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Madeira punktet mit schroffen Küsten und wilder Schönheit. © iStockphoto

Ein Frühlingstraum im Winter

Üppige Täler, duftende Lorbeerwälder, schroffe Felsküsten: Bereits zum vierte Mal in Folge wurde Madeira zu „Europas bester Inseldestination“ gewählt. Durchaus zu Recht – auch in kulinarischer Hinsicht.  

Von oben betrachtet sieht Madeira ziemlich zerknittert aus. Im Inselinneren wachsen mächtige Gebirgszüge in den Himmel, deren Ausläufer an den Küsten steil ins Meer stürzen. Kaum vorstellbar, dass auf dieser zerknitterten Vulkaninsel ein so makellos glattes
Gesicht wie jenes von Cristiano Ronaldo das Licht der Welt erblicken konnte. Tat es aber, am 5. Februar 1985. Und so hat man den Flughafen in Cristiano Ronaldo Airport umbenannt und dem Fußballer im Hafen seiner Heimatstadt Funchal ein Denkmal gesetzt – wobei man bei der „Ausstattung“ seiner Lendengegend durchaus großzügig war.

Ronaldo ließ sich selbst zu Ehren neben seiner Statue ein Cristiano Ronaldo Museum errichten, samt Bar, Hotel und Restaurant. Nicht ausgeschlossen also, dass Madeira künftig einmal auf den schönen Namen „Insel des Cristiano Ronaldo“ hören wird. Bis dahin trägt das Eiland aber noch die schmückenden Beinamen „Blumeninsel“, „Insel des ewigen Frühlings“ und „Schwimmender Garten im Atlantik“. 

Gigantisches Gewächshaus 

Womit eigentlich schon fast alles gesagt wäre: Rund 1.000 Kilometer vom Mutterland Portugal entfernt und 700 Kilometer westlich von Afrika steigt Madeira wie ein Klotz aus dem Atlantik. Die Sommer sind warm, aber nicht heiß, die Winter feucht, aber mild. Die Insel ist ein einziges Gewächshaus. Die Märkte biegen sich unter der Last exotischer Obstsorten wie Cherimoya, Baumtomate, Passionsfrucht, Guave und Papaya, aber auch Surinamkirsche, Japanische Mispel und Köstlicher Kolbenriese.

In den Parks und Gärten in und um die Hauptstadt Funchal gedeihen Peruanische Pfefferbäume, Afrikanische Tulpenbäume und Japanische Sicheltannen, Kauritannen, Kampferbäume und Korallenbäume sowie der seltsame Leberwurstbaum, dessen bis zu sieben Kilo schwere Früchte an Leberwürste erinnern.

Der Besucher merkt bald: Das milde Klima und die üppige Landschaft sind die größten Attraktionen Madeiras. Weite Teile der Insel stehen seit 1982 unter Naturschutz. Hier reihen sich felsige Küsten an sumpfige Hochebenen und steppenartige Landstriche, da plätschern Wasserfälle und hängen Wolken über dichten Lorbeerwäldern und dort bedecken grüne Fleckerlteppiche die Terrassen­felder – selbst hoch am Hang wird jeder Millimeter für Ackerbau genützt. 

Wer Sandstrand und Party sucht, ist auf anderen Inseln besser aufgehoben. Nightlife? Lieber früher schlafen gehen und morgens fit sein für Ausflüge und Wanderungen. Badestrände gibt es kaum, und wenn, dann sind diese entlegen oder künstlich (mit Sand aus ­Marokko) angelegt. Gebadet wird überwiegend im Pool oder in ­geschützten Naturschwimmbecken aus Lavagestein, etwa in Porto Moniz. 

Exil für Österreichs Kaiser

Das angenehme Klima wussten einst auch die ersten Siedler zu schätzen; sie bauten Zuckerrohr und Wein an und wurden damit reich. Die ersten Touristen kamen ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Es waren wohlhabende Engländer, die es sich leisten konnten, mehrere Monate auf der Insel zu überwintern. Prominenteste Besucherin in diesen Anfangsjahren war Kaiserin Elisabeth von Österreich, die 1860/61 einige Monate auf Madeira verbrachte, um sich angeblich von einem Lungenleiden zu erholen. Tatsächlich wollte Sisi eine Auszeit von Ehemann und Schwiegermutter in Wien nehmen. 

