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Leuchttürme zählen zu den Wahrzeichen Sylts. © Sylt Marketing/Rainer Mirau

Sylter Inselglück

Natur pur statt Party und Jetset: Der Frühling ist die beste Zeit für Deutschlands nördlichste Insel. 

Es macht „quatsch“, ein saftiges, gurgelndes Geräusch, wenn die nackten Füße in den matschigen Schlamm der Nordsee einsinken. Wahre Wattwanderer gehen bloßfüßig statt mit Stiefeln, denn diese würde man ohnehin gleich ausziehen. Die See zieht sich gerade hundert Meter zurück und legt den Meeresboden frei. Gleich bei den ersten Schritten auf dem durch die Sonne auftrocknenden Küstenstrich spürt man ein Kribbeln zwischen den Zehen, die von quirligen Wattwürmern liebkost werden. 

Wer glaubt, unter einem ist alles leblos, irrt gewaltig: Drei Millionen Wimpertierchen, eineinhalb Millionen Fadenwürmchen, eine Million Kleinkrebse, 30.000 Wattschnecken, 100 Strandschnecken und noch viel mehr an Kleingetier leben im Schnitt unter einem ­Quadratmeter Wattboden – mit dem Gesamtgewicht eines kleinen Kaninchens. 

Am Horizont gleiten Fischerboote dahin, links und rechts ihre Fangnetze ausgebreitet. Immer weiter geht es hinaus Richtung offener See. „Passt auf die tiefen Priele auf“, warnt Watt-Guide Jens. So nennt man die von der starken Strömung in den Meeres­boden gegrabenen Rinnen. „Immer wieder müssen wir Unvorsichtige retten, weil ihnen der Rückweg durch die Flut und die meterbreiten Priele abgeschnitten wird, die sich schnell mit Wasser füllen.“ 

Ein bedrohtes Eiland

Schaut man vom offenen Meer zurück Richtung Land, erblickt man auf den Dünen sich sanft im Wind wiegenden Strandhafer. Ende des 19. Jahrhunderts angepflanzt, sollte er den Sand und damit die ganze Insel vor den Stürmen der Nordsee schützen. Bis zu zehn Meter tief graben sich seine Wurzeln ein und festigen den Inselboden. 

Heute werden moderne Schutzmaßnahmen getroffen, wie etwa Sandaufschüttungen mittels Schiffen, um der Gewalt von Wind und Wetter zu trotzen. Denn das lang gezogene Sylt, an der schmalsten Stelle nur 300 Meter breit, ist angesichts der exponierten Lage in der manchmal wild tobenden Nordsee ein nach wie vor bedrohtes Eiland. Besonders im Süden knabbern Sturmfluten regelmäßig fußballfeldgroße Strandabschnitte weg. Prognosen von Experten sagen Sylt keine gute Zukunft voraus. So könnte Sylt bis zum Jahr 2050 in zwei Insel geteilt werden und zum Ende des Jahrtausends sogar aus fünf Inseln bestehen.

Der Kampf gegen die Kräfte der Natur hat die Inselbewohner seit jeher begleitet. Früher war Sylt, so wie alle Inseln im Norden, eine Arme-Leute-­Insel, deren Bewohner ums pure Überleben kämpften. 

Heimat reicher Walfangkapitäne

Im 17. Jahrhundert zog der Reichtum auf Sylt ein, dank des größten Säugetiers der Welt. Sylter Seefahrer stiegen nämlich in den Walfang ein und befuhren alle Meere. 

„So mancher musste bei den gefahrvollen Fahrten sein ­Leben lassen“, weiß Lokal­historiker Alexander Römer zu erzählen. „Dafür wurden andere reich, erbauten prachtvolle Häuser und brachten Schätze und Kuriositäten aus aller Welt mit nach Hause.“ Diese sind heute zum Beispiel im alten Kapitänshaus von Keitum zu bestaunen. Aber innerhalb eines Jahrhunderts waren die Wale im Eismeer nahezu ausgerottet.

