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Malerisch. Das Val d’Orcia ist eine Ikone der vom Mensch gestalteten landschaftlichen Schönheit. © iStockphoto

Im Herzen der Toskana

Das Val d’Orcia südlich von Siena begeistert durch die Harmonie seiner sanften Hügellandschaften. Mit seinen Burgen, alten Landhäusern und markanten Zypressen ist es das Sinnbild der Toskana.

Riesige Weizenfelder, so weit das Auge reicht. Gelegentlich Streifen von Sonnenblumen, kleine Weingärten, Olivenhaine und immer wieder Gruppen von Zypressen. Aufgereiht wie elegante Zinnsoldaten. Die immergrünen Nadelbäume säumen die Wege zu den alten Landgütern und Herrenhäusern. Und über dem sanften Wellental thronen auf den Anhöhen befestigte mittelalterliche Städte wie Pienza, San Quirico d’Orcia und Castiglione d’Orcia. Allesamt Juwelen der Toskana.

Was kaum jemand beim Anblick dieser malerischen Ansichtskarten-Landschaft vermutet: Das Val d’Orcia war einmal eine unwirtliche, karge und arme Gegend. „Erst in der Renaissance erlebte es die Wandlung zur Ikone der vom Menschen gestalteten Schönheit. Denn ab dem 14. Jahrhundert veränderte die wohlhabende Handelsstadt Siena den Charakter ihres Hinterlandes, um die ideale Kulturlandschaft zu erschaffen“, erklärt Valentina Pierguidi, Führerin durch den Kunst- und ­Kulturpark des Val d’Orcia.

„Gefordert war ästhetische Perfektion: eine Regelmäßigkeit der bunten Felder und Bäume. Die Zypresse, damals ein beliebter Zierbaum vom östlichen Mittelmeer, wurde zum Symbol der intakten, harmonischen Landschaft. Jede Jahreszeit lässt das Tal in einer anderen Farbe erscheinen.“ Schon bald inspirierte das einzigartige Panorama die Maler der Siener Schule zu wunderbaren Landschaftsbildern, und diese wiederum beeinflussten die Landschaftsplaner.

Diese landschaftsarchitektonische Meisterleistung beeindruckte auch die UNESCO. Sie ernannte das Tal 2004 zum Weltkulturerbe. „Dieser besondere Status schützt es vor Industrialisierung, Hotel-Bausünden und Luxus-Resorts mit Megagolfplatzanlage.“ 

Vom Armenhaus zur Idylle 

Eigentlich sollte durch das Tal die „autostrada“ führen, die Rom und Florenz verbindet. Doch die Politiker in der fernen Hauptstadt entschieden in den 1960er-Jahren letztlich anders. Das Val d’Orcia blieb vom Fernverkehr verschont. Wohl ein Glücksfall für die Menschen: Die Landschaft blieb weiter intakt und der sanfte Tourismus entwickelte sich zur wichtigsten Einnahmequelle. Vor allem Amerikaner lieben das einstige Armenhaus der Toskana. Kino-Blockbuster wie „Romeo and Juliet“ oder „The Gladiator“ haben mit ihren opulenten Bildern die elegante Hügellandschaft in der ganzen Welt berühmt gemacht.

Die Ursprünglichkeit und Ruhe der Region passen perfekt zu Wandern, Biken und Wellness. Im Tal gibt es einige heiße Thermen. Jene an der Piazza delle Sorgenti in Bagno Vignoni nutzten bereits die Etrusker. Heute schätzen die Heilkräfte des Wassers auch die Gäste der Thermae Adler (siehe Tipp rechts). Das Relax-Resort hat in den vergangenen 15 Jahren das Val d’Orcia als Wandergebiet akribisch mit gut beschilderten Wegen erschlossen und eine praktische Wander-App eingerichtet, die einen on- und offline durch die Natur- und Kulturlandschaft navigiert. Mit Christina Mairhofer hat das Adler einen eigenen Tour-Guide, der die Gegend und ihre Geheimnisse perfekt kennt. Sie weiß sogar, wo die scheuen Stachelschweine zu Hause sind. Und sie kennt natürlich auch die Familie Grappi. Die lebt an der Pilgerstraße Via Francigena unterhalb von Pienza im Castello Spedaletto.

