ziemlich weit unten, auf rund 1.400 Metern Seehöhe. Das Tal ist erfüllt von einem saftigen, geradezu wuchtigen Grün, doch die steilen Bergwände warten in einiger Entfernung. Unser Ziel ist Kolm-Saigurn, der faszinierende Talschluss, auch bekannt als Rauriser Urwald. Exkursionen wie diese sind für Nationalpark-Ranger Routine. „Es ist eine unserer Aufgaben, den Gästen den Nationalpark Hohe Tauern und die Idee, die dahintersteckt, näherzubringen“, sagt Mariella. Das tun sie zum Beispiel bei der Umweltbildung, einer der Hauptaufgaben des Trupps. Die Kundschaft sind meist Schulklassen.

Rund die Hälfte aller in Österreich heimischen Tierarten kommen im Nationalpark vor. Der Bartgeier wurde nach seiner Ausrottung erfolgreich zurückgebracht. © iStockphoto

Der Amazonas Österreichs

Der Rauriser Urwald ist stets ein Highlight. Zwischen dichten Nadelbäumen, jahrhundertealten Sturzfichten und Zirben findet man hier um die 80 dunkle Moortümpel und jede Menge Moos. Man fühlt sich meilenweit weg von jeglicher Zivilisation. Unsere Wanderung durch den kleinen österreichischen Amazonas dauert wesentlich länger als ursprünglich geplant. Das ist aber kein Wunder, bei der faszinierenden Kulisse. Zu mystisch sind die grünen Moorufer, zu romantisch die bezaubernden Lichtungen. Auch in unserer Gruppe lässt es sich keiner nehmen, die unberührte, ursprüngliche Natur einzusaugen.

Der Nationalpark Hohe Tauern ist ein Refugium für Tiere und Pflanzen. Kärnten, Salzburg und Tirol teilen sich die Aufgabe, diesen großartigen Naturraum zu erhalten und zu pflegen. Vor allem die sogenannte Kernzone ermöglicht den Wanderern, Österreich von seiner ursprünglichsten Seite kennenzulernen. "Sie ist strengste Schutzzone. Hier ist die Natur von menschlichen Eingriffen verschont; eine Urlandschaft von beeindruckender und wilder Schönheit, mit -weiten alpinen Rasenlandschaften, tosenden Wasserfällen und ausgedehnten Gletscherfeldern", sagt Mariella. "Aber das werden wir morgen ja ganz genau sehen!" Denn morgen geht es das Salzachtal entlang weiter Richtung der Krimmler Wasserfälle. Sie sind die größten Wasserfälle Europas. Wir alle können es kaum noch erwarten.

Der Aufstieg beginnt meist in den saftigen grünen Tälern. Insgesamt umspannt der Nationalpark Hohe Tauern 3.000 Höhenmeter. © SalzburgerLand Tourismus/Erwin Haiden

Die Nacht im Hotel geht schnell vorbei. Ausgeknockt von der frischen Luft, fallen alle ins Bett. Nach einem zünftigen Frühstück und einer kurzen Fahrt machen wir uns auf, die Krimmler Wasserfälle zu erleben - ein atemberaubendes Naturspektakel. Krachend und tosend kommen die Wassermassen nach 380 Metern unten an, Wassernebel weht umher und ein Regenbogen reiht sich an den anderen. Das sollte man unbedingt gesehen haben.

Unser Tag ist aber noch nicht zu Ende. Nachdem die -letzten Selfies geschossen worden sind, wandern wir auf 1.600 Metern Seehöhe weiter zum Krimmler Tauernhaus. Hier treffen sich Wanderer und Mountainbiker gerne, um einander anerkennend zuzunicken, oft über einem Teller mit einem saftigen Stück vom Almochsen oder Pilzen aus der Region. Mit vollen Bäuchen gehen wir nach draußen und sehen uns ein wenig um, schließlich werden wir hier oben die Nacht verbringen. Die klare Sternennacht ist ein Geschenk. Abseits jeder -störenden Lichtquelle lassen sich die bekannten Formationen leicht erkennen.

Die Kernzone des Nationalparks ist ein völlig ­unberührtes Stück Natur. Hier kann man fernab jeglichen Stresses die Seele baumeln lassen. © David Innerhofer

Kronjuwel der Alpen

Auch das Morgengrauen am Berg ist ein unvergessliches Erlebnis. Eine atemberaubende Almlandschaft breitet sich u-förmig vor dem Krimmler Kees - dem Gletscher, der über uns thront - aus. Wenige Minuten später wird erneut eine Steinadlersichtung vermeldet. Diesmal aber zu Recht. Der majestätische Vogel kreist ruhig über -unseren Köpfen. Ein toller Anblick, wenngleich man in dem Moment kein Murmeltier sein möchte.

"Wir sind sehr stolz auf unsere Artenvielfalt", sagt Mariella. "Insgesamt leben hier zwischen 15.000 und 20.000 Tierarten, das ist die Hälfte aller in Österreich vorkommenden Säugetiere, Vögel, Reptilien und Amphibien. Weiters sind 3.500 Pflanzenarten und 4.000 Pilzarten hier im Nationalpark zu entdecken und zu bewundern." Am letzten Tag bleibt uns noch eine Mission: auf zum Gletscher! Unfassbare 342 Gletscher gibt es im Nationalpark Hohe Tauern. Neben 266 Dreitausendern und 551 Seen eine weitere unfassbare Zahl zum Nationalpark.

Kein Wunder, dass Ranger wie Mariella erst nach einer dreijährigen Ausbildung den Dienst antreten dürfen. "Der Nationalpark ist wie ein Stockwerk aufgebaut. Vom Urwald ganz unten bis zum Gletscher ganz oben gibt es eine Vielzahl an verschiedensten Landschaften und daher kommt auch diese enorme Artenvielfalt hier. Ein sorgfältiges Management und der Schutz dieser einzigartigen Naturlandschaft hat höchste Priorität." Unser Ziel ist der Krimmler Kees. Der gebieterische Gletscher erstreckt sich über eine Fläche von rund fünf Quadratilometern am Ende des Krimmler Achentals. Auch im Sommer gibt es hier viel Eis, dennoch bereitet der Klimawandel Sorgen. Bei unserer Tour haben wir all die Veränderungen der Landschaft hautnah miterlebt.

Der Nationalpark Hohe Tauern ist das Kronjuwel der Alpen. Mariella sagt, man könnte wochenlang durch das Areal ziehen, ohne auch nur die Hälfte gesehen zu haben. Das klingt für uns nach einer Herausforderung für den nächsten Urlaub.

GUTE TIPPS:

Tourenportal

Wander-App. Das Nationalpark Tourenportal hat alle Routen des Parks, laufend aktualisiert, gespeichert. Mit der Touren-App hat man diese auch immer mit dabei. Alle Hütten, Aussichtspunkte und Einrichtungen sind verzeichnet.

Nationalparkwelten

Museum. Die Nationalparkwelten erwecken Fauna und Flora des Nationalparks zum Leben. ­Highlights sind die 360-Grad-­Panoramawelt mit rund 16 Metern Durchmesser, ein Ausflug in den Murmeltierbau und ein Flug in Steinadler-Perspektive.

Mountaincart

Rasant. In der Wildkogel-Arena Neukirchen & Bramberg geht es trotz der idyllischen Bergkulisse heiß her. Die kurvenreiche Mountaincart-Strecke sorgt auf vier Kilometern Länge für einen kleinen Adrenalinstoß und jede Menge Fahrspaß. Mehr als 50 Mountaincarts in vier verschiedenen Größen (S, M, L, XL) und über 30 Roller warten.