Kein Wunder, denn allein Kapitän Lorenz Petersen erlegte mit seiner Mannschaft auf 38 Fahrten 139 Wale. Ersatz wurde mit der Handelsschifffahrt gefunden, dem neuen Quell des Wohlstands. ­Sylter Seemänner waren bis nach ­China und Australien unterwegs. Aber auch damit war bald Schluss und die Insel entdeckte wieder eine neue lukrative Einnahmequelle: den Tourismus. Und der war nachhaltiger, was man an der ungebrochenen Beliebtheit von Sylt ablesen kann. 

Vom Seebad zur NobelInsel

Im Jahr 1855 wurde die Inselhauptstadt Westerland zum Seebad ernannt. Während im ersten Jahr nur 98 Gäste gezählt wurden, sind es jetzt an einem Sommertag um die 100.000, die dem Ruf der Insel folgen. Diesen Trend ­haben ­zu Beginn Künstler ausgelöst, darunter etwa Thomas Mann und Hermann ­Hesse oder Emil Nolde und Marlene Dietrich.

Auf einmal war Sylt in und genoss den Ruf einer deutschen Côte d’Azur. Auch der Name Gunter Sachs ist ­untrennbar mit Sylts Wandel zur ­Nobelinsel verbunden. Bald entdeckte auch der internationale Jetset die Nordsee, mit hohem Glamour-Faktor, rauschenden Partys und einem Stelldichein von ­Reichen und Neureichen. Prominente wie Günter Jauch, Johannes B. Kerner, Jürgen Klopp, Karl-Heinz Rummenigge oder Wolfgang Schäuble haben sich hier niedergelassen, andere, wie etwa Joachim Löw oder Wolfgang Joop, sind treue Fans der Insel. 

Jeden deutschen Adabei-Reporter beschäftigt die Frage, welche Berühmtheit gerade in der Saison auf Sylt weilt und Szene-Treffs wie dem Sansibar, dem Gogärtchen oder dem Pony die Ehre erweist. 

Was ist aber all der Rummel um diese Stars und Starlets im Vergleich zur größten Attraktion der Insel, der Natur? Gerade der Frühling, wenn Sylt noch etwas verschlafen ist, ist die beste Zeit, die ruhigen, aber umso erlebnisreicheren Seiten der Insel zu entdecken. 

Ost- und Westküste bieten da komplett gegensätzliche Welten.Die Westseite ist wild und rau – ideal für stimmungsvolle, endlose Spaziergänge. Selbst zu den belebtesten Zeiten braucht man nur ein paar Minuten zu Fuß und ist ganz alleine mit dem Meer, das tiefblau glänzt wie jenes in der Karibik. Die dem Festland zugewandte Seite ist von der Brandung geschützt und verfügt mit dem Wattenmeer über ein ganz besonderes Biotop. Vor zehn Jahren von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt, prägen die regelmäßigen Gezeiten – der Wechsel von Ebbe und Flut alle sechs Stunden – die vielfältige Landschaft. 

Der grösste Star auf Sylt ist die Natur

Das Wattenmeer ist Lebensraum von mehr als 10.000 Tier- und Pflanzenarten. „Während Afrika die ,Big Five‘ hat“, erzählt Watt-Guide Jens bei unserer Tour, „haben wir hier die sogenannten ,Small Five‘“, und meint damit Wattwurm, Herzmuschel, Strandkrabbe, Wattschnecke und Nordseegarnele. 

Auch für die Vogelwelt ist Sylt ein Paradies. Fast alle der gefiederten Insulaner sind jedoch „Immigranten“, Zugvögel auf der Reise von Nord nach Süd oder umgekehrt. Die Überlebenschance der auf Sylt geborenen Jungtiere ist denkbar gering. Während auf Nachbarinseln wie Amrum oder Föhr jedes dritte Küken flügge wird, ist es auf Sylt nicht einmal ein Prozent. Denn über den 1927 gebauten Hindenburgdamm, die einzige Verbindung zum Festland, kommen nicht nur Touristen mit Autos huckepack auf dem Shuttlezug, sondern auch gefräßige Räuber wie der Fuchs, der über diesen elf Kilometer langen Damm die Insel für sich erobert hat, sich an der Vogelbrut erfreut und so den Ruf Sylts als Genussinsel untermauert.