Slow food aus dem Wellental 

Bereits im Mittelalter bot die Burg mit den markanten Türmen Kreuzfahrern auf ihrem Weg nach Rom eine Herberge. Die Grappi-Familie hat das Anwesen in einen Biobauernhof umgewandelt. Sie baut Getreide biologisch an sowie Linsen, Kichererbsen und Bohnen. Und auch Rotwein und Olivenöl stellt sie selbst her.

In der ehemaligen Halle für landwirtschaftliche Geräte ist die kleine „Mulino Val d’Orcia“ untergebracht. Amedeo Grappi mahlt alte, robuste Getreidesorten aus dem Tal langsam mit einem Schleifstein aus Granit. Genau so, wie es bereits sein Vater Luchino gemacht hat. „Die schonende Methode bewahrt die Vitamine, Mineralien und Proteine im Mehl. Außerdem erlaubt sie das Trocknen der in Bronzeformen gezogenen Pasta bei niedriger Temperatur. Pici brauchen dafür 36 Stunden, Pappardelle 24 Stunden.

Sie sind besser verdaulich und nahrhafter als die industriell hergestellten Produkte“, ist der studierte Agrarwissenschafter überzeugt. Die kleine Mühle produziert pro Woche nur 500 Kilogramm Pasta mit der charakteristischen Bernsteinfarbe. Qualität, die schmeckt. „Zuallererst bin ich Bauer!“, sagt Amedeo Grappi. „Im Unterschied zu anderen Pasta-Herstellern kümmere ich mich um den gesamten Produktionszyklus: vom Weizen unserer Felder bis zu den fertigen Pici.“ Er setzt auf eine möglichst kurze Lieferkette. Keines seiner Slow-Food-Produkte landet in einem Supermarkt. „Die Waren verkaufe ich direkt an Restaurants und Hotels.“ Im eigenen Laden bietet er auch Spezialitäten von anderen Erzeugern aus dem Tal an. Zum Beispiel würzigen Pecorino-Käse, fruchtige Marmeladen, würzige Craft Beers. „Mir geht es auch um Geschmacksbildung!“

Das Land in der Flasche

Roberto Rappuoli ist ein Riese. Er wirkt ernst, fast etwas traurig. Seine Leidenschaft gehört dem Craft Beer, das in ganz Italien derzeit vor allem bei jungen Leuten boomt. Der studierte Chemiker gründete mit zwei Freunden die winzige Birrificio San Quirico. Sie ist wahrscheinlich die kleinste Brauerei Italiens. Nur 20 Quadratmeter groß, jedoch vollgestopft mit modernster Technik, produziert sie hochfermentierte Craft Beers. „Ungefiltert und nicht pasteurisiert. Ohne jegliche Konservierungsstoffe, ­Geschmacksstoffe oder chemische Zusätze“, berichtet er und lässt dazu seine Hände vieles erklären.

„Unsere Biere“, sagt der ehemalige Bürgermeister der Stadt, ­„verkörpern Geschichte, Natur und Kultur der Region.“ „Catharina“ etwa ist ein aromatisches Doppelmalzbier, angereichert mit Pfeffer, Zimt, Muskat und Nelken. ­Gewürze, die alle im berühmten Weihnachtsgebäck Panforte di Siena zu finden sind. 

„Meine zehnjährige Tochter hat mir einmal gesagt: ,Papa, du bringst das Land in die Flasche.‘“ Dieses Bild gefällt Roberto Rappuoli. „Das Val d’Orcia ist ein großer Freiluft-Getreidespeicher, der perfekte Rohstoffe für unsere Biere liefert.“ Das Wasser stammt von den Bergquellen des Vivo, einem Nebenfluss des Orcia. Noch kommen Hopfen und Malz aus Bayern. Das soll sich aber bald ändern. Gemeinsam mit der ­Universität von Siena und dem CERB (Zentrum für die ­Erforschung von Bier) an der Universität von Perugia sucht der stolze Brauer eine rein regionale Lösung. Kein leichtes Unterfangen. 

Der Phrasen-Wein

Denn das Val d’Orcia war in erdgeschichtlicher Vorzeit einmal Meeresboden. Die Erde ist schwer und lehmig. Kartoffeln zum Beispiel gedeihen hier ganz schlecht. Weinreben haben kein Problem mit dem besonderen Terrain. Ganz im Gegenteil. Auf den sanften Weinbergen von Montalcino im Westen des Tals wächst der berühmte Brunello, im Osten der Vino Nobile di Montepulciano. Zwischen den zwei weltbekannten Weinregionen Italiens liegt das junge, kleine Weinbaugebiet Orcia DOC. Einige Kilometer abseits der Provinzstraße Richtung Pienza liegt auf einer kleinen Anhöhe das Gehöft von Marco ­Capitoni. Es heißt Sedime, was so viel bedeutet wie „ein Ort, wo alles ruht und sich entspannt“. Das Gut, das 1692 in den Kataster von Siena eingetragen wurde, umfasst
50 Hektar Ackerland, Weinberge, Olivenhaine und etwas Wald. Marco Capitoni setzt wie viele hier auf den Agri­turismo.

Er ist ein freundlicher Mann, der auch im ­Weinkeller eine gewisse Eleganz ausstrahlt. „Wir bauen Sangiovese, die Rebe des Brunello, und Merlot an. Unsere Weine entstehen biodynamisch am Rebstock, wir nutzen keine Tricks im Keller. Nur die Umgebungshefe und das Aroma der Holzfässer.“ Nicht jeder Jahrgang ist ein voller Erfolg. Daher schreibt Marco Capitoni auf die Flaschen, die mit seinem „Frasi“ abgefüllt sind, eine Phrase, die die Arbeit mit dem Wein charakterisiert. Zum Beispiel: „Ich habe einen Hasen zu einem Rennen herausgefordert – und ich habe ihn nie erwischt!“

Mit großer Leidenschaft und einem Auge für die ­lokale Tradition produziert er auch eine absolute Rarität. Der „Troccolone“, benannt nach dem Kaufmann, der einst die abgelegenen Höfe mit Werkzeug belieferte und dafür Lebensmittel erhielt, reift in Amphoren aus Terrakotta. So haben es die Etrusker schon gemacht. „Dieser einfache Wein ist das pure Ergebnis der Arbeit im Weingarten. Er ist ein wunderbarer Begleiter zu den Alltagsgerichten der toskanischen Küche.“ Und die ist eine Armenküche. Typisch sind Pici, die handgerollte Pasta, die an zu dicke Spaghetti erinnert. Sie wird oft nur mit Pecorino und schwarzem Pfeffer garniert. Ribollita, eine Suppe mit Hülsenfrüchten, charakterisiert ebenfalls die eher schlichte Gastronomie des Landstrichs. Die Menschen der Region schätzen und fordern jedoch Qualität. Das ist eine Grundeinstellung. Sogar einfache Lokale servieren Slow Food mit viel Geschmack (siehe Tipps).

Wenn das malerische Val d’Orcia die ideale Landschaft symbolisiert, dann steht Pienza für die ideale Stadt. Papst Pius II. ließ einst aus seinem dörflichen ­Geburtsort Corsignano die architektonische Musterstadt errichten. Der berühmte Baumeister Bernardo Rossellino errichtete für seine Heiligkeit Rathaus, Palast und Kathedrale in nur drei Jahren.

Vielleicht senkt sich die Kirche ­deshalb seit vielen Jahren ab. Beim Altar gibt es eine sichtbare Neigung. Die im Stil der Renaissance ­gestaltete Altstadt von Pienza ist seit 1996 UNESCO-­Welterbe. Sie ist das beliebteste Kulturgut des Tals. Und die Touristenströme können im Sommer schon einmal die Gassen ­verstopfen. Schließlich gibt es hier weit und breit keine besseren Einkaufsmöglichkeiten. Ein besonderes Mitbringsel ist die Salami vom Cinta Senese, einem Freilandschwein der Region. Sie weckt Biss für Biss schöne Erinnerungen an diese besondere Landschaft.