Eine andere tragische Figur der Habsburgermonarchie, Karl I., der letzte Kaiser von Österreich, wurde 1921 nach Madeira ins Exil verbannt. Anfangs logierte er noch nobel im Fünf-Sterne-Hotel Reid’s in Funchal. Obwohl seine Frau Zita nach und nach ihren gesamten Schmuck veräußerte, ging bald das Geld aus und die Familie musste ein Quartier im Ort Monte, 550 Meter oberhalb von Funchal, beziehen. Doch das Haus am Berg war ungeheizt und Karl vertrug die feuchte Luft in der Höhe nicht. Er zog sich eine Grippe zu, lehnte aber aus Geldmangel jegliche ärztliche Hilfe ab und hauchte vier Wochen später, am 1. April 1922, sein Leben aus. 

Mit einer (österreichischen) Gondel schweben Touristen aus aller Welt heute in 17 Minuten von der Altstadt Funchals hinauf nach Monte. 68 teils moosige Stufen führen dort zur letzten kaiserlichen Ruhestätte in der Wallfahrtskirche Nossa Senhora do Monte.
Hinunter nach Funchal geht’s zwar nicht so schnell wie mit der Gondel, dafür wesentlich spektakulärer: in einem Korbschlitten. 

Im 19. Jahrhundert dienten die Schlitten als Transportmittel hinab in die Hauptstadt, nun sind sie eine weltweit einzigartige Touristenattraktion. Die in Handarbeit aus Korbweide und Holz gefertigten Schlitten werden von zwei ­traditionell gekleideten Lenkern geschoben und gelenkt. Diese setzen die großen Gummisohlen ihrer Stiefel geschickt als Bremsen ein und steuern das wackelige Gefährt die schmalen, steilen Gassen hinab Richtung Funchal, und das bei Gegenverkehr!

Madeiras Riviera

Funchal ist das Zentrum des Tourismus und die Metropole der Insel. In Madeiras Hauptstadt leben etwa 115.000 Menschen, fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung. Dennoch geht es recht beschaulich zu: Parks und Promenaden prägen das Stadtbild, das tägliche Leben spielt sich in engen Einkaufsgassen, kleinen Restaurants, urigen Bars und alten Weinkellereien ab. 

In der Kellerei D’Oliveiras in Funchals Altstadt lagern Weine aus dem Jahr 1850. „Madeirawein wird anders hergestellt als jeder andere Wein der Welt“, erzählt die hier geborene Sofia Maul, die Wein- und Gastro-Touren durch Funchal veranstaltet. „Um den Wein früher für Schiffsreisen länger haltbar zu machen, schüttete man Brandy hinein.“ Daher liegt der Alkoholgehalt des Madeiraweines auch zwischen 18 und 22 Prozent. „Er ist ein Drink zum Nippen, nicht zum Kippen“, mahnt Maul.
 

Westlich von Funchal, dort, wo die Reben des Weines reifen, beginnt Madeiras Riviera. Die Südwestküste hat das wärmste und sonnensicherste Klima der Insel. Hier wechseln imposante Steilküsten und kieselige Strände, Yachthäfen und kleine Fischerorte. Im Hafen von Camara de Lobos liegen bunt bemalte Boote am Strand, mit denen die Fischer zum Fang des Schwarzen Degenfisches hinausfahren.

Der ist zwar keine besonders ansehnliche Kreatur, aber sehr schmackhaft; sein weißes Fleisch ist zart und enthält viele gesunde ungesättigte Fettsäuren. „Niemand hat den espada, den Degenfisch, je lebend gesehen“, erzählt Gastro-Guide Sofia Maul. „Er lebt in Tiefen von bis zu 1.700 Metern. Wenn ihn die Fischer nachts mit ihren langen Leinen an die Oberfläche ziehen, ist er durch den Druck bereits tot.“ 

Tagsüber sitzen die Männer am Hafen, reparieren ihre Angelschnüre oder spielen Karten, vorzugsweise mit einem Glas Poncha in der Hand. Als „Gottesnektar“ bezeichnen die Einheimischen den Drink, der zu je einem Drittel aus Zuckerrohrschnaps, Honig und Zitronensaft besteht. „Fühlen wir uns krank, trinken wir zwei, drei Gläser davon“, sagen die Fischer. Wenn nicht, dann auch.

Wenn abends die Grenze zwischen Wolken und Meer am Horizont verwischt und Madeira sich in einen funkelnden Juwel im Atlantik verwandelt, dann fragt sich der Besucher, warum Cristiano Ronaldo dieses Eiland eigentlich verlassen